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Birgit Pfahls: "Wie er jetzt wohl aussieht?"

Gespräch mit der Ehefrau von Ludwig-Holger Pfahls, die jahrelang auf ihren Mann gewartet hatte und sich nun, nachdem er gefasst wurde, von ihm scheiden lassen will.

Wie fühlen Sie sich, jetzt da Ihr Mann gefasst ist?

Ich bin total überrascht. Ich habe die ganzen Jahre gedacht, dieser Mann lebt nicht mehr.

Schwer zu glauben ...

Es ist so. Ich habe nie irgendetwas gehört. Als er vor fünf Jahren in Taiwan verschwand, habe ich gedacht, er wurde gekidnappt. Danach dachte ich, dass er in Deutschland ist. Anfangs wenigstens.

Es hieß mal, dass Sie in der Schweiz noch Kontakt mit ihm gehabt hätten.

Ich? Nein. Niemals. Nie.

Sie haben also seit Juli 1999 in Taiwan keinerlei Kontakt mehr gehabt?

Niemals, in der ganzen Zeit. Ich bin total überrascht. Absolut überrascht.

Können Sie sich sein Verhalten erklären?

Nein, wirklich nicht. Ich realisiere das ja jetzt erst: Diese ganzen fünf Jahre, das scheint doch den überhaupt nicht interessiert zu haben, wie es mir geht. Ich hätte ja tot sein können oder sterbenskrank. Und er hätte sich sicherlich nicht gekümmert. Ich bin gerade dabei, meine Scheidung durchzukriegen.

Haben Sie schon einen Anwalt?

Ja. Aber jetzt erst. Ich bin noch bei meiner Informationssammlung, weil dieser Mann ja nicht da war. Jetzt sieht das alles ganz anders aus und ist vielleicht nicht mehr so kompliziert und so teuer. Ich kann mir wirklich nichts leisten.

Hat er Sie nie finanziell unterstützt?

Nein. Wie denn?

Hat er Ihnen keine Geldpakete in Taiwan zugesteckt?

Nein. Nein. Nichts. Null.

Aber er hat seinen Töchtern aus erster Ehe die Vollmacht gegeben, das Haus zu verkaufen.

Und ich als seine Ehefrau weiß noch nicht mal, für wie viel das Haus verkauft worden ist! Und was mir noch zugestanden hätte. Ich habe ja nie Geld gehabt, um mir einen Anwalt zu nehmen.

Hatten Sie niemanden, den Sie um Hilfe bitten konnten?

Ich bin so belästigt worden in den ersten Jahren. Wer hätte mir helfen können? Jedenfalls hat dieser Mensch, dieser Mann, mir nichts hinterlassen. Ich habe mich wirklich absolut durchgekämpft. Und ich bin absolut erschüttert, dass der lebt, weil mir jetzt erst wie Schuppen von den Augen fällt, dass der mich eigentlich nur benutzt hat, von Anfang an.

In welcher Hinsicht benutzt?

Wahrscheinlich sollte ich mit ihm repräsentieren. Aber ansonsten nichts. Ich habe nichts. Ich hatte auch nie einen Kontozugang. Ich habe gedacht, er lebt nicht mehr. Das habe ich wirklich gedacht. Ich kann das alles gar nicht fassen. Wie er jetzt wohl aussieht, dieser Mann? Ich wusste ja nicht, was der alles gemacht hat. Mit wie vielen Firmen der offensichtlich gearbeitet hat.

Sie haben während der Ehe nur den Haushalt geführt?

Ja, das kann man fast so sagen.

Gab es da keine geschäftlichen Essen?

Doch. Natürlich. Empfänge und so, klar. Die gab es. Ich denke mal, dass ich Repräsentationsaufgaben hatte. Das hat er zwar nie gesagt, aber so muss es wohl sein.

Bricht jetzt für Sie, wenn Sie an seinen Charakter denken, eine Welt zusammen?

Wie soll ich sagen: Auch als ich ihn geheiratet habe, so ganz sicher war ich mir gar nicht. Ich habe es überhaupt nicht darauf angelegt. Der war so hin und her. So wachsweich. Er hat gesagt: So, o.k., wir heiraten, wir machen das dann. Und dann war ich plötzlich verheiratet. Ich bedauere das sehr, dass ich diesen Mann geheiratet habe. Denn seit Jahren hänge ich jetzt mit drin, in so einer Affäre, wovon ich persönlich überhaupt nichts wusste. Das habe ich alles erst aus Artikeln herausgelesen.

Sie leben inzwischen in der Schweiz. Wie können Sie das finanzieren?

Indem ich arbeite. Was meinen Sie, wie schwierig das war in den ersten Jahren! Weil ich ja überall nicht erwünscht war. Besonders in Deutschland nicht mit dem Namen. Ich hatte gar keine Chancen, eine Stelle zu kriegen. Auch hier in der Schweiz war es zunächst schwierig. Aber dann habe ich eine Stelle gefunden.

Was arbeiten Sie?

Ich bin Krankenschwester.

Sie sind wieder im Krankenhaus?

Ja. Ich hatte wegen meines Mannes meinen Beruf aufgegeben, was ich nie wieder machen würde. Ich war ziemlich erfolgreich, bevor ich den kennen lernte, also bevor ich den heiratete. Dann gab ich meinen Beruf auf - und dann wusste ich nicht mehr, wohin.

Hat er Sie auch ausgenutzt als Pflegekraft für seine diversen Krankheiten? Er gilt ja als Hypochonder.

Ja, vielleicht. Das sage ich jetzt eindeutig, er ist ein Hypochonder.

Glauben Sie ihm, wenn er jetzt sagt, er habe drei Schlaganfälle gehabt?

Schlaganfälle? Zweimal war da was, früher. Aber nicht Schlaganfälle, das war eine Gefäßerkrankung mit ähnlichen Folgen. Da hat er schon früher, um Leuten das zu erklären, von Schlaganfall gesprochen. Das stimmt tatsächlich. Das ist einmal in Belgien gewesen, ich glaube 1995, und einmal in Taiwan.

War er damals in Taiwan kurz vor seiner Flucht tatsächlich krank?

Das war er wirklich. Er konnte damals nicht ausreisen, weil das mit den Blutverdünnungsmitteln, die er bekommen hatte, zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war.

Er hat aber behauptet, er hätte diese drei Schlaganfälle erst in jüngster Zeit gehabt.

Ehrlich? Das ist ja verrückt. Gut, was soll ich sagen? Für mich ist das jetzt so neu. Ich dachte, ich falle aus allen Wolken. Für mich war der tot. Ich habe hier wirklich gekämpft, dass ich existieren kann. Ich habe schwerstens gearbeitet und versucht, meine berufliche Karriere wieder aufzubauen. Ich habe das auch hingekriegt und im Krankenhausmanagement gearbeitet wie schon vor meiner Ehe. Seit ungefähr anderthalb Jahren mache ich etwas anderes. Auch noch in meinem Beruf, aber nicht mehr so verantwortlich, weil ich ein Studium in Angriff genommen habe.

Was studieren Sie?

Management im Gesundheitswesen. Und da wollte ich nicht mehr so eine verantwortungsvolle Position haben und mich voll auf das Studium konzentrieren.

Wie war der Kontakt zu den Töchtern Ihres Mannes aus erster Ehe?

Der war sowieso nie sehr eng. Ich habe ihn ganz abgebrochen, nachdem dieser Mann nicht zurückkam, im Juli 1999. Für mich waren die so materialistisch eingestellt, als Mensch war der Vater für die offenbar gar nicht wichtig. Das konnte ich kaum glauben und dachte: Mit den Leuten will ich nichts mehr zu tun haben. Das ist es. Ich habe nie etwas von denen bekommen. Irgendwie zählt das für mich alles zu dieser Bayern-Mafia. Die wohnen alle in Bayern. Die müssen alle viel mehr wissen als ich. Ich kann Ihnen nicht viel berichten. Aber es ist die Wahrheit.

Waren die Ermittler lange hinter Ihnen her? Sind Sie lange überwacht worden?

Ja, von Anfang an. Mein Telefon wird nach wie vor abgehört. Aber ich habe nichts zu verbergen. Ich habe versucht, hier einigermaßen zu leben. Absolut anspruchslos, aber ich habe mir eben alles allein aufgebaut, und ich möchte nicht noch mal an meinem Leben so rütteln lassen, wie das am Anfang war, als ich überhaupt nicht wusste, ob und wie ich das hinkriege.

Sie werden jetzt in Ihrem Scheidungsverfahren einiges durchsetzen können.

Das hoffe ich auch. Irgendwann reicht es mal. Ich hätte niemals vermutet, dass dieser Mensch, dass dieser Mann noch lebt. Nie. Fünf Jahre meines Lebens hat der mir genommen. Ich hätte gerne noch eine Familie gehabt. Auch das hat er mir verbaut. Es wäre jedenfalls vor fünf Jahren im Fall einer klaren Trennung noch möglich gewesen. Es ist schon sehr schwer, damit umzugehen, was er mir angetan hat. Nur eines ist von Vorteil: dass ich jetzt meine Scheidung betreiben kann. Ich möchte nämlich endlich dieses Kapitel zuschlagen.

Interview: Georg Wedemeyer / print
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