Deutscher Schulpreis Über Lehrer und Sündenböcke


Der stern ehrt exzellente Lehrstätten mit dem Deutschen Schulpreis. Doch woran erkennt man die Qualität einer Schule? Erziehungswissenschaftler Peter Fauser erklärt, was in den Klassenzimmern passiert - und was passieren sollte.
Von Catrin Boldebuck, Doris Schneyink

Herr Professor Fauser, warum haben Lehrer in Deutschland einen so miserablen Ruf?

Das ist ein Sündenbock-Syndrom. Für Eltern und Politiker ist es einfacher, die Schuld an den Problemen im deutschen Schulsystem den Lehrern zuzuschieben, statt Reformen anzugehen.

Aber spätestens seit Pisa wissen wir, dass unsere Schulen sich verändern müssen - allen voran die Lehrer.

Die Pisa-Daten zeigen, dass deutsche Schüler gut sind bei Routineaufgaben. Sie sind weniger gut, wenn es darum geht, komplexe Probleme zu lösen. Anders ausgedrückt: Der deutsche Unterricht ist zu stark informations- und zu wenig verstehensorientiert. Wir brauchen in der modernen Gesellschaft intelligentes Wissen, die Fähigkeit, selbstständig Urteile zu bilden und neue Lösungen zu finden. Die Frage ist, was Lehrer tun können, damit aus Lexikonwissen, wie es Günther Jauch im Fernsehquiz abfragt, Verstehen wird. Dazu müssen Lehrer erkennen, wie Denkprozesse bei Kindern ablaufen. Gerade das ist bei uns stark unterbelichtet.

Und wie denken Kinder?

Wenn Sie Grundschüler fragen, warum ein Schiff schwimmt, dann kriegen Sie verschiedene Antworten: Ein Schiff schwimmt, weil ein Kapitän an Bord ist, weil es einen Motor hat, weil Eisen so stark ist. Physikalisch gesehen sind diese Antworten unzureichend, aber wer genau hinschaut, erkennt in jeder Antwort eine eigene Logik. Sie ist das Ergebnis eines Denkprozesses. Die entscheidende Qualität eines Unterrichts wäre nun, Kinder von ihrem intuitiven Alltagswissen zu physikalischen Begriffen wie Dichte und Auftrieb zu führen.

Aber heute würde da doch kein Lehrer sagen: Die Antworten sind alle falsch.

Doch. Denn zu viele Lehrer sind nicht in der Lage, die Perspektive des Kindes einzunehmen. Sie akzeptieren nur eine richtige Antwort. Gerade begabte Kinder ziehen daraus leicht den Schluss: Physik kann ich nicht. In vielen Schulen herrscht noch immer die "alte" Schule. Und die geht mit Fehlern um wie die Kirche mit der Sünde. Dabei sind Fehler für das Lernen wichtig - als Anstöße zum Weiterdenken. Wir brauchen eine neue Kultur im Unterricht, die ich das Verstehen zweiter Ordnung nenne.

Kann man das lernen?

Ja, und wir wissen ziemlich genau, wie das geht. Aber es wird nicht gemacht, weil die Lehrer noch wie im 19. Jahrhundert ausgebildet werden. In anderen Fächern ist es selbstverständlich, Studium und Berufspraxis zu koppeln, etwa bei Medizinstudenten in der klinischen Phase. Bei Lehrern ist das nicht der Fall.

Die fangen erst im Referendariat damit an.

Ja. Als Berufsanfänger stehen die dann unter ungeheurem Stress. Unterricht ist wie Simultanschach, man hat keine Zeit nachzudenken. Bei jeder Schülermeldung müssen Lehrer sofort entscheiden: Geh ich darauf ein - oder geht der mir auf die Nerven? Unter diesem Druck entstehen leicht problematische Routinen. Viele behandeln dann ihre Schüler genauso, wie sie selbst behandelt wurden.

Das heißt, es ist mehr oder weniger Zufall, ob jemand ein guter Lehrer wird?

Glück, Zufall und Begabung. Aber insgesamt sind unsere Lehrer zu wenig professionell.

Wie könnten sie besser werden?

Lehramtsanfänger sollten 400 Stunden qualifizierte Arbeit mit Kindern nachweisen. Als Zweites gehört früh ins Studium ein Praxissemester - zum gezielten Aufbau erster Routinen und als Eignungstest. Dabei müsste jeder Student seine eigene Schulerfahrung aufarbeiten. Später, im Beruf, brauchen Lehrer Zeit für Training und Reflexion - wie jeder Profi.

Deutsche Lehrer genießen viele Privilegien: Sie verdienen viel mehr als Kollegen im Ausland und haben einen krisensicheren Job. Sollte man schlechte Lehrer entlassen dürfen?

Ja. Theoretisch können sich Lehrer ausruhen. Praktisch gibt es das zwar auch. Aber hinter Ihrer Frage steckt das Klischee von den "faulen Säcken" - und das kann ich nicht teilen. Der Burn-out bei Lehrern entsteht vor allem durch die Diskrepanz zwischen eigener Erwartung und Erfahrung. Die meisten werden krank, weil sie Ideale haben, an denen sie scheitern. Selbstverständlich muss man Lehrer verantwortlich machen für das, was sie tun. Aber man muss ihnen in der Ausbildung und Fortbildung alle Möglichkeiten eröffnen, die nötig sind für guten Unterricht.

Und wie sieht der aus?

Als ich vor Jahren zum ersten Mal eine Reformschule besuchte, fiel mir auf: Alle Schüler machen etwas anderes. Der eine schreibt, dort sitzt ein Grüppchen und diskutiert, bei einem steht die Lehrerin am Tisch. Diese Lehrerin hatte für jedes Kind einen eigenen Lehrplan im Kopf. Ein guter Lehrer ist wie ein Dirigent, der mehrere Orchestergruppen gleichzeitig hört und koordiniert. Wenn Lehrer so arbeiten, macht der Unterricht allen mehr Spaß, und der Aggressionspegel sinkt.

Fast alle Eltern sind skeptisch gegenüber dieser "Kuschelpädagogik".

Eltern haben eine Höllenangst, dass ihre Kinder, wenn es in der Schule freundlich zugeht, nichts mehr lernen. Das steigert sich bis zum Exzess, wenn es in die Oberstufe geht. Selbst gebildete, pädagogisch liberale Eltern werden hysterisch, weil sie denken, es muss doch endlich mal Stoff gepaukt werden. Das ist grundfalsch - und typisch deutsch. Wir brauchen wirklich eine kopernikanische Wende.

Woher soll die kommen? Die Bildungsminister in den Bundesländern sind überwiegend konservativ und machen Druck.

Ich finde die deutsche Diskussion total verkrampft. Wir gucken auf die nächsten Pisa-Ergebnisse wie das Kaninchen auf die Schlange. Aber es gibt eine Reformbewegung von unten. Die Bewerbungen zum Deutschen Schulpreis zeigen, dass wir sehr viele exzellente Schulen in Deutschland haben.

Bei der Vergabe des Deutschen Schulpreises lautet ein Kriterium: Umgang mit Vielfalt. Jeder Schüler soll seinem Niveau entsprechend gefördert werden. Wie soll das gehen?

Die Vorstellung, dass man mit homogenen Lerngruppen auf Dauer besser zurechtkommt, ist falsch. Je enger Gruppen werden, wie leider noch oft an Gymnasien, desto weniger professionell müssen die Lehrer in den Unterricht gehen. Gute Schulen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Vielfalt steigern, nicht abschaffen. Sie nehmen Hochbegabte, Lerngestörte und sogar behinderte Schüler auf.

Wurden Sie als Lehrer auch schon mal angemacht, nach dem Motto: Dir geht's doch viel zu gut?

Nein. Außer von meinen Kindern. Die bringen schon mal Postkarten mit, wo draufsteht: "Lehrer haben morgens Recht und mittags frei."

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