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FDP-Abgeordneter Michael Kauch: Was ein schwuler Vater im Netz erlebt

Mutter, Mutter, Vater, Vater, Kind: Der FDP-Abgeordnete Michael Kauch hat eine Regenbogenfamilie gegründet. Stolz hat er das auf Facebook verkündet. Und wird nun von Rechten beschimpft.

Von Thomas Schmoll

Wer Mutter oder Vater wird, schwebt auf einer Wolke des Glücks - vor allem dann, wenn es zum ersten Mal "passiert". Michael Kauch erlebt gerade diesen Moment. Er ist Vater einer Tochter geworden. Es ist sein erstes Kind. Damit Freunde sein Glück mit ihm teilen können, verkündete der 45-Jährige auf seiner Facebook-Seite die frohe Botschaft: "Nach einer kurzen Pause melde ich mich hier mit einer privaten Nachricht zurück. Am Wochenende bin ich Vater geworden. Mutter und Kind sind wohlauf." So weit, so gewöhnlich. Dann folgte ein Satz, der - noch jedenfalls - alles andere als gewöhnlich ist: "Gemeinsam mit ihrer Frau und meinem Mann freuen wir uns sehr über unsere wundervolle Tochter.“

Wie nochmal? Vater, Vater, Mutter, Mutter, Kind? Exakt. Kauch ist schwul, lebt mit seinem Mann seit 2009 in eingetragener Lebenspartnerschaft und hat mit einem befreundeten lesbischen Paar, das sich ebenfalls eigenen Nachwuchs wünschte, ein Kind in die Welt gesetzt. Elternfreuden im Quartett sozusagen. Die Vier regelten die rechtlichen Grundlagen so, dass sie sich gemeinsam um das Kind kümmern können. Seit der Geburt der Kleinen freut sich Kauch über Glückwünsche von Verwandten, Freunden und Politikerkollegen "auch aus den Reihen der Union". Seine Facebook-Seite zeugt davon. Doch das Glück ist, wenn man so will, ein Stück weit zurechtgebogen. Die sichtbaren Einträge sind nur ein Teil der Wahrheit.

"Braune Gülle wird hier nicht geduldet"

Denn der Social-Media-Auftritt eines Politikers ist niemals reine Privatsache, zumal wenn er Neuland betritt und die "Bild"-Zeitung unter der Überschrift "Dieses Paar hat ein Baby mit zwei Frauen" berichtet. Kauch war der erste Bundestagsabgeordnete, der seinen Freund heiratete. Nun ist er der erste Parlamentarier, der eine Familie mit zwei Vätern und zwei Müttern gegründet hat. Zwischen all den Freudenbekundungen, Gratulationen und Respektbezeugungen gab es immer wieder Einträge voller Verachtung, Feindseligkeit und Homophobie, die Kauch von seiner Facebook-Seite entfernte: "So, ich habe eine Reihe von Hass- oder Beleidigungskommentaren gelöscht. Vor allem von denen, die NPD in ihrem Profil haben. Braune Gülle wird hier nicht geduldet", macht der FDP-Politiker klar.

So wird der Facebook-Eintrag vom Elternglück zu einem Spiegelbild der Debatte über die Akzeptanz homosexueller Eltern - egal, ob als Duett oder Quartett. Da sind die einen, die gratulieren sowie Eltern und Tochter alles Gute wünschen und zugleich feststellen: "Hat absoluten Vorbildcharakter!" Oder die Frau, die den Mut zuspricht: "Meine Tochter ist 5 Jahre alt, sie hat 2 Mamas und einen Papa. Das funktioniert super! Sie ist selbstbewusst und wurde noch nie gehänselt, im Kindergarten ist sie beliebt. Wir sind vollgeoutet und in unserem kleinen Ort akzeptiert. Herr Kauch, lassen sie sich ihre Freude nicht trüben. Alles wird gut."

"Gesellschaftlich kein Ausnahmefall"

Aber es gibt eben auch die Homophobiker. Da sind die die harmlosen Einträge, mit denen Kauch gut leben kann, wie "Ein Grund mehr, niemals die FDP zu wählen!". Oder Kommentare, die aus der rechten Ecke kommen, aber zumindest nicht vordergründig beleidigend sind. Ein NPD-Mann schreibt: "Da läuft was schief. Der liebe Gott hat sich das sicher so nicht vorgestellt." Aber es gibt eben auch die eindeutigen Hass-Einträge: "Schade, dass eure Eltern nicht auch Homos waren, dann müsste ich sowas nicht lesen. Das ist einfach nur pervers und bezeichnend für den Niedergang unserer Gesellschaft. Eine Familie ist dazu da, neuen Menschen Leben und Halt zu geben - ihr macht daraus eine traurige Parodie." Der Begriff "neue Menschen" erinnert an dümmlichste Nazi-Propaganda.

Wenn Kauch tapfer behauptet, dass der Weg seiner Familiengründung "gesellschaftlich kein Ausnahmefall ist", mag er Recht haben. In Deutschland wachsen schon Tausende Kinder in Regenbogenfamilien auf. Meist kommen sie aus vorangegangenen heterosexuellen Beziehungen. Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Berlin versuchen längst, Kinder aus sozial kaputten Familien an homosexuelle Paare zu vermitteln. Doch zu breiter gesellschaftlicher Akzeptanz scheint es noch ein weiter Weg zu sein. Zwei Tage nach Veröffentlichung der frohen Botschaft von der Geburt seiner Tochter versuchte sich Kauch wieder in politischer Normalität. Sein jüngster Eintrag auf Facebook lautet: "Aktuell bin ich im Gespräch mit polnischen Parlamentariern zu Klima- und Energiepolitik." Nach ein paar Stunden musste er wieder einschreiten: "Rechtsradikale können sich auf anderen Seiten tummeln, hier nicht. Die entsprechenden Kommentare wurden gelöscht."

Michael Kauch wollte sich auf stern.de-Anfrage nicht weiter dazu äußern.

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