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Erziehung: Männer! Arbeitet in Kitas!

Erzieher, die in Kitas arbeiten, werden als Weicheier belächelt - und als Triebtäter verdächtigt. Zu Unrecht, sagt der Psychologe Holger Brandes, der eine Kita-Tagung in Dresden leitet. Im Interview mit stern.de erklärt er, warum wir Männer in der Kita brauchen.

Herr Brandes, in deutschen Kindertageseinrichtungen arbeiten zwar rund 15.000 Männer, trotzdem ist nur jeder 26. Beschäftigte männlich. Warum?

Es gibt in Deutschland - aber auch in vielen anderen europäischen Ländern - die tief verwurzelte Auffassung, dass kleine Kinder in die Obhut der Frauen gehören, ältere Kinder und Jugendliche dann aber in die von Männern.

Männliche Erzieher werden oft belächelt. Zu Recht?

Das Klischee stimmt nicht, dass solche Männer "Weicheier" seien. Sie sind häufig "richtige Kerle", die anderen Kerlen eine höhere Sensibilität für Kinder und einen gewissen Idealismus voraushaben - den braucht man bei der ziemlich schlechten Entlohnung auch. Männer, die in Kitas arbeiten, haben sich zumeist sehr bewusst für die Arbeit mit Kindern entschieden.

Trotzdem ist vielen Eltern unwohl bei dem Gedanken, ihr Kind einem Mann anzuvertrauen. Warum?

Männer werden in Bezug auf kleine Kinder oft als Fremdkörper wahrgenommen. Manche Eltern pflegen das Vorurteil, dass die Arbeit mit kleinen Kindern nichts für "gesunde" Männer sei. Aber solche Eltern sind glücklicherweise die Ausnahme.

Sind denn Erzieher eine potenzielle Gefahr für Kinder

Grundsätzlich ein klares Nein! Jedenfalls nicht mehr als auch Frauen in Extremfällen eine Gefahr sein können, wenn sie schwerwiegende persönliche Probleme nicht verkraftet haben und diese auf die Kinder übertragen. Immer auch vorausgesetzt, diese Männer oder Frauen haben eine hinreichend gute Ausbildung für den pädagogischen Beruf.

Gibt es Missbrauchsfälle in Kitas und welchen Anteil haben Männer daran ?

Missbrauchsfälle in Kitas sind glücklicherweise seltene Einzelfälle - viel seltener als der Missbrauch in Familien. Nur werden sie in den Medien zumeist sehr herausgestellt. Wegen des Ausnahmecharakters sind sie nicht quantifizierbar. Man muss aber sagen, dass die Gefahr wächst, wenn man ohne Prüfung pädagogisch unausgebildete Männer, wie etwa Ein-Euro-Jobber, in Kitas arbeiten lässt. Denn die Arbeit in Kitas ist eine hochprofessionelle, anspruchsvolle Tätigkeit, die man nicht mit Laubharken gleichsetzen kann.

In den vergangenen Wochen haben einige Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern Schlagzeilen gemacht. Diese Debatte hilft Ihren Absichten sicher nicht.

Nein, natürlich nicht, denn Eltern haben dadurch noch mehr Vorbehalte, ihre Kinder fremden Männern anzuvertrauen. Jeder dieser Fälle behindert die Entwicklung, die wir anstreben. Nämlich, dass mehr Männer in Kitas arbeiten und dort auch akzeptiert werden.

Sie diskutieren auf Ihrer Tagung auch über schwule Erzieher. Warum?

Natürlich arbeiten in Kitas auch schwule Männer. Der Anteil ist genau so groß wie in anderen sozialen Berufen. Aber immer noch wird Schwulsein in der gesellschaftlichen Diskussion mit Missbrauch gleichgesetzt. Ich halte das für ein völlig unbegründetes Vorurteil. Schwule Männer können oft sehr gut mit Kindern umgehen und haben positive Wirkungen auf sie.

Welche Effekt haben Männer generell auf die Kinder in Kitas?

Männer sind häufig spontan anregender und spannender für die Kinder, sie machen unkonventionelle Dinge und haben weniger Angst als viele Frauen vor grobmotorischen Spielen und Rangeleien. Ein einfaches Beispiel: Männer werfen kleine Kinder höher, wenn sie mit ihnen spielen. Im Unterschied zur "Feinfühligkeit" von Frauen werden Kinder von Männern mehr herausgefordert, Männer gehen mit Kindern risikobereiter um. Das gefällt den Kindern, fördert auch ihr Lern- und Neugierverhalten. Vielfach werden die Männer in Kitas mit offenen Armen von Erzieherinnen und Eltern empfangen, weil das Fehlen von Männern in diesem Bereich als Manko empfunden wird. Überhaupt keine Angst haben die Kinder, die zumeist begeistert sind, wenn sie endlich mal einen Mann um sich wissen, der geduldig auf sie eingeht. Immer mehr Kinder in unserer Gesellschaft vermissen so etwas.

Viele Kinder wachsen ohne wirkliche "männliche" Betreuung auf, entweder weil der Vater sehr viel arbeitet oder die Mutter sogar alleinerziehend ist. Was für Folgen hat das für die kindliche Entwicklung?

Untersuchungen zeigen, dass Kinder die optimalen Entwicklungsmöglichkeiten haben, wenn sie von Mann und Frau erzogen werden. Alleinerziehende Mütter können manchmal den Part des Vaters ganz gut übernehmen, aber es ist eine Herausforderung und manchmal auch Belastung, der nicht alle gewachsen sind. Hinzu kommt, dass vaterlose Kinder keinen lebendigen Umgang mit männlichen Personen lernen und mit diesem Defizit sind wiederum manche Kinder überfordert. Sie müssen sich dann - etwa über Medien - einen Vater vorstellen. Aber der hat manchmal wenig mit der Realität zu tun. Besonders die Jungen lernen dann auch zu wenig, mit ihrer Grobmotorik und ihren Aggressionen umzugehen.

Familienministerin Ursula von der Leyen plant, die Zahl der Kita-Plätze stark auszubauen. Kann dieser Ausbau allein durch Frauen als Erzieherinnen überhaupt gemeistert werden oder sind dafür nicht sogar männliche Betreuer unbedingt notwendig?

Das ist für mich nicht der Hauptgrund, um mehr Männer in Kitas zu fordern, denn vermutlich wäre dieser Mehrbedarf bei entsprechenden Anstrengungen mit Frauen zu leisten. Wir haben aber nicht nur wegen dieser Planungen einen gewaltigen Bedarf an gut qualifiziertem pädagogischem Fachpersonal. Frauen dürfen mit der Erziehung der Jüngsten nicht allein bleiben. Nicht in den Familien und auch nicht in den Institutionen. Es geht nicht an, dass Kinder bis zum Übergang in die weiterführende Schule fast nur von Frauen umgeben sind. Die wachsenden Probleme, die wir mit der Leistungsfähigkeit und mit Verhaltensauffälligkeiten von Jungen haben, sind ein ernstes Indiz dafür, dass hier Handlungsbedarf besteht.

Interview: Malte Arnsperger / print
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