Dresden Die geteilte Stadt


Dresden ist am Wahltag eine geteilte Stadt. Europas drittgrößter Fluss trennt auf etwa zwölf Kilometer Länge Wähler und Nichtwähler.

Rechtselbisch zieren Wahllokal-Schilder Schul-, Behörden- und andere öffentliche Gebäude, linkselbisch hängen an den Lokalitäten Bekanntmachungen der Stadtverwaltung: "Sehr geehrte Wählerinnen und Wähler, für den Wahlkreis 160 wurde die Wahl am 18.9.2005 abgesagt." Nach dem Tod der NPD-Direktkandidatin Kerstin Lorenz sind nur 178.000 von 397.000 wahlberechtigten Dresdnern zum Urnengang aufgerufen. Rund 219.000 Menschen, die im Wahlkreis 160 (Dresden I) wohnen, können erst bei der Nachwahl am 2. Oktober ihre Stimme abgeben.

Trost für Verdutzte

Ungläubig steht ein älteres Paar vor dem bedruckten Zettel, der an der Tür der Sparkassenfiliale im Stadtzentrum klebt. Wie immer bei einer Abstimmung haben sie einen Spaziergang zu ihrem Wahllokal gemacht. Der 60-jährige Mann schaut erst auf die verschlossene Tür, dann auf die Wahlbenachrichtigungskarte. "Es gibt einige Menschen, die das noch nicht mitbekommen haben", sagt der Leiter des Zentralen Wahlbüros der Stadt, Ulrich Schmidt. Er musste seit dem Morgen schon einige Verdutzte vertrösten.

"Für mich ist Sonntag", sagt eine 37-jährige Angestellte, die sich als genötigte Nichtwählerin unter die Touristen im Zwinger mischt. "Ich finde das nicht sehr gut", meint ein 54-jähriger Manager. Der Wahlvorgang sei an den Augenblick gebunden. "Der Reiz, mit gezinkten Karten zu spielen, ist nicht schön." Er fühle sich ausgeschlossen. "Ich beneide die, die heute wählen dürfen", sagt er und begleitet nun seine Lebensgefährtin zum Votum im Wahlkreis 161 (Dresden II).

"Vielleicht bin ich entscheidend", frohlockt ein 35 Jahre alter Laborleiter, der mit dem Hund auf der Elbwiese tollt. "Ich hoffe, dass ich mit meiner Stimme am 2. Oktober einiges korrigieren kann. Das ist doch eine einmalige Chance." Die hat auch der Physiker Ulrich Merkel. Der erste Mann der CDU-Kanzlerkandidatin wohnt im Wahlkreis 160 (Dresden I).

"Wir gehen jetzt Pilze sammeln"

"Meine Entscheidung war vorher klar, die wird sich auch mit weiteren 14 Tagen Wahlkampf nicht mehr ändern", sagt die 40-jährige Beate. Die Gestalterin, ihr Mann und der 19-jährige Sohn sind schon enttäuscht, aber durch das schöne Wetter etwas versöhnt. "Gehen wir eben ohne Umweg zum Geburtstagsbrunch." Für die junge Frau im Ortsamt Loschwitz auf der anderen Elbseite hat der Urnengang die Sonntagsplanung kaum durcheinander gebracht. "Wir gehen jetzt Pilze sammeln", sagt sie und lässt ihren Wahlzettel in die Urne fallen.

Simona Block/DPA DPA

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