Duisburg nach der Bluttat "Geheult wie ein Schlosshund"


Sechs tote Männer, brutal ermordet -wahrscheinlich von der Mafia. Wie gehen die Duisburger mit diesem Verbrechen um, die am Tatort wohnen, leben oder arbeiten? Am Tag danach herrscht vor allem eines: Angst.
Von Matthias Lauerer, Duisburg

Rote Rosen und 17 Kerzen, von denen nur noch elf brennen. Daneben ein großes, rotes Schild mit dem handgeschriebenem Wort: "Warum?". All dies liegt am Tag nach der brutalen sechsfachen Hinrichtung vor der Tür des bekannten Promi-Lokals "Da Bruno" in Duisburg. Die letzten Spuren der Tat hat der Sommer-Regen mittlerweile fast vollständig vom Teer getilgt. Doch im rechten Blumenkübel neben der Eingangstür finden sich noch ein paar zerbröckelte Stücke Sicherheitsglas. Reste der zersplitterten Fahrzeugscheiben. Etwas aufgesprühte Polizei-Farbe klebt noch an einem dunklen Metall-Rohr.

"Das ist viel zu gefährlich für mich"

Seltsam: Wirft man einen schnellen Blick ins halbdunkle Innere des Lokals, so sieht man die fein säuberlich eingedeckten Tische. Hatte man diese noch nach der Geburtstagsfeier um zwei Uhr nachts innerhalb von nur 20 Minuten so hübsch hergerichtet? Und wer deckte die vielen Tische so fachmännisch, fast wie aus dem Lehrbuch, ein?

Zu Fuß taucht plötzlich eine junge Frau auf und legt hastig Sonnenblumen vor dem Restaurant ab. "Ich habe den Besitzer Sebastiano gekannt. Wir haben hier einige Taufen gefeiert." Zunächst nennt sie stern.de Namen, Alter und erzählt recht freimütig über die Opfer. Im schwarzen Rock, hellblauer Bluse und in weißer Jacke wirkt sie zerbrechlich. "Ich habe gestern den ganzen Tag geheult wie ein Schlosshund!" Sie sagt es und schüttelt den Kopf. Dabei fliegen ihre großen, gläsernen Ohrringe wie wild von links nach rechts. Dann geht sie mit schnellen Schritten zum Bahnhof. Doch keine halbe Stunde später klingelt das Mobiltelefon des Reporters und die eben noch so redsame Frau bittet inständig darum, ihren Namen nicht zu veröffentlichen. "Um Gottes willen, ich stehe doch noch unter Schock. Das wäre viel zu gefährlich für mich!"

"Dass so etwas hier passieren kann"

Angst scheint das beherrschende Thema des Tages in Duisburg zu sein. Sie hat einfach Besitz ergriffen von der blonden Zeitungsverkäuferin mit Dauerwelle, die es so ausspricht: "Ich habe Angst! Was mache ich denn, wenn hier so ein Irrer durchläuft?" Auch zwei Mitarbeiterinnen der Kaiserberg-Klinik, die wie frisch geputzt ganz nah neben dem Tatort steht, schildern ihre Angst. "Man hat jetzt Angst nach der Spätschicht. Die endet bei uns um 20 Uhr", erzählt Rachelle Cendana, 20. Sie absolviert gerade ihr zweites Lehrjahr zur Zahnmedizinischen-Fachangestellten. Ihre Arbeitskollegin Sarah Kilimann, 19, ergänzt: "In dieser Nacht hatten wir unseren Info-Abend. Wenn ich mir vorstelle, dass ich hier entlang gegangen wäre: Oh mein Gott!"

Und dann fällt er, jener Satz, der immer fällt, wenn vermutlich ausländische Kriminelle in Deutschland gemordet haben: "Das so etwas hier passieren kann? Unvorstellbar!" Ausgesprochen wird er von einem Reisenden im bedrückend dunklen Hauptbahnhof, der schnell und unerkannt weiter eilt. Anders sieht es Anton Sternbauer, 65. Er ist mit seiner Frau unterwegs nach Hause. In der Tatnacht haben sie im nahen Ibis-Hotel geschlafen. Sternbauer wohnt in der Nähe von Regensburg, saugt jetzt tief Luft in seinen mächtigen Brustkorb ein und sagt laut: "Wenn die Leute sich gegenseitig wegen ihrer Drogengeschäfte umbringen, dann ist mir das völlig wurscht!" Seine Frau nickt dabei. Dann nehmen sie die Taschen in die Hand und gehen aus der Kaffeebar. Ihr Zug "komme doch bald". Sie sagen es irgendwie fast entschuldigend.

Die Angst nach Deutschland exportiert

Die Angst ist auch am Tatort über 36 Stunden nach der Tat noch spürbar. Am späten Nachmittag stehen dort italienische Männer und Frauen. Sie reden leise miteinander. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Doch ihre Namen wollen sie alle nicht nennen. Direkt vor dem Restaurant stehen jetzt auch sechs weiße Kerzen auf dem Boden. An einem bunten Blumenstrauß hängt ein weißer Zettel, auf dem mit Kugelschreiber geschrieben steht: "Ciao Tommaso - Forza Bologna." Vielleicht ist dies der größte Erfolg der Mörder: sie haben mit ihrer Tat die Angst in das vermeintlich so sichere pulsierende Herz einer deutschen Stadt getragen. Und sie so ein Stück weit verändert.


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