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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Warum nicht eine Steuer auf Ausländerfeindlichkeit?

Ratlos nach Tröglitz: Statt salbungsvoll zu reden, sollte der Staat lieber Humanität finanziell belohnen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Flüchtlingsaufnahmesteuer? Zu entrichten auf Landesebene.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Ein Blick auf das Haus mit dem ausgebrannten Dachstuhl in Tröglitz. In ihm sollten Asylbewerber unterkommen.

Ein Blick auf das Haus mit dem ausgebrannten Dachstuhl in Tröglitz. In ihm sollten Asylbewerber unterkommen.

Es gibt dieses Bild von diesem abgrundtief-spießigen Wohnblock im sachsen-anhaltinischen Tröglitz, in den vorerst nun doch keine Flüchtlinge einquartiert werden, weil ein paar Arschlöcher (oder war es nur ein einziges?) den Dachstuhl in Brand gesetzt haben. Ein paar Tage ist das erst her. Das Bild hat sich - im Wortsinne - eingebrannt in unsere deutsche Seele. Es wühlt auf. Es macht fassungslos. Traurig. So wie damals, mehr als 20 Jahre ist das nun her, die verkohlte Fassade des Sonnenblumenhauses in Rostock-Lichtenhagen. Auch da hat es gebrannt, mit dem Unterschied allerdings, dass seinerzeit ein jubelnder Mob vor dem Plattenbau die Feuerwehr bei ihren Löscharbeiten behindert hat.

Zynisch bilanziert: Dann ist ja alles besser geworden in diesem Nachwende-Deutschland. Wer heute meint, Ausländer vertreiben zu können, der kann das nicht mehr in aller Öffentlichkeit tun, angefeuert von der tumben Masse. Er muss nachts kommen, heimlich.

Erschreckende Studie

Und jetzt mal ganz im Ernst: Ja, man hatte gedacht, dass sich was geändert hat. Nach Rostock-Lichtenhagen, nach Mölln, nach Hoyerswerda. Nach diesen Orten der Schande und den wochenlangen Aufarbeitungsdiskussionen danach. Man hatte gedacht, dass die ermüdenden Diskussionen mit vermeintlich unbeteiligt Friedliebenden, wie ordentlich und reinrassig die deutschen Vorstädte zu sein haben, damit der heimische Spießer seine Gartenzwerge im 90-Grad-Winkel zur geschnittenen Vorgartenrasenkante ausrichten kann, vorbei sind. Over and out. Alles ist doch längst gesagt. Wer es jetzt noch nicht kapiert hat, der lernt es auch nicht mehr.

Eine Studie der Uni Leipzig hat gerade Erschreckendes ermittelt: Ausländerfeindliche Einstellungen wachsen in unser aller Mitte. Ein bisschen mehr im Osten, am meisten (sic!) in Sachsen-Anhalt, diesem Land der Frühaufsteher, was dann wohl heißt, dass dort schon morgens in aller Herrgottsfrühe das und der Fremde als Bedrohung abgelehnt wird. Aber auch, man hätte es gar nicht gedacht, im krachledernd-weltläufigen Bayern.

Bedenkliche Prozentzahlen

Hier schnell die Zahlen: 42,2 Prozent der Sachsen-Anhaltiner stimmen ausländerfeindlichen Aussagen wie "wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken" zu. In Bayern sind es 33,1 Prozent, jeder Dritte also. Das ist dann doch schon so bedenklich und so breit verankert, dass die Arschlöcher, die das potentielle Flüchtlingsheim in Tröglitz angezündet haben, sich fast schon nicht mehr ganz alleine wähnen müssen.

Wie kommt das? Keine Ahnung. Keine Erklärung. Sogar die Kontakthypothese greift ja nicht mehr so ganz, wonach nur dort die Ausländerfeindlichkeit besonders grassiert, wo man praktisch keinen Ausländer trifft.

Wettbewerb der Barmherzigkeit

Statt salbungsvoller Worte hier ein Vorschlag: Wie wäre es, wo doch alles in geldwerte Vorteile umgerechnet wird in diesen Zeiten, mit einer Flüchtlingsaufnahmesteuer? Zu entrichten auf Landesebene. Eine Art Länderfinanzausgleich der Humanität. Dort, wo kein oder nur wenige Flüchtlinge hinkommen, sehr gerne zum Beispiel in Sachsen-Anhalt (siehe dazu auch den exzellenten Kommentar meiner Kollegin Frauke Hunfeld), zahlen die Bürger einen höheren Steuerbetrag, als in den Ländern, in denen Flüchtlinge aufgenommen werden. Die Bürger des Bundeslandes, das am meisten aufnimmt, zahlen nichts. Vielleicht wird es so etwas wie ein Wettbewerb der Barmherzigkeit. Und wenn das schon kein Motiv ist, dann wäre es wenigstens der Geldbeutel.

Axel Vornbäumen hat in den 90ern die Rassenunruhen in Rostock und Hoyerswerda mitgemacht. Mit Dummheit allein war das damals nicht zu erklären. Sie können dem Autor auf Twitter unter @avornbaeumen folgen.