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Gesellschaft: Der steile Weg nach unten

Der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge vergleicht das Leben mit einem Fahrstuhl: Nicht alle fahren nach oben. Dabei zementiert Hartz IV den Abstieg - und Kinder leiden besonders darunter.

"Mindestens zehn Millionen Menschen leben heute auf Sozialhilfeniveau", schätzt der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. Neu ist dabei vor allem der Umgang mit Gescheiterten in der Wettbewerbsgesellschaft: "Wer die Leistung nicht bringt, wird sozial abgestraft", sagt der Politikwissenschaftler. "Die Gesellschaft ist brutal geworden." Das sieht auch der Heidelberger Soziologe Jürgen Kohl so. "Die Erfolgreichen machen die, die aus der Leistungsgesellschaft rausfallen, für ihr eigenes Schicksal verantwortlich", erklärt er. Zu beobachten sei dabei eine Art Rechtfertigungs-Ideologie: "Wenn man die einen für ihren Misserfolg verantwortlich machen kann, kann man sich selbst seinen Erfolg zuschreiben."

Hartz IV zementiert den Abstieg

Dabei sei der Ausstieg aus der Sozialhilfeabhängigkeit in den vergangenen Jahren noch schwieriger geworden, betont Kohl: "Man findet in einer Gesellschaft immer Gruppen, die unten sind. Das Problem bei der Unterschicht ist, dass dort die Zugehörigkeit dauerhaft ist." Hauptgründe für die soziale Zementierung der Unterschicht sind nach Ansicht von Butterwegge sowohl die Lage am Arbeitsmarkt als auch der politische Umgang mit Arbeitslosigkeit. "Das Normal-Arbeitsverhältnis wird zunehmend aufgelöst", kritisiert er. Stattdessen gebe es immer mehr soziale Randexistenzen, die sich mit Mini- und Midi-Jobs über Wasser hielten. Zugleich sei mit Hartz IV der soziale Abstieg organisiert worden: "Sie können mit 345 Euro Arbeitslosengeld II keinen sozialen Aufstieg bewerkstelligen - selbst wenn die Motivation da ist", betont er. "Am eigenen Schopf kann man sich schlecht aus dem Sumpf rausziehen."

Besonders Kinder leiden an den Folgen dieser Perspektivlosigkeit, wie der Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, erklärt. "Wenn das Geld hinten und vorne nicht ausreicht und das Selbstwertgefühl sinkt, dann steigt das Risiko, dass der Frust in Gewalt gegen Familienmitglieder umschlägt." Während unter Gymnasialschülern aus Elternhäusern mit gesichertem Einkommen etwa vier Prozent im Laufe ihrer Kindheit misshandelt werden, liegt der Anteil bei Hauptschülern aus armen Elternhäusern bei mehr als 20 Prozent, wie eine Umfrage des Instituts unter rund 27.000 Schülern der vierten und neunten Klasse ergab.

"Winner-Looser-Kultur muss durchbrochen werden"

"Kinder aus sozialen Randlagen haben also ein extrem höheres Risiko, Opfer von Misshandlungen zu werden." Zugleich sei die Chance auf beruflichen Erfolg bei Kindern aus Unterschichten-Familien besonders gering, sagt Pfeiffer. Immer mehr Arbeitgeber machten einen Bogen um Hauptschüler: "Die Kinder selbst empfinden sich deshalb als chancenlos. Die Hauptschule wird zunehmend zur Sackgasse der Gesellschaft." Ohne Chancen auf Erfolg verpuffe jedoch auch der letzte Aufstiegswille.

Neben verstärkten Hilfestellungen für junge Eltern aus sozialen Randgruppen fordert der Institutsleiter deshalb Ganztagsschulen, in denen Haupt-, Real- und Gymnasialschüler gemeinsam unterrichtet und betreut werden. "Die Winner-Looser-Kultur muss durchbrochen werden." Andernfalls werde sich das Problem weiter verschärfen, warnt Pfeiffer: Während in den Familien der Mittelschicht die Gewalt an Kindern in den vergangenen Jahren nachgelassen habe, sei sie in Familien der Unterschicht weitgehend konstant geblieben. "Der Teil der Bevölkerung in sozialen Randlagen nimmt jedoch zu", betont Pfeiffer, so dass auch eine zunehmende Zahl misshandelter Kinder zu befürchten sei.

Nils Weisensee/AP / AP