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Zwischenruf: Hoppla, wir leben!

Jahrelang schien der Untergang schier unabwendbar, jetzt beginnt die Nation zu begreifen: Deutschland boomt. Wessen Verdienst ist die erstaunliche Schicksalswende? stern Nr. 21/2007

Der Untergang ist abgesagt. Die Sirenen schweigen. Die Rettungsboote bleiben leer. Erstarrt ist der Tumult an Deck des Dampfers Deutschland. Die ersten Passagiere nesteln an den Rettungswesten. Die See hat sich beruhigt, die Wolken reißen auf, warmes Licht flutet über das Schiff. Oben auf der Brücke, bei den Offizieren, ist es still geworden. Unten, in der ersten und der zweiten Klasse, beginnt man sich der eigenen Panik zu schämen, die Stewards schenken heißen Tee aus. Ganz unten, im Maschinenraum, wird der Kessel wieder befeuert. Die Deutschland sinkt nicht. Nein, Deutschland nimmt Tempo auf. So rasch, so unverhofft, so stabil, dass das Publikum Mühe hat, die Schicksalswende zu begreifen, die Psyche umzustellen von Untergang auf große Fahrt. Über Jahre schien das Land verloren, zerbrochen, was einst Halt versprach. Globalisierung - ein Schreckenswort! Sie nimmt uns alles. Die Unternehmer verlassen das Land - nach Osten, nach Osten! Polen, Ukraine, Indien, China. Was bleibt, fressen die Heuschrecken.

In den Ohren dröhnten Daueralarm und Rettungsdurchsagen. "Deutschland bankrott?"- "Sozialstaat ade?" - "Arbeitslos, nutzlos, hoffnungslos?": Die Talkshows waren Foren deutscher Verzweiflung. Verstummt, vorüber, fast schon vergessen. Frisch entbundene Eisbären, dicke Kinder und saufende Halbstarke drängen ins mediale Vakuum. Wohlstandsprobleme schieben sich vor Armut, Billig- und Mindestlöhne. Die Frauen kommen, wollen Arbeit und Karriere? Her mit Krippenplätzen, was kosten die? Können wir uns doch wieder leisten! Kein Rechtspublizist fantasiert noch von Auswanderung. Kein Wirtschaftsgigant träumt noch von Flucht. Keine Partei quält sich noch mit nationaler Errettung.

Geht’s uns nicht besser, als wir dachten? Vielen, zu vielen, nicht so gut, wie es sollte und könnte. Aber leben wir hier nicht komfortabler - immer noch, nein: jetzt wieder -- als die Menschen in anderen, jedenfalls den meisten Ländern? Ja, wie geht’s uns eigentlich? Seit der letzten Märzwoche ist die Zahl der wirtschaftlichen Optimisten - zum ersten Mal seit Jahren! - größer als die der Pessimisten, und ihr Vorsprung wächst unaufhörlich. Das markiert eine erstaunliche psychologische Wende. Die Gründe hat. Viele gute Gründe. Die Einkommen der Arbeitnehmer wachsen wieder, nach bitteren Jahren von Stagnation oder Verlust. Die Gewinne der Unternehmen, die Dividenden der Aktionäre explodieren gar. Der Export boomt, im ersten Quartal allein um elf Prozent. China und Indien ziehen uns, nicht mehr nur die USA. Die Wirtschaft wächst kräftig und auf Jahre hinaus, die höhere Mehrwertsteuer hat die Konjunktur nicht geknickt. Die Arbeitslosigkeit sinkt dramatisch, in diesem Jahr sind fast 40 Millionen Deutsche erwerbstätig, 300 000 mehr als 2006. Und erstmals seit sieben Jahren gibt es auch wieder mehr Vollzeitbeschäftigte. Die Kassen der Sozialsysteme füllen sich. Die Bundesagentur für Arbeit legt schon getarnte Nebenkassen an, um den plötzlichen Reichtum zu verstecken.

Und der Staat ist geradezu überwältigt von der Wucht der Steuereinnahmen. Allein beim Bund 87 Milliarden mehr bis 2011. Peer Steinbrück, der Finanzminister, hat Mühe, ernst zu bleiben, wenn er ankämpft gegen Übermut: "Es ist nicht Weihnachten." Ein bisschen aber schon. Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern - ja, auch die Ossis! - haben 2006 ausgeglichene Haushalte geschafft, Baden-Württemberg, Thüringen und selbst das desaströs verschuldete Berlin werden bald ohne neue Schulden auskommen. Die Hauptstadt wird Vorbild - ist das zu glauben? Überhaupt der Osten: So viel Geld ist inzwischen in die Sanierung gesteckt worden, dass sogar ökonomisch darbende Landstriche wie blühende Landschaften ausschauen.

Die Politik kann mit all dem Glück noch nicht umgehen. Keiner bringt es bislang auf den Begriff. Deshalb die große Ratlosigkeit, die öden Mätzchen, mit denen die Große Koalition ihre Zeit füllt. Kann man wieder Geld ausgeben - und wenn ja, wofür? Muss man noch sparen - wenn ja, wie hart und wie lange? Wessen Verdienst aber ist es, dass Deutschland gerade in einem weltweiten Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit den größten Sprung nach vorn gemacht hat, um neun Plätze auf Rang 16? Das der Manager, die ihre Firmen dramatisch umgebaut haben - Siemens und die Telekom, Dinosaurier der alten Zeit, folgen nun als Letzte unter heftigen Krämpfen. Auch das der Politik, die Arbeitsmarkt und Steuern modernisiert hat. In Wahrheit ist es aber Ihr Verdienst. Sie haben den Preisschock der Euro-Einführung verkraftet. Sie haben auf Einkommen verzichtet. Sie arbeiten länger. Sie waren die Rettung!

Hans-Ulrich Jörges / print