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Rücktritt nach NPD-Hetze: "Ich wurde als kleiner Bürgermeister geopfert"

Er warnte vor Fremdenhass - und musste zurücktreten, weil die NPD seiner Familie zu nahe zu kommen drohte. Nun spricht der ehemalige Tröglitzer Bürgermeister Markus Nierth über seine Befürchtungen.

Ihm habe der gesellschaftliche Schutz vor den Rechtsradikalen gefehlt, sagt Markus Nierth

Ihm habe der gesellschaftliche Schutz vor den Rechtsradikalen gefehlt, sagt Markus Nierth

Toleranz und Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen - dafür plädierte Markus Nierth. Als Bürgermeister der Stadt Tröglitz warnte er immer wieder vor fremdenfeindlichen Parolen und Ausländerhass. Dann trat der 46-Jährige zurück: Die NPD hatte einen "Lichterspaziergang" direkt vor seinem Familienhaus enden lassen wollen. Im Interview schildert Nierth die Hintergründe des Rücktritts und seine Befürchtungen.

Sie sind seit fünfeinhalb Jahren Ortsbürgermeister in Tröglitz. Wann sind Sie das erste Mal mit der NPD aneinandergeraten?

Ich will betonen, dass ich nicht aus Angst und Druck vor Rechtsradikalen zurückgetreten bin. Mir fehlte der gesellschaftliche Mindestschutz. Darüber bin ich enttäuscht. Der Landkreis hat es nicht geschafft, die Demonstration vor dem Haus meiner Familie zu verhindern. Seit mehreren Wochen wird in Tröglitz ähnlich wie bei Pegida in Dresden demonstriert. Am Anfang waren unter den 90 Demonstranten noch etwa 60 Tröglitzer, besorgte Bürger. Inzwischen fährt die NPD viele Unterstützer heran, unter den Demonstranten sind nur noch wenige Tröglitzer. Meine Frau und ich wurden zur persönlichen Zielscheibe.

Tröglitz ist also kein braunes Nest?

Nein, wir sind kein radikales Nest. Aber es fehlen die Sozialstrukturen. Dass im Ort 40 Asylbewerber untergebracht werden sollen, hätte anders vorbereitet werden müssen. So wurde die Politikverdrossenheit noch verstärkt.

Gibt es für Sie einen Weg zurück ins Amt?

Ich liebe mein Tröglitz. Aber es fehlt der Rückhalt aus der anständigen Menge. Bislang fühle ich mich als alleinrotierender Motor, an dessen Seite eine Handvoll Leute sind, die mitziehen. Die Menschen müssten aufstehen und aktiver werden. Von den politischen Parteien fühle ich mich alleingelassen. Außerdem bräuchte ich die Rechtssicherheit, dass mein privates Wohnhaus geschützt wird. Ich wäre nicht zurückgetreten, wenn ich die Rechtssicherheit gehabt hätte. Ich als kleiner Ortsbürgermeister bin geopfert worden.

Einen Nachfolger zu finden, der Ihnen im Amt des Ortsbürgermeisters folgt, dürfte nicht leicht sein, oder?

Ich denke, es wird schwierig.

Zur Person: Markus Nierth (46) ist Theologe. Fünfeinhalb Jahre war er ehrenamtlicher Ortsbürgermeister von Tröglitz. Die Ortschaft gehört zur Gemeinde Elsteraue im Burgenlandkreis im Dreiländereck Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen. Nierth ist verheiratet und hat in seiner Patchwork-Familie sieben Kinder. Seine Frau betreibt eine Tanzschule im Ort, Nierth selbst arbeitet als freiberuflicher Trauerredner.

Dörthe Hein/DPA / DPA
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