Beschwerde-Chor Die singenden Meckerfritzen von Köln

Nervt der Nachbar? Ärger über fette Beamtenpensionen? Überdruss an der Kanzlerin? Nöhlen Sie doch einfach mal nach Herzenslust rum. Denn in Köln gibt es Menschen, die daraus tolle Songs stricken. Ein Besuch beim Beschwerde-Chor.
Von Kilian Trotier, Köln

Egal, ob die Zähne ausfallen, Autofahrer achtlos Zigaretten auf die Fahrbahn werfen oder besoffene Yuppie-Pseudo-Fußballfans den Stadionbesuch vermiesen - vom alltäglichen Ärger kann jeder ein Lied singen. Ein Chor hat sich dies nun zur Aufgabe gemacht: Im "Beschwerdechor" sind Meckern und Jammern nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Das Beste: Jeder ist eingeladen, mitzumachen und ordentlich Dampf abzulassen. Wer dies nicht singend machen will, kann es auch erst einmal schriftlich tun.

Ein Forum für das kollektive Gestöhne und Gemotze ist die Website www.beschwerdechor.de. Hier wird jedem Ärger - ob politisch oder privat - Luft gemacht. "Immer sterben die aus meiner Familie, die ich am liebsten mag", schreibt Raphaela Kaets aus Köln. Und eine Berlinerin nörgelt: "Warum müssen Ausflugsschiffe die Innenstadt mit ihrem Dieselgeruch verpesten?" Der Kölner Komponist Wilfried Kaets bastelt aus dem Grummelsortiment, das von Tag zu Tag wächst, ein harmonisches, wohlklingendes Ganzes. Er sucht einzelne Ärgernisse aus, bastelt daraus Strophen und komponiert eine Melodie - fertig sind die Beschwerdehits.

Empfang beim Bürgermeister

Der Kölner Beschwerdechor wird vom Landesmusikrat Nordrhein-Westfalen, dem Dachverband der Musikverbände und -vereine, und der Betriebsgesellschaft "Köln Musik", die für die Konzerte in der Philharmonie zuständig ist, getragen - und hat sich schnell als Selbstläufer entpuppt. Im April erst wurde er gegründet. Schon bei der ersten Gesangsprobe war die Resonanz verblüffend: Rund 200 Sangeswillige wollten ordentlich meckern - inzwischen hat sich ein harter Kern von 80 Sängerinnen und Sänger gebildet. Einmal in der Woche treffen sie sich, studieren Texte und Melodien ein und besingen das Schlechte in dieser Welt. Allerdings nicht nur zum Vergnügen: Der Chor will seine Beschwerden unters Volk bringen.

Drei Auftritte sind bis zum Ende des Monats geplant. Am 20. September präsentiert der Chor sein Gesamtwerk bei der Kölner Musiknacht in der Philharmonie. Ein Konzert unter freiem Himmel gibt es eine Woche später, am 26. September, auf dem Hanns-Hartmann-Platz. Seine Premiere feiert der ungewöhnliche Chor zuvor aber an anderer Stelle: Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) empfängt die Sängerinnen und Sänger an diesem Freitag im Rathaus, um sich die zum großen Teil von Bürgern aus seiner Stadt verfassten Beschwerden anzuhören - und sie sich vielleicht auch zu Herzen zu nehmen.

"Keiner schenkt mir Blumen"

Entsteht da eine neue basisdemokratische Polit-Gruppe? "Wir haben den Chor gegründet, damit Menschen ihre Beschwerden singend artikulieren können. Dass der Bürgermeister uns zuhört, ist eine wunderbare Sache. Eine neue Interessengruppe werden wir aber sicherlich nicht", wiegelt Robert von Zahn, Generalsekretär des Landesmusikrates, ab. Die Sängerinnen und Sänger des Chores indes wollen mehr. "Die Lieder sind eine innovative Art, Sorgen, Nöte und Beschwerden an die Öffentlichkeit zu bringen. Und natürlich würden wir damit gerne politisch etwas erreichen", sagt Silke Müller. Die 21 Jahre alte Studentin aus Jüchen fährt zu jeder Probe nach Köln. Eine dreiviertel Stunde sitzt sie dafür in der Bahn.

Der bunt zusammen gewürfelte Sängerhaufen - die Altersspanne reicht von 16 bis 82 Jahren - trifft sich zwar offiziell zum Meckern. Doch zum Miesepeter wird deshalb keiner. Die Texte, die sie vortragen, entbehren nämlich nicht einer gewissen Komik. Kostprobe: "Köln vermüllt, keiner schenkt mir Blumen. Die Fachhochschule ist feucht, es fehlt ein Taxi-Kurzstrecken-Tarif." Gesungen wird auf vier Sprachen: Deutsch, Türkisch, Englisch - und natürlich auf Kölsch. Der Chor ist aufgeteilt in die vier klassischen Stimmen, einige Passagen sind gar sechsstimmig. "Karnevals-Hip-Hop ist das jedenfalls nicht", freut sich Keerti Stephani über die anspruchsvollen Abschnitte. Der Elektriker ist wie die meisten seiner neuen Sangesfreunde seit Jahren Mitglied in anderen Chören - musikalisch sind die Meckerstücke für ihn dennoch eine Herausforderung.

Beschwerden zum Beschwerdechor

Der Beschwerdechor - eine urdeutsche Erfindung? Auch wenn es nur zu gut zum Image des ewig unzufriedenen Volkes passen würde, wirklich neu ist das Projekt nicht. Das Gesangsgemotze startete in England: 2005 gab in Birmingham erstmals ein Chor seine Beschwerdehits zum Besten. Von da an breitete sich die Idee der sangesfreudigen Nörgler nach Helsinki und Sankt Petersburg aus. Köln machte in Deutschland den Anfang.

Der Enthusiasmus fürs Meckern ist nationenübergreifend, das Interesse in Köln enorm. Die Zukunft des ersten deutschen Beschwerdechors ist trotzdem unklar. Das Projekt kostet mit 30.000 Euro, die überwiegend aus Landesmitteln kommen, viel Geld. Der öffentliche Druck, den Chor zu einer dauerhaften Einrichtung werden zu lassen, formiert sich aber schon. Als Forum dient dazu ausgerechnet die eigene Website. "Ich beschwere mich darüber, dass der Beschwerdechor nur eine Eintagsfliege ist", schreibt Nelly Fleckhaus aus Odenthal. Wo sollte man auch besser seinen Ärger loswerden als beim Beschwerdechor.

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