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Armutsregion: Sogar bei den Toten wird gespart

Würde man einen Film über deutsche Hoffnungslosigkeit drehen wollen, Demmin in Vorpommern wäre ideal: Außer einer Kaviarfabrik gibt es hier nicht viel. Erdbestattungen sind für viele zu teuer - die Kaufkraft liegt ein Drittel unter Bundesdurchschnitt.

"Wenn mein Mann nicht seinen Job hätte, wir wären wohl schon weggezogen, wie viele andere", sagt Ingrid Reemer. Die 44- Jährige aus dem Kreis Demmin in Vorpommern hat seit 1990 sieben Jobs ausprobiert - mehr als andere in ihrem ganzen Leben. Zurzeit ist sie selbstständig und bietet an einer Bundesstraße Mittagessen und Imbiss an. "Das war nur durch die Ich-AG-Förderung möglich. Große Kredite wollte ich nicht aufnehmen." Viel mehr als die staatliche Förderung bleibt der gelernten Molkereifacharbeiterin nicht. Das Geschäft läuft eher flau. Kein Wunder: In keinem anderen deutschen Landkreis verfügen die Menschen über so wenig Geld für den täglichen Konsum.

Kaufkraft liegt ein Drittel unter dem Durchschnitt

"Die Kaufkraft liegt bei 12.500 Euro pro Kopf und Jahr. Das sind schon 500 Euro mehr als im Vorjahr, aber trotzdem ist der Kreis noch immer bundesweites Schlusslicht", sagt Tobias Hagen von der Münchner Acxiom Deutschland GmbH, die die Kaufkrafterhebung vorgenommen hat. Wie Demmin liegen auch die Nachbarkreise Ost- und Nordvorpommern sowie Uecker-Randow seit Jahren deutlich unter dem Bundesschnitt, der laut Hagen derzeit 18.000 Euro pro Kopf und Jahr beträgt. Im Umfeld von Ballungszentren wie München werden auch schon mal Werte von 28.000 Euro erreicht.

"Ein Wunder ist das nicht", sagt Demmins Vizebürgermeister Kurt Kunze (CDU). Seit Jahren tragen die vorpommerschen Kreise mit Arbeitslosenquoten bis knapp unter 30 Prozent bundesweit die "rote Laterne". Das habe vor allem historische Ursachen. "Die Gegend war landwirtschaftlich geprägt. Neun von zehn Jobs sind da weggebrochen." Auch ein Elektromotorenbetrieb, der einst 650 Leuten Arbeit gab, machte dicht. Zwar siedelten sich nach 1990 einige Firmen neu an. Doch seit fünf Jahren kamen kaum Neugründungen hinzu. Eine der wenigen ist ein Kaviarhersteller, der die Gebäude eines insolventen Fischzüchters übernahm und in Demmin die weltweit größte Produktionsstätte für die exklusiven Fischeier aufbauen will.

Jeder fünfte Einwohner verließ Demmin seit der Wende

Im Tourismusland Mecklenburg-Vorpommern liegt die Region auch noch abseits der großen Touristenströme. 50 Kilometer sind es jeweils bis zur Ostseeküste und zur südlich gelegenen Seenplatte. Wer Ruhe sucht, findet sie hier. Mit 45 Einwohnern je Quadratkilometer gehört der Kreis Demmin zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Deutschlands. Tendenz: weiter rückläufig. Seit 1990 hat etwa jeder fünfte Einwohner seiner Heimat den Rücken gekehrt.

Mit einer Besserung rechnet Christina Felgenhauer, die Chefin der Arbeitsgemeinschaft von Arbeitsagentur und Kreis nicht. "Vom 1997 bis 2005 hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs von rund 26 700 auf 19 800 abgenommen." Inzwischen bekommen 16 100 Menschen Arbeitslosengeld II oder aufstockende Leistungen, weil sie mit ihrer Arbeit zu wenig für den Lebensunterhalt verdienen. "Man kann von fast 50-prozentiger Arbeitslosigkeit sprechen", konstatiert Felgenhauer nüchtern.

Selbst Bestatter spüren den Kaufkraftrückgang. "Wir hatten immer knapp zwei Drittel Erd- und ein Drittel Feuerbestattungen. Jetzt ist es fast umgekehrt", erzählt eine Unternehmerin. Eine Immobilienmaklerin ergänzt: "Manchmal bekommen wir sogar Büroräume für einen Euro den Quadratmeter nicht mehr vermietet."

Winfried Wagner/DPA / DPA
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