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Brandanschlag auf Flüchtlingsheim: "Wir dürfen in Tröglitz nicht einknicken"

Tröglitz wehrte sich heftig gegen 40 Flüchtlinge. Die Proteste führten zum Rücktritt des Bürgermeisters. Nun hat es in der geplanten Unterkunft gebrannt - die Behörden gehen von Brandstiftung aus.

Von Steffi Hentschke

Einsatzkräfte stehen vor der zukünftigen Unterkunft für Asylbewerber in Tröglitz. In der Nacht hatte es in dem Gebäude gebrannt. Die Polizei ermittelt wegen Verdacht auf Brandstiftung.

Einsatzkräfte stehen vor der zukünftigen Unterkunft für Asylbewerber in Tröglitz. In der Nacht hatte es in dem Gebäude gebrannt. Die Polizei ermittelt wegen Verdacht auf Brandstiftung.

Als Markus Nierth um fünf Uhr morgens aus dem Bett geklingelt wird, ist der Dachstuhl des weißverputzten Mehrfamilienhauses bereits komplett zerstört. Dort sollten demnächst 40 Flüchtlinge untergebracht werden, nun ist das Haus in der Ernst-Thälmann-Straße unbewohnbar. "Ich bin sofort hingefahren", erzählt er am Telefon. Fassungslos und völlig entsetzt sei er. "Der Brand ist eine bösartige Schande für Tröglitz."

Anfang März war Nierth von seinem ehrenamtlichen Posten als Bürgermeister (parteilos) von Tröglitz zurückgetreten, seitdem steht das Dorf in Sachsen-Anhalt bundesweit in den Schlagzeilen. Denn während Nierth sich für die Unterbringung von Asylbewerbern engagierte, protestierten Anwohner und die NPD dagegen. Als eine Demonstration direkt vor seinem Haus geplant war, gab Nierth dem Druck der Wütenden nach - aus Angst um seine Familie. Seitdem versucht er als Vermittler zu agieren. Auf der einen Seite Öffentlichkeit und Politik, auf der anderen die Tröglitzer. Erst vergangene Woche fand eine Bürgerversammlung statt, Landrat Götz Ulrich (CDU) sprach, klärte auf, räumte Fehler ein. 500 der 2700 Einwohner waren gekommen.

Zwar habe es auch Zuspruch bei der Veranstaltung gegeben - die meisten Besucher hätten aber keine Fragen gestellt, erinnert sich Nierth und klingt enttäuscht. Bisher hatte sich der studierte Theologe und hauptberufliche Trauerredner stets vor sein Dorf gestellt. So hatte er erklärt, dass kaum Anwohner unter den Demonstranten gewesen seien, sondern dass vielmehr die rechtsextreme NPD die Debatte über die Flüchtlingsunterbringung für ihre Agitation nutze. Auch jetzt bemüht er sich darum, die Angst seiner Nachbarn vor den Fremden zu verstehen. "Aber ich frage mich schon, ob ich zu viel Verständnis für die schweigende Mitte habe."

Die geplante Unterkunft wurde bisher von zwei Deutschen bewohnt, zu denen die Behörden keine näheren Angaben machen. Sie seien aber rechtzeitig von Nachbarn gewarnt worden und konnten das Haus unverletzt verlassen. Über den Vormittag versammelten sich immer mehr Tröglitzer vor dem Haus. Viele wollten sich jedoch nicht äußern, berichtet ein Reporter von MDR Info. Zeitgleich laufen die Untersuchungen auf Hochtouren, Landeskriminalamt und Staatsschutz ermitteln. Die Staatsanwaltschaft stuft das Feuer indes als "definitiv besonders schwere Brandstiftung" ein, da dabei auch Menschen hätten sterben können. Eine politisch motivierte Tat könne nicht ausgeschlossen werden, sagte Staatsanwalt Jörg Wilkmann bei einer extra einberufenen Pressekonferenz am Mittag in Halle. An dem Termin nahmen auch Ministerpräsident Reiner Haseloff sowie sein Innenminister Holger Stahlknecht (beide CDU) teil.

Für 17 Uhr hat der ehemalige Bürgermeister Nierth zu einer Menschenkette aufgerufen, an der sich neben dem Ministerpräsidenten und dem Innenminister auch Landrat Ulrich beteiligen wird. Ihm ist daran gelegen, die Flüchtlinge trotzdem zeitnah in Tröglitz unterzubringen. Mitte Mai sollten die ersten einziehen. "Ich bezweifle allerdings, dass der Termin zu halten ist, schließlich brauchen wir ein neues Sicherheitskonzept", so Ulrich gegenüber dem stern. Es könne aber nicht sein, dass man eine schwere Straftat begehe und damit am Ende gewinne. "Wir dürfen in Tröglitz nicht einknicken." Wo genau die Asylbewerber untergebracht werden, darum will sich auch Nierth kümmern - und stellt selbst 150qm Wohnraum zur Verfügung. "Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge kommen und die Tröglitzer sie kennenlernen", sagt er. "Jetzt erst recht!"

Markus Nierth hat in der Nähe des ausgebrannten Hauses dieses Informationsblatt an eine Haltestelle geheftet

Markus Nierth hat in der Nähe des ausgebrannten Hauses dieses Informationsblatt an eine Haltestelle geheftet

mit DPA