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Hans-Martin Tillack: Journalist auf Rabatt

In der Wulff-Debatte haben viele die Frage gestellt, ob Journalisten Presserabatte annehmen dürfen. Sie fragen zu Recht.

Auch ich habe in den vergangenen Wochen eine ganze Reihe von Mails und Briefen von Lesern bekommen, in der die Journalistenrabatte Thema waren. Autohersteller, Fluggesellschaften, Mobilfunkbetreiber und viele andere gewähren Journalisten nämlich Preisabschläge. Es gibt eigene Webseiten, die die Angebote im Detail ausbreiten, zum Beispiel unter diesem Titel: „Noch mehr für Schnäppchenjäger!“. Und es gibt schnäppchenjagende Journalisten, auch sehr prominente, die kostenlose Upgrades annehmen und sich dafür nicht schämen.

Es gibt aber auch Journalisten, die das anders sehen. Zu denen gehöre ich. Darum nehme ich keine solchen Rabatte in Anspruch und das schon seit einer ganzen Reihe von Jahren. Bis vor ein paar Jahren nutzte ich den Journalistentarif der Deutschen Telekom für mein Handy, heute nicht mehr. Gleiches gilt für die Bahncard. Im Jahr 1992 – ich war gerade für die taz von Berlin ins Bonner Büro gewechselt – habe ich mir bei Quelle eine Waschmaschine mit Presserabatt gekauft. Das war’s.

Zu Recht verlangt das Netzwerk Recherche von seinen Mitgliedern, auf solche geldwerten Vorteile zu verzichten. Beim Netzwerk bin ich nicht mehr Mitglied, aber das Prinzip bleibt richtig. Journalisten – gerade solche, die mit ihren Recherchen Politikern und Wirtschaftsleuten und ihren Verfehlungen nachspüren – sollten selbst nicht den Eindruck erlauben, sie nähmen Vergünstigungen in Anspruch, die ihnen nur wegen ihrer Position gewährt werden. Denn natürlich wollen Firmen uns Journalisten mit solchen Geschenken gewogen stimmen. Und genau deshalb sollten wir sie nicht akzeptieren.

Auch deshalb habe ich nicht verstanden, warum unser zeitweiliger Präsident Christian Wulff seine Billigkredite und Gratisurlaube so bedenkenlos annahm. Ich habe ihm das selbst gesagt, bei einem Gespräch, das ich am 15. Dezember mit ihm im Schloss Bellevue führen konnte, also zwei Tage nachdem der Privatkredit der Familie Geerkens bekannt geworden war (auch durch Recherchen des stern). Warum er selbst, als Bundespräsident wie zuvor als Ministerpräsident im Rang deutlich herausgehobener als unsereiner, nicht zu dem Schluss gekommen sei, lieber auf Geschenke reicher Freunde zu verzichten? Wo doch Journalisten ohne Amt und Würden dazu in der Lage seien.

Das Gespräch mit ihm fand unter der Bedingung statt, dass ich nicht daraus zitiere. Aber eins kann ich verraten: Christian Wulff gab auf die Frage keine substantielle Antwort.