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Kolumne: Hier spricht der Boomer Können wir bitte wieder normal miteinander reden?

Ein Mann und eine Frau lehnen sich mit verschränkten Armen an das Kopfteil eines Bettes und schauen voneinander weg
© Getty Images
Die Pandemie hat uns erschöpft. Die Wunden sind tief. Wir haben erlebt, wie Freunde zu Feinden geworden sind. Weil Corona sie radikalisiert hat. Unterstützer und Kritiker der Maßnahmen sollten sich wieder offener begegnen, meint unser Autor.

Es war eine leidvolle Erfahrung in der Pandemie. Fast schlimmer als die Pandemie selber. Viele Menschen haben ihre Fähigkeit zum Streit verloren. Lagerdenken hat Einzug gehalten in Deutschland. Mit verhärteten Fronten, wie man sie nur selten erlebt.

Ich selber habe oft kritische Artikel zum Thema Corona-Maßnahmen gepostet und geschrieben. Für viel zu viele Leute hat das gereicht, um mich in Windeseile dem Lager der sogenannten Corona-Leugner zuzurechnen. Egal, was in den Artikeln stand.

Die Zeit der Argumente war angesichts der Opferzahlen vorbei. Jede Einlassung zur Unwirksamkeit oder Schrägheit von einzelnen Regierungsmaßnahmen wurde mit dem Verweis auf 80.000 Corona-Tote niedergemäht. Es war eigentlich egal, was die Regierung entschied. Vielleicht habe es ja geholfen, hieß es. Im Angesicht der vielen Opfer solle man doch nicht jede Entscheidung so genau nehmen.

Kühler Kopf trotz Corona

Doch. Gerade im Ausnahmezustand sollten wir es noch genauer nehmen als sonst. Gerade wenn es hart auf hart kommt, muss ein kühler Kopf bewahrt werden. Sonst setzen wir kopflos unsere Demokratie und Freiheit aufs Spiel. Panik ist keine angemessene Reaktion auf Herausforderungen.

Der Philosoph Karl Popper hat gefordert, dass jede Theorie der Nachprüfung durch Experimente ausgesetzt werden muss. Aufgabe der Wissenschaft sei es, alle Kraft einzusetzen, um eine gültige Theorie anzugreifen. Entweder, sie hält Stand - dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie stimmt - oder sie fällt in sich zusammen und eine neue Theorie entsteht. Nur so kann sich Wissenschaft weiterentwickeln.

Raus aus den verkanteten Diskussionen

Ich bin großer Anhänger dieser Gedanken. Genau so  sollte auch guter Journalismus funktionieren. Medien haben die Aufgabe, mit intelligenter Kritik und klugen Argumenten scheinbare Gewissheiten anzugreifen. Im Dienste der Leser. Wenn alle in eine Richtung schreiben, sollte es der erste Reflex von klugen Journalisten sein, die Richtung zu wechseln.

Dabei muss es egal sein, von welcher Seite Beifall oder Buh-Rufe kommen. Die Regierungskritik würde von der falschen Seite beklatscht, habe ich in den vergangenen Monaten oft gelesen. Das ist ein zentrales Argument der Corona-Mahner, die sich jede Kritik an Zahlen, Maßnahmen und Entscheidungen verbieten. Aber wird ein Argument wirklich schwächer, weil es von Durchgeknallten beklatscht wird?

Corona-Leugner rufen zu Waffengewalt auf

Wir müssen raus aus den verfeindeten Lagern. Raus aus den verkanteten Diskussionen, die zu nichts mehr führen. Niemand ist der Meinung, dass wir in den zurückliegenden 15 Monaten alles richtig gemacht haben in Deutschland. Also los! Was müssen wir besser machen, wenn die nächste unerwartete Herausforderung kommt? Und sie kommt bestimmt.

tkr

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