HOME

Protest gegen Flüchtlingsunterkunft: NPD-Hetze treibt Bürgermeister zum Rücktritt

Er galt als gutes Beispiel für Engagement und Zivilcourage: Nun ist Bürgermeister Markus Nierth zurückgetreten - die NPD hatte ihn wegen seines Einsatzes für Flüchtlinge bedroht.

Von Annika Lasarzik

Sie warnen vor Kriminalität, Vandalismus, Überfremdung: In Sachsen-Anhalt macht die NPD mit kruden Argumenten gegen Flüchtlinge mobil.

Sie warnen vor Kriminalität, Vandalismus, Überfremdung: In Sachsen-Anhalt macht die NPD mit kruden Argumenten gegen Flüchtlinge mobil.

Rund 2000 Einwohner zählt die beschauliche Gemeinde Tröglitz im sachsen-anhaltischen Burgenlandkreis. Etwa 50 Asylbewerber sollen in dem kleinen Ort untergebracht werden. Grund genug, einen Aufruhr zu entfachen - zumindest, wenn es nach der Meinung einiger selbsternannter "empörter Bürger" geht.

Seit Januar trafen sie sich zu gemeinsamen "Spaziergängen", jeden Sonntag zogen dabei bis zu 150 Menschen durch die Stadt und skandierten fremdenfeindliche Parolen. Organisiert wurden die Versammlungen von der NPD, die auf Flugblättern vor der Einquartierung der Asylbewerber warnte.

NPD-Aufmarsch vorm Familienhaus

Markus Nierth ließ sich lange nicht einschüchtern. Als der Ortsbürgermeister im vergangenen Jahr von den Plänen des Landkreises erfuhr, zögerte er nicht lange. In einem offenen Gemeindebrief warb der parteilose Politiker für eine Willkommenskultur, appellierte an die Toleranz und Gastfreundschaft seiner Mitbürger. Er warnte darin auch vor "politischen Kräften, die Ängste weiter schüren und die Stimmung gegen die Fremden aufheizen".

Doch jetzt, knapp drei Monate später, ist der engagierte Bürgermeister zurückgetreten. Der Grund: ein erneuter "Lichterspaziergang" der Rechtsextremen sollte mit einer Kundgebung direkt vor seinem Familienhaus enden.

Enttäuscht von den Behörden

"Hätte ich meinen Kindern, die in der letzten Zeit schon einiges ertragen mussten, zumuten sollen, dass vor ihren Kinderzimmern bewaffnete Polizisten stehen müssen, und zudem rassistische und hasserfüllte Parolen bis dorthin dringen?", schreibt Nierth in seiner Rücktrittserklärung auf Facebook.

Der konkrete Auslöser für seinen Rücktritt sei jedoch nicht die Furcht vor den Rechtsextremen, wie der siebenfache Vater betont. Sein Entschluss sei auch eine Reaktion auf das Verhalten der Landkreisbehörde, die kein Verbot der Demonstrationsroute ausgesprochen hätte.

Er selbst hatte nur zufällig von dem geplanten Aufmarsch vor seinem Haus erfahren, sagt Nierth. Erst nach seinem Rücktritt am Donnerstag habe die NPD den geplanten Aufmarsch vor seinem Haus abgesagt. Und so sei es die tiefe Enttäuschung über die Behörden gewesen, die ihn aus dem Amt getrieben hätte, sagte Nierth in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit".

Proteste gegen Flüchtlinge werden größer

Bis zu dem Rücktritt des Bürgermeisters hatte sich der Konflikt um das Flüchtlingsheim in Tröglitz immer weiter zugespitzt. Beteiligten sich an den Sonntagsspaziergängen zunächst noch vorwiegend Einheimische, so reisten zuletzt auch NPD-Anhänger aus dem benachbarten Bundesland Thüringen zu den Versammlungen. Angeblich hatte die NPD zu diesem Zweck ganze Busse organisiert.

Gegen die Argumente der Flüchtlingsgegner hatte Nierth bereits früh offensiv Stellung bezogen. In dem Gemeindebrief kritisierte er die "Vorurteile und Wut" gegenüber Asylbewerbern und warb für ein tieferes Verständnis gegenüber Wirtschaftsflüchtlingen, die sich nach Europa sehnten, wie einst die DDR-Bürger nach Westdeutschland.

"Flüchtlinge sind in Sachsen-Anhalt" willkommen

Doch während Nierth damals noch die "Herzlichkeit und Herzenswärme" seiner Mitbürger lobte, klingt das Resumée des ehemaligen Bürgermeisters heute verbittert. Nach seinen Erfahrungen gäbe es zu wenige engagierte Bürger in Tröglitz. "Auch deshalb höre ich als andauernd motivierender Motor auf zu rotieren, weil ich weiß, dass mein Antrieb alleine, und der von einer Handvoll Tröglitzer, nicht ausreichen wird", schreibt der Theologe, der sein Bürgermeisteramt ehrenamtlich ausübte.

Die Geschehnisse in Tröglitz rufen mittlerweile auch die Landespolitik auf den Plan. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) nahm am Sonntag an einem Friedengebet in Tröglitz teil. Wenn sich ein ehrenamtlicher Politiker so stark bedroht fühle, dass er zurücktrete, müsse konsequent politisch gehandelt werden, sagte Stahlknecht. Er wolle nun ein Zeichen setzen, dass Tröglitz weltoffen sei, sagte Stahlknecht dem MDR. Flüchtlinge seien in Sachsen-Anhalt durchaus willkommen.

Annika Lasarzik