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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Glücklich ohne Geld? Vergesst es!

Zahllose Ratgeberbücher belegen es: Es ist trendy, der Überflussgesellschaft zu entsagen und sich in Askese zu üben. Aber seien wir doch mal ehrlich - nachhaltig ist das nicht.

Von Anja Lösel

10.000 Gegenstände hat der Durchschnittsdeutsche zu Hause rumstehen, rumliegen, rumhängen. Weniger als 100 benutzt er regelmäßig. Der Rest ist einfach so da. Das gute Sonntagsgeschirr, Bücher von Böll, Grass und Dave Eggers, das Festtagskleid, das auf schlankere Zeiten wartet. Kann man doch alles noch mal brauchen. Ist doch alles schön.

Weg damit, wollen Minimalismus-Freaks und Ich-räume mein-Leben-auf-Experten uns seit einiger Zeit einreden. In den Müll, auf den Flohmarkt, zu ebay. Nur weg. Dann, so versprechen sie uns, werden wir befreit sein. Glücklich und entspannt in unseren leeren, aufgeräumten Wohnungen. Werden uns nicht mehr kümmern müssen um eingestaubte CDs und von Motten befallene Pullover. Verzicht ist das große Ding. Mäßigung ist Mode.

Das schlechte Gewissen

Jede Menge Buchautoren wollen uns ein schlechtes Gewissen einreden: "Wie viel ist genug?" fragen sie und behaupten, das Rezept zu kennen, mit dem alles besser wird: "Die Asket Strategie", "Befreiung vom Überfluss", "Glücklich ohne Geld". Ach ja, ein bisschen disziplinierter beim Essen sollten wir auch noch werden. "Kein Essen in den Müll", "Die Essensvernichter", "Taste the Waste" heißen die passenden Ratgeber. Nicht so viel ausgeben, am besten gar nichts. Es gibt doch so viele Reste, all die schönen Dinge, die jeden Tag weggeworfen werden.

Schon ausprobiert? Immer noch nicht glücklich? Dann liegt es wahrscheinlich daran, dass das alles Quatsch ist. Weniger ist nicht unbedingt mehr. Bescheiden zu leben, womöglich sogar ohne Geld, ist superanstrengend. Und wer sich billig ernährt, ernährt sich oft auch schlecht, wenn er nicht grade auf dem Land lebt und einen eigenen Obst- und Gemüsegarten hat.

Die Apokalypse

Die Autorin Greta Taubert beschreibt in ihrem Buch "Apokalypse jetzt", wie sie ein Jahr ohne Konsum durchsteht und ziemlich schnell genervt ist vom Asketen-Leben. Sie testet die Notfall- Esspakete der Bundesregierung - und wird beinahe ohnmächtig vor Hunger. Sie lässt sich Lebensmittel schenken oder wühlt nachts in den Abfallcontainern der Supermärkte. Und hat plötzlich die Küche voll mit seltsamen Kekspackungen, die sie sich niemals selbst gekauft hätte. Befreit? Nein, befreit fühlte sie sich nicht. Eher eingepresst in ein Leben, das nicht wirklich ihres ist. Mit Dingen wie Birnen im Glas oder Büchsenfleisch.

Auch die ganzen Möbel, Kleider, Tässchen und Väschen loszuwerden, die zu Hause rumstehen, ist nicht einfach. Wem schenken? Wohin verkaufen? Greta Taubert meldete sich im Internet auf Tauschbörsen wie exchange-me.de oder kleiderkreisel.de an. Mit dem Erfolg, dass sie zwar kein Geld ausgibt, aber immer neue Dinge eintauscht. Sogar solche, die sie gar nicht haben will, denn wer tauschen möchte, muss ja was zum Tausch anbieten können. Und schon ist die Bude wieder voll. Alles nervig und zeitraubend, von Gelassenheit und Freude am Verzicht keine Spur.

Besser shoppen

Und überhaupt: Was passiert denn, wenn alle auf Konsum verzichten? Wenn keiner mehr in schicke Restaurants geht, teure Bio-Lebensmittel kauft, sich coole Fahrräder oder handgenähte Schuhe gönnt? Wenn alle nur noch Cars sharen und Couch surfen, Container diven und Clothing exchangen?

Das funktioniert nur, wenn nicht zu viele es tun. Mal ein Jahr ausscheren aus der Überflussgesellschaft - prima. Mal einen Urlaub auf den Sofas irgendwelcher Mexikaner oder Ägypter verbringen - tolle Erfahrung. Ausprobieren, ob ich auch ohne Beute aus dem Designerladen komme - sehr heilsam. Aber dann wieder zurück in alte Leben. Vielleicht ein bisschen nachdenklicher, ein wenig sorgsamer, nur eben zurück. So wie Greta Taubert. "Weil das Andersleben zeit- und kraftzehrend ist", sagt sie, manchmal sogar "niederschmetternd aussichtslos, erschöpfend anstrengend, ätzend aufwendig."

Konsum mit Grips, das ist es. Shoppen und dabei das Hirn einschalten. Dann kann der ganze Verzicht uns gestohlen bleiben.

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