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Bremens Bildungssenatorin Jürgens-Pieper: "Armut macht Bildung schwierig"

Katerstimmung in Bremen: Das Bundesland hat im jüngsten Pisa-Test in allen Disziplinen den letzten Platz belegt. Im Interview mit stern.de ergreift Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper die Flucht nach vorn. Sie verteidigt die Bremer Schulpolitik - und nennt die ihrer Ansicht nach wahren Ursachen der Misere.

Frau Senatorin, Bremen ist bei allen Pisa-Studien seit jeher in allen Disziplinen Schlusslicht. Wer ist für dieses Desaster verantwortlich?

Vor allem unsere Situation hier in Bremen. Natürlich sind wir mit unserem Pisa-Ergebnis nicht glücklich, aber wir haben auch besondere Risikolagen, die es in anderen Ländern nicht in dieser Härte gibt. Die Erwerbslosigkeit in Bremen ist mit 27 Prozent sehr hoch. Die Armutslage ist mit 31 Prozent auch nicht klein, und Armut macht Bildung schwierig. Zudem haben fast 30 Prozent der Eltern keinen Berufsschulabschluss. Die Bildungsforscher sagen uns, dass sich das erheblich auf die Sprachförderung der Kinder und vieles mehr auswirkt. In all diesen Punkten stehen wir im Ländervergleich auch an Platz 16.

Das alles weiß man schon seit der ersten Pisa-Studie vor acht Jahren. Warum ist Bremen immer noch auf dem letzten Platz?

Wir haben einen riesigen Abstand zu bewältigen, und die anderen bewegen sich auch nach vorne. Wenn man so einen riesigen Abstand aufholen will, und die anderen strengen sich auch an, dann muss man sehr schnell sein. Und das bei unserer Situation! Das ist nicht einfach.

Was hat die Landesregierung in den letzten Jahren konkret unternommen?

Nach den Ergebnissen der ersten Pisa-Erweiterungsstudie, die 2002 bekannt wurden, haben wir sechs Millionen Euro zusätzlich eingesetzt, um unter anderem die Stundenzahl in der Grundschule zu erhöhen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf den Lernerfolg.

Wir haben in den Kindertagesstätten mit Sprachförderung begonnen und fördern auch die Kinder neu, die ohne ausreichende Deutschkenntnisse in die Grundschule kommen. Wir haben Quereinsteigerkurse für Migranten eingerichtet, damit sie Deutsch sprechen können, bevor sie an die Schulen kommen. Wir haben Sommercamps eingerichtet, wo wir in den Ferien Schülern mit Sprachproblemen helfen. Und wir haben Ostercamps eingerichtet, um die Sitzenbleiber-Quote zu drücken. Das alles hat dazu geführt, dass wir in den Risikogruppen besser geworden sind. Das ist noch nicht zufriedenstellend, aber es geht langsam bergauf.

Was ist Ihr Ziel? Wie lange brauchen Sie noch, bis Bremen bei den Pisa-Tests das Mittelfeld erreicht?

Eine schwierige Frage. Wir haben sechs Jahre gebraucht, um den Leistungsabstand unserer Schüler um ein Schuljahr zu verkürzen. Allerdings liegen unsere 15-Jährigen immer noch mindestens ein Schuljahr zurück. Wir müssen jetzt auf alle Fälle versuchen, die Motivation zu halten. Wir dürfen nicht die Köpfe hängen lassen und müssen weiter arbeiten. Meine Aufgabe ist es, den Schulen Mut zu machen.

Bremen belegt auch im Schüler-Lehrer-Verhältnis den letzten Platz. Warum stellen Sie nicht endlich mehr Pädagogen ein?

Ich habe in dieser Koalition zumindest erreicht, dass wir bei sinkenden Schülerzahlen keine Lehrerstellen abbauen. In der letzten Regierung mit der CDU mussten wir das ständig machen, das hat die rot-grüne Regierung mittlerweile gestoppt. Jetzt bekommen wir wegen der abnehmenden Schülerzahlen zumindest demografisch eine positive Rendite.

Aber nicht mehr Lehrer.

Schauen Sie sich die Haushaltslage in Bremen doch an! Wir sind unter Beobachtung. Wenn wir jetzt sagen "Wir leisten uns mal was", dann schreien die anderen Bundesländer auf und fordern, dass wir erstmal unseren Haushalt in Ordnung bringen. Das ist eine sehr unfaire Debatte, die in der Republik stattfindet. Einerseits zeigt man wegen der Unterrichtsqualität mit dem Finger auf uns, andererseits sollen wir den Haushalt sanieren. Beides zusammen ist ziemlich schwierig.

Als besonderes Problem haben Sie vor Kurzem männliche Schüler mit türkischen Wurzeln ausgemacht. Wie wollen Sie an diese Gruppe herankommen?

Das sind tatsächlich genau die Schüler, die mir am meisten Sorgen machen. Wir haben beispielsweise beim Lesen einen starken Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Unsere Mädchen lesen täglich am meisten in der ganzen Bundesrepublik. Unsere Jungen - und insbesondere die türkischen Jungen - lesen hingegen ganz wenig. Da müssen wir in den Sommercamps gegensteuern. Außerdem wird die Sprachförderung vor der Grundschule demnächst per Gesetz zur Pflicht gemacht. Ich baue jetzt von unten auf, aber es ist ein dickes Brett.

Interview: Christoph Schäfer
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