Hamburg Drei Jahre Haft für Michelles Eltern


Die Eltern der vernachlässigten und an einem Hirnödem gestorbenen Michelle sind zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt worden - deutlich mehr als der Staatsanwalt gefordert hatten.

Für den Tod der kleinen Michelle und die Vernachlässigung ihrer Geschwister hat das Hamburger Landgericht die Eltern der Kinder zu je drei Jahren Haft verurteilt. "Sie haben ihre Pflichten in einem erschreckenden Ausmaß und Umfang verletzt", sagte der Vorsitzende Richter zur Begründung. Die zweieinhalbjährige Michelle war im Sommer 2004 in der völlig verdreckten Wohnung der Familie in Hamburg an einem Hirnödem als Folge einer Mandelentzündung gestorben, ohne dass die Eltern zuvor ärztliche Hilfe geholt hatten.

"Sie hatte Michelle vergessen"

Die Anklage hatte der 29-jährigen Mutter und dem 35 Jahre alten Vater fahrlässige Tötung und Verletzung der Fürsorgepflicht vorgeworfen. Nach Überzeugung der Richter hatten die Eltern vor Michelles Tod fast 24 Stunden nicht nach ihrer kranken Tochter geschaut. Während der Vater bei der Arbeit war, kümmerte sich die Mutter nicht um die Kinder. "Sie hatte Michelle vergessen", sagte der Kammervorsitzende.

Michelles Eltern hatten vor Gericht eingeräumt, bis auf ein Baby die weiteren fünf Kinder und die Wohnung der Familie schon lange vor Michelles Tod vernachlässigt zu haben. "Die Zimmer waren seit mindestens zwei Monaten in einem Zustand, der für Menschen unbewohnbar war", meinte der Richter. Michelle und ihre Geschwister wurden in Räume eingesperrt, in denen sie ihre Notdurft auf dem Boden verrichteten, die Wände von Schimmelpilz befallen waren und Tausende Fliegen schwirrten.

Rückstände in der Entwicklung

Der schlechte Allgemeinzustand Michelles trug nach Ansicht des Gerichts ebenfalls zu ihrem Tod bei. Michelles Geschwister zeigten bei ihrer Aufnahme in ein Kinderheim extreme Rückstände in der körperlichen und seelischen Entwicklung. Sie konnten einem Gutachten zufolge kaum sprechen, bewegten sich nicht altersgemäß und kannten weder Dusche noch Zahnbürste. Zudem waren sie schlecht ernährt und offenbar selten an die frische Luft gekommen. Sozialarbeiterinnen, die für die Betreuung zuständig waren, hatte die 29-jährige Mutter über den Zustand der Familie getäuscht.

Die Richter gestanden der Mutter wegen einer Persönlichkeitsstörung eine verminderte Schuldfähigkeit zu. Mit ihrem Urteil lagen sie deutlich über der Forderung des Staatsanwalts, der für die Eltern Bewährungsstrafen von je zwei Jahren beantragt hatte. Die Verteidiger hatten bei der 29-Jährigen und ihrem Partner keine Schuld für den Tod Michelles gesehen und nur wegen der Vernachlässigung der Kinder Bewährungsstrafen von einem Jahr für die Mutter und eineinhalb Jahren für den Vater gefordert.

Das Sorgerecht für die Kinder ist den Eltern entzogen worden. Über das Schicksal eines siebten Kindes, das die Mutter Mitte März erwartet, muss das Familiengericht entscheiden.

DPA DPA

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