Zwischenruf Die Billionen-Dollar-Frage

Der Casino-Kapitalismus wird zum akuten Risiko für Arbeit und Aufschwung. Denn die globale Finanzkrise ist weitaus dramatischer, als bislang öffentlich zugegeben wird - und die Politik in Wahrheit aufs Höchste alarmiert.

Der Casino-Kapitalismus ruiniert sich selbst. Seine Glaubwürdigkeit zuerst. Die Banken vertrauen sich untereinander nicht mehr und leihen sich gegenseitig kein Geld - Hunderte von Milliarden mussten die Zentralbanken deshalb seit Beginn der globalen Finanzkrise in den Kreislauf pumpen, um einen Zusammenbruch abzuwenden. Von ihren Kunden erwarten die Banker dagegen, dass sie ihnen ihr Geld weiterhin vertrauensselig überlassen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. In Großbritannien ist es nicht mehr gut gegangen: Als die Bank von England die notleidende Hypothekenbank Northern Rock stützen musste, gab es einen Run hysterischer Kunden auf die Schalter, um ihr Geld in Sicherheit zu bringen - Schlägereien inklusive. Ein Fanal. Szenen wie beim großen Banken- und Börsenkrach im Oktober 1929, der die Weltwirtschaftskrise einleitete, Millionen arbeitslos machte - und Hitler an die Macht katapultierte. Damals wie heute war eine Kreditkrise in den USA der Auslöser. 1929 brachen auf Pump finanzierte Börsenspekulationen zusammen, 2007 stürzten unsolide Hypothekenkredite das Finanzsystem in die Krise. Es hatte die faulen Kredite zu milliardenschweren, scheinbar lukrativen Rendite-Paketen gebündelt - Chips am Casino-Tisch des Finanzkapitals. Jeder wollte mitspielen und mitgewinnen. Blind von Gier und Hybris. Auch dilettierende Provinz-Banker wie die der Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB und der sächsischen Landesbank, die keinen Schimmer hatten, wie riskant die Chips waren, die sie verzockten - abgelöst von der realen Ökonomie. Die Finanzminister und Notenbankchefs haben gelernt aus 1929. Sie haben Milliarden um Milliarden ins System gepumpt, damit die Krise nicht zum Crash wird und hinüberschwappt in die reale Wirtschaft, die Konjunktur erstickt und Millionen den Job kostet. Sie haben blitzschnell agiert, diskret und mit beruhigenden Erklärungen, um die Krise nicht zur Panik werden zu lassen.

Doch die Krise ist längst nicht abgewendet. Drei Billionen Dollar, schätzen prominente Notenbanker, sind von Vernichtung bedroht - 100 Milliarden erst in den Bank- Bilanzen kompensiert. Ein gigantischer Eisberg, unsichtbar unter der Wasserlinie, auf den die Weltwirtschaft zusteuert. Die Passagiere - Anleger, Unternehmer, Arbeitnehmer - haben bislang nur die Spitze des Eisbergs zu sehen bekommen. Die Offiziere auf der Brücke aber sind erbleicht. Ihre Welt scheint dem Untergang geweiht. Die Casino-Welt, in der angestellte Investment-Jongleure ein Vielfaches der Gehälter von Vorständen kassieren - die fünf größten Investmentbanken verteilten vergangenes Jahr 36 Milliarden Dollar allein als Boni an ihre Cracks. Die Welt der Schamlosen und Unersättlichen, in der sich 700 Investmentbanker auf Kosten der Deutschen Bank in diesem Sommer einen exklusiven Auftritt der Rolling Stones in Barcelona gönnten - für vier Millionen Euro. Die Welt der Hedgefonds, landläufig als Heuschrecken tituliert, die ihre reichen Privatanleger plötzlich mit Verlusten schocken und deren bestverdienender Spitzenmann im vergangenen Jahr 1,7 Milliarden Dollar (!) einstrich.

Nun herrscht Katzenjammer im Casino. Und der Politik raubt die Drei-Billionen-Dollar-Frage den Schlaf: Wie stark schlägt die Finanzkrise auf die reale Wirtschaft durch? Welche Folgen hat sie für Wachstum und Beschäftigung - und damit auch für Wahlen? Ist die versprochene "Teilhabe am Wohlstand" schon vorüber, bevor sie begonnen hat? Und wie teuer wird das verlorene Spiel am Ende für die Steuerzahler - nicht nur in Sachsen? Inzwischen gibt es zarte Warnungen ans Publikum. Wirtschaftsminister Glos entdeckt "Wolken am Konjunkturhimmel", Finanzminister Steinbrück nennt das Problem "ernst". Angela Merkel hat sich in das Thema so detailversessen eingearbeitet wie einst in die Sozialsysteme. Nach einem Treffen mit ihr sprach Frankreichs Präsident Sarkozy Klartext: Man wolle einen "Kapitalismus für Unternehmer, nicht für Spekulanten". Das aber erfordert radikales Umdenken: Kontrolle statt Liberalisierung der Finanzmärkte. Eine Kontrolle, die Oskar Lafontaine schon forderte, als er noch Finanzminister im Kabinett Schröder war. Damals aber wurde er verlacht und in der Londoner City als "gefährlichster Mann Europas" verleumdet. Nun geht es um einen historischen Test - ob sich Europa ökonomisch von der Krise in den USA abkoppeln kann. Sarkozy kündigt eine "Offensive" Europas an, gemeinsam mit der Kanzlerin. Aussichtslos ist die nicht. Der Rekordkurs des Euro gegenüber dem Dollar wird gemeinhin nur als Gefahr für die Exporte betrachtet. Er zeugt aber auch von Vertrauen, etwa der Chinesen, in den Euro als sichere Reservewährung. In den USA jedenfalls lacht niemand mehr über Europa.

Hans-Ulrich Jörges print

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