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Klimagipfel in Kopenhagen: Ich kann es nicht mehr hören!

Täglich gibt es neue Kommentare, Studien und Horrorszenarien zum Klima. Ich kann kaum noch an etwas anderes denken, als an meine CO2-Bilanz. Ich verbrauche gar nicht viel und habe dennoch ein schlechtes Gewissen. Das muss ein Ende haben.

Ein Hilferuf von Philipp Engel

Klimawandel allerorts. Die Bahn hat einen neuen Klimarechner, es gibt klimafreundliche Reisen, gefühlte tausend Klimasiegel und 100.000 Artikel zum Thema. Es ist ja sicherlich wichtig und sinnvoll und man muss die Menschen sensibilisieren. Und wenn in Kopenhagen grad die wichtigen Menschen wichtig über ein wichtiges Thema reden, dann muss auch drüber berichtet und gesprochen werden.

Aber ich kann nicht mehr. Mein Hirn hält dem Trommelfeuer der Klimarechner, Untergangsszenarien und Umweltverschmutzervergleiche nicht mehr stand. Ich merke, wie ich langsam abdrifte in einen Wahn. Bei allem, was ich tue, denke ich über die CO2-Kette nach. Ich stelle die seltsamsten Gedankengänge an.

Ist es ökologischer, eine Station mit der S-Bahn zu fahren oder zu Fuß zu gehen? Klare Sache, zu Fuß gehen natürlich. Und gesünder ist es auch. Aber die Bahn fährt ja eh. Mit Strom aus Kohlekraftwerken. Die emittieren CO2. Wenn ich nun also meine knapp 65 Kilos in die S-Bahn stelle, wie viel mehr Strom braucht die Bahn? Wie viel CO2 ist das? Wenn ich stattdessen zu Fuß gehe und dann abends die verbrauchten Kalorien in Form eines Käsebrotes wieder zu mir nehme, wie viel CO2 hat wohl die Kuh für diese Käsescheibe emittiert? Ist das mehr oder weniger?

Unbewusst klimafreundlich

So wird ein banaler Spaziergang zu einer existenziellen Frage. Denn natürlich möchte ich das Klima schützen. Nur komme ich mir bei jedem unvermeidlichen Gramm CO2 schon fast vor wie ein Schwerverbrecher. Dabei habe ich dazu keinen Grund. Ich dusche morgens nur zwei Minuten, einfach weil ich mal wieder zu spät aus dem Bett gekommen bin. Ich habe kein Auto, nicht einmal einen Führerschein. Und jeden Tag ein Steak ist allein wegen meiner Finanzen nicht möglich. Wenn auf dem Teller nur ein paar Brotkrümel liegen, wird er noch mal benutzt und dann erst abgewaschen. Ich bin durch meine Faulheit ein unfreiwilliger CO2-Vermeider. Und trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, weil es mir von jeder Seite eingeredet wird.

Und es scheint so unbegründet. Da fliegen sie alle in Flugzeugen nach Kopenhagen, wohnen in beheizten Luxushotels und fahren in großen, angeberischen Autos zum Tagungsort. Da machen sie lächerliche 2,4 Milliarden für die Entwicklungsländer locker, nachdem sie gerade erst ein Vielfaches für nur eine einzige Bank ausgegeben haben. Da pendeln Abgeordnete zwischen Bonn, Berlin und Brüssel, mit dem Flugzeug natürlich. Und reden davon, neue Kohlekraftwerke zu bauen. Wenn ich das sehe, kommt mir der Gedanke, dass es ja so schlimm gar nicht sein kann.

Beendet den Wahnsinn!

Ich flehe hiermit um Gnade: Ich bin übersensibilisiert und ich möchte meine Gedanken endlich wieder auf andere, ebenfalls wichtige Dinge lenken können. Ich will keine Grübelorgien mehr darüber veranstalten, ob es legitim ist, eine Kaffeetasse schon nach zwei Tagen abzuwaschen. Oder ob ich in Zukunft mit den Fingern essen sollte, um die Energie zu sparen, die der Abwasch verbrauchen würde.

Ich will ja gern das Klima schützen und ich sehe die Notwendigkeit. Also einigt euch endlich, da in Kopenhagen, legt euch fest. Sagt mir, was ich tun soll, ich mache es! Aber hört bitte auf mit dieser Klimapenetration. Diesem Dauerbeschuss mit Studien, Erklärungen und Erkenntnissen. Ich kann nicht mehr.

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