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Vergleich: Osnabrück hui, Dessau pfui

Warum so viele Bürger das Beschauliche am meisten lieben und EInkaufszentren eher deprimierend finden.

Sergio hat eine eigenwillige Erklärung dafür, dass die Leute in Osnabrück so zufrieden sind. "Hier gibt's einfach keine Extreme. Du kriegst hier alles, aber alles ist Durchschnitt, und das ist prima." Sergio Grani lebt seit 32 Jahren in Osnabrück, am Rathausplatz betreibt der gebürtige Italiener eine Pizzeria. Eingebettet zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge ist Osnabrück die größte Stadt Deutschlands, die mitten in einem Naturpark liegt. Den Bewohnern gefällt es. Bei der Online-Umfrage "Perspektive Deutschland" belegte die Region Osnabrück Rang eins in der Zufriedenheitsskala. Es lässt sich gut oder sehr gut in dieser Region leben, fanden 87 Prozent der dort Befragten. Der Vorjahressieger, die Region um Aschaffenburg, belegt diesmal Platz drei. Im mittelalterlichen Rathaus sitzt zufrieden der SPD-Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip. Er weiß: "Uns geht es besser als anderen Kommunen." Auch wirtschaftlich, schließlich hat Osnabrück Industriebetriebe wie den Autohersteller Karmann, der allein in diesem Frühjahr 1000 neue Arbeitsplätze schafft. Fip schmatzt an einer kubanischen Zigarre und plaudert über seine Lieblingsidee: die Renaissance der Innenstädte. "Wir brauchen Städte, in denen Eltern ihre Kinder laufen lassen können, lebendige Innenstädte, in denen man alles findet."

330 Kilometer östlich von Osnabrück liegt Dessau. 1989, im letzten Jahr der DDR, lebten hier 100.000 Menschen, jetzt sind es weniger als 80.000. Die Arbeitslosenquote beträgt knapp 20 Prozent. Gegenüber dem Bahnhof bietet ein Shop die "Orion-Sex-Wundertüte für Sie oder Ihn ab 6 Euro" an, im selben Haus hat sich die Zeitarbeitsfirma Randstad eingenistet. 200 Dessauer besuchen an diesem Tag den "Randstad-Jobtag". In den Büros liegen trockene Kekse, und der Niederlassungsleiter gibt zu, dass er nicht viel anzubieten hat außer Helferjobs für sechs bis sieben Euro die Stunde.

Dessau rangiert in der Umfrage auf dem letzten Platz: Nur 23 Prozent der Einwohner sind der Ansicht, dass es sich hier gut leben lässt. Ein überdimensioniertes Shoppingcenter dominiert das trostlose Stadtbild und verstellt den Blick auf das Rathaus im Stil der Neorenaissance. Oberbürgermeister Hans-Georg Otto, 61, sehnt sich so sehr nach jedweder wirtschaftlichen Aktivität, dass er den hässlichen Klotz vor seiner Haustüre ganz toll findet. Im Mai startet der Bau eines zweiten Centers.

Dessau hat einen brutalen ökonomischen Niedergang hinter sich: Zu DDR-Zeiten arbeiteten 60 Prozent der Beschäftigten in 13 Großbetrieben. "Das ist alles zusammengebrochen", sagt Otto. Er glaubt aber, dass die Leute die Lage noch schlimmer empfinden, als sie tatsächlich ist. Schuld trage nicht zuletzt die Lokalzeitung, die nur schlechte Nachrichten verbreite. Zur Eröffnung des neuen Gewerbegebietes wollten sie nicht einmal ein Foto von ihm abdrucken, wie er gerade das Band durchschneidet. Steffen Brachert, 30, Lokalredakteur der "Mitteldeutschen Zeitung", hält das für Quatsch. Dessau sei früher etwas Besonderes gewesen - Bauhaus, Industriestadt, Gartenreich Dessau-Wörlitz -, heute sei den Dessauern der Stolz auf ihre Heimat abhanden gekommen. Am liebsten würde auch er woanders wohnen. "Die Jungen sind weggezogen, die Alten sind geblieben. Das ist ziemlich deprimierend."

Markus Grill