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Interview mit Muslimen-Verband: "Terror widerspricht dem Islam"

Zwei der drei Terrorverdächtigen sind Deutsche, die zum Islam übergetreten sind. Doch warum konvertieren Deutsche zum Islam? Und zieht diese Religion gewaltbereite junge Menschen an? stern.de sprach darüber mit Michael Muhammad Abduh Pfaff, selber Konvertit, dem Vorsitzenden der Deutschen Muslim-Liga.

Herr Pfaff, was muss man tun, um zum Islam zu konvertieren?

Nicht viel. Man muss das Glaubensbekenntnis vor zwei muslimischen Zeuge aussprechen. Es gibt keine Registrierung sondern nur diesen formlosen Akt.

Welche Motive haben Menschen, zum Islam überzutreten?

Das ist sehr unterschiedlich. Es dürfte fast so viele Motive geben, wie Konvertiten. In Deutschland haben wir schätzungsweise 60 bis 80.000 Konvertiten beziehungsweise Kinder von Konvertiten. Eine große Gruppe konvertiert zum Islam, weil sie durch die Heirat mit Muslimen Kontakt zum Islam bekommen haben. Darunter sind viele Frauen, aber auch zunehmend Männer. Manche Leute treten über, weil sie auf Reisen, oder an ihrer Arbeitsstelle Muslime kennen gelernt haben. Eine weitere große Gruppe sind Menschen, die auf der Suche nach Spiritualität sind und sich dem mystischen Islam zuwenden. Seit den Terroranschlägen vom 11.September gibt es aber auch Deutsche, die sich über den Islam informieren wollen und erkennen, dass die Vorurteile nicht stimmen und dann den Glauben wechseln.

Bei den beiden nun Festgenommen fällt auf, dass sie sehr jung sind. Ist das ein typisches Alter, um zu konvertieren?

Diese beiden Männer würde ich nicht als typische Konvertiten bezeichnen.

Warum?

Weil sie offensichtlich in die Fänge von radikalen Ideologen geraten sind, die meiner Meinung nach nicht den Islam predigen, sondern eine anti-westliche Ideologie. Ich appelliere deshalb an junge Leute, die sich dem Islam nähern wollen, sich intensiv mit dem Islam zu beschäftigen, und sich mit mehreren Muslimen über die Religion zu unterhalten.

Sie meinen, diese beiden jungen Männer haben sich nicht genug mit dem Islam beschäftigt?

Ich kenne die beiden nicht und kann daher nicht zu ihnen konkret Auskunft geben. Aber, was die Anfälligkeit gegenüber radikalen Auslegungen angeht, sehe ich genau da das Problem. Wenn ein Mensch auf der Suche nach Halt ist, oder vielleicht in einer persönlichen Krise steckt, ist er besonders anfällig. Geraten solche Leute dann in falsche Kreise, können sie leicht indoktriniert und quasi einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Diese Kreise sind für mich aber keine muslimischen Gruppen. Terror widerspricht dem Islam. Sobald man solche Anschlagspläne hat, bewegt man sich außerhalb des Islams.

Sind Konvertiten besonders anfällig für radikale Ansichten ?

Man kann sicher sagen, dass jemand, der sich zu einer neuen Religion bekennt, eine besondere Überzeugung hat und diese Religion mit besonders großem Eifer ausüben will. Aber wenn man dies richtig tut, führt das gerade beim Islam nicht in die Radikalität, denn der Islam ist eine Religion der Mäßigung. Der überwiegende Teil der Konvertiten ist sicherlich nicht einer radikalen Richtung zuzuordnen.

Der Islam scheint ja attraktiv für gewaltbereite junge Leute mit radialen und anti-westlichen Ansichten zu sein.

Ja, es gibt eine gewisse Attraktivität und zwar die Solidarität mit Unterdrückten und Benachteiligten, die häufig bei jungen Menschen anzutreffen ist. Junge Menschen rebellieren zu Recht gegen Ungerechtigkeiten in der Welt und wollen diese Welt besser gestalten. Dass sie dabei häufig das Maß verlieren, zeigt jedoch, dass sie sich nicht theologisch über den Islam Gedanken gemacht haben. Gerade diese Gewaltbereitschaft lässt sich nicht dem Islam zuordnen. Nicht der Islam hat die Gewalt verursacht. Ich glaube, diese jungen Deutschen wären auch gewaltbereit geworden, wenn sie in den Fängen von Rechtsradikalen oder radikalen Tierschützern gelandet wären. Perspektivlosigkeit und Gewaltbereitschaft sind Probleme unserer Gesellschaft zu denen wir gemeinsam Antworten finden müssen.

Wäre es nicht Ihre Aufgabe, gegen diese Lehrer, gegen islamische Hassprediger vorzugehen, die ihre Religion in Misskredit bringen?

Wir versuchen natürlich alles zu tun. So etwa kommunizieren wir möglichst viel über den Islam und wollen auch die Muslime in unserem Land umfassend über den Islam aufzuklären. Wir betreiben eine Webseite "MuslimegegenTerror.de", auf der wir überzeugend beweisen, dass sich alle anerkannten Verbände eindeutig von Terror distanzieren. Außerdem spreche viel mit Konvertiten, die sich mit Fragen zum Islam an mich wenden.

Aber anscheinend tun Sie nicht genug.

Der Islam kennt keine Kirche und hat weder die finanziellen, noch die institutionellen Mittel die Mehrheit der Gesellschaft zu erreichen. Auch meiden fanatische Gruppen den Kontakt zum Mainstream-Islam und sind selten in Moscheen anzutreffen. Wir brauchen daher die Unterstützung von Medien – durch aufklärende Berichte über die muslimische Theologie und staatlichen Stellen – durch die Einführung eines muslimischen Religionsunterrichts an Schulen und muslimischen Lehrstühlen an Universitäten.

Befürchten Sie jetzt eine Stimmung gegen Muslime, vor allem gegen Konvertiten?

Ja, diese Gefahr gibt es natürlich. Es werden Gruppierungen - wie etwa Rechtsradikale - diese Situation nutzen, um gegen uns Muslime Stimmung zu machen. Ich befürchte aber auch, dass Innenminister Wolfgang Schäuble dies nutzen wird, noch schärfere Gesetze zu fordern. Er hat ja schon vor einigen Monaten gesagt, dass Konvertiten eine potentielle Gefahr darstellen können. Mit einer Verschärfung von Gesetzen und plakativen Verdächtigungen arbeitet er jedoch gerade den Extremisten zu. Wenn unsere Gesellschaft nicht zeigen kann, dass sie besser, freier und gerechter ist, als diese Fanatiker, sondern selbst ihre Freiheit einschränkt ist das Wasser auf die Mühlen der Hassprediger. Wenn Muslime generell in die Ecke gestellt werden, erschwert man Integration, statt sie zu ermöglichen.

Interview: Malte Arnsperger
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