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JOHANNNA VON ORLÉANS: Die eiserne Jungfrau

Sie befreite Frankreich und musste dafür büßen: Weil JOHANNNA VON ORLÉANS behauptete, in göttlichem Auftrag gehandelt zu haben, schickte die Inquisition sie auf den Scheiterhaufen

Sie befreite Frankreich und musste dafür büßen: Weil JOHANNNA VON ORLÉANS behauptete, in göttlichem Auftrag gehandelt zu haben, schickte die Inquisition sie auf den Scheiterhaufen

21. Febuar 1431 Heute sah ich die Inquisitin zum ersten Mal. Ein kräftiges Mädchen, gut gewachsen, mit bäuerlichem Gesicht, dunklem Haar und üppiger Brust, von subtiler Schönheit, gesund und mit einer angenehmen Stimme gesegnet. Ihr Auftreten vor den Herren Doktoren war außergewöhnlich geistesgegenwärtig. Ich konnte mich der Bewunderung kaum erwehren. Mit folgenden Worten trat sie der Heiligen Inquisition entgegen: »Ihr nennt Euch meine Richter. Ich weiß nicht, ob Ihr es seid. Aber hütet Euch, dass Ihr nicht übel richtet, Ihr würdet Euch in große Gefahr begeben! Gott hat mich, Jeanne, dem König von Frankreich zu Hilfe geschickt!«

Ihr Mut ist kaum zu erklären, außer durch den Beistand des Bösen. Drei englische Adlige und mehrere Soldaten bewachen sie rund um die Uhr im Turm des Schlosses Bouvreuil zu Rouen. Tags wird sie von ihnen schikaniert, nachts bedrängt. Trüge sie keine Männerkleidung, so wäre die Jungfrau längst in den Stand der Todsünde gefallen, was Gott verhüten möge. Ihre Füße liegen in doppeltem Eisen, an Händen und Hals ist sie an einen Holzblock gekettet. Und doch scheint sie ihr Schicksal leicht zu nehmen. Sie wirkt voller Zuversicht. Offenbar rechnet sie jeden Tag mit ihrer Befreiung aus den Händen der Heiligen Inquisition. Die über 60 gelehrten Beisitzer konnten sie nicht einschüchtern. Dabei hat sie es nicht nur mit einfachen Bettelmönchen zu tun, zu denen ich mich zähle, sondern mit den berühmtesten Professoren der Universität von Paris, Domherren von Rouen, normannischen Äbten, Weltgeistlichen. Der Vorsitzende Richter Pierre Cauchon, Bischof von Beauvais, Rektor der Universität Paris und Teilnehmer am Konzil von Konstanz, ist für seine Schärfe bekannt. Seit dem Vertrag von Troyes steht er fest auf Seiten der Engländer. Wer möchte an seine Unparteilichkeit in dieser Untersuchung glauben? Ich weiß nicht, ob Johanna sich ihrer Lage bewußt ist. Sie fühlt sich als Kriegsgefangene der Engländer und scheint nicht recht zu verstehen, dass sie der Häresie angeklagt ist und nur in Sachen des Glaubens geprüft wird. Ich habe sie heute zurück in ihr Verlies geleitet. Da verriet sie mir, was sie von dem Prozess wirklich hält: »Bruder Ladvenu, die Wahrheit ist doch: Sie wollen um jeden Preis die Panik bannen, die bei meinem Anblick selbst ihre besten Truppen in die Flucht schlägt. Wie hoffen sie das zu erreichen? Indem sie mir die magische Kraft absprechen, die ich besitze, und alle Welt davon überzeugen, ich sei nicht vom lieben Gott, sondern vom Teufel gesandt! Aber ich, Johanna, Jungfrau, Magd Gottes, weiß so sicher, wie Jesus für unsere Sünden gestorben ist, dass es die Heiligen Michael, Katharina und Margareta sind, die mir Gottes Worte überbringen.«

22. Februar 1431 Im zweiten öffentlichen Verhör fragte man sie nach ihrer ersten Offenbarung. Sie antwortete stolz und rückhaltlos. Ich versuche hier, ihre Aussage so vollständig wie möglich wiederzugeben: »Als ich 13 Jahre alt war, hörte ich eine Stimme, die von Gott kam, um mich zu leiten. Das erste Mal hatte ich große Furcht. Die Stimme kam zur Mittagsstunde, im Sommer, als ich im Garten meines Vaters war, an einem Fastentag, und sie kam von der rechten Seite, von der Kirche her, und es war eine große Helligkeit. Da wusste ich, dass es die Stimme eines Engels war, der mich immer beschützen wird. Ich versprach ihm, jungfräulich zu bleiben, solange es Gott gefalle. Danach sagte er mir, dass ich das Haus meines Vaters verlassen müsse. Ich solle mich beeilen und Orléans von der englischen Besatzung befreien. Der Engel erzählte mir von dem großen Elend, das im Königreich Frankreich war: die Armagnacs und die Burgunder seit langer Zeit in Fehde, Johann von Burgund, ein Verräter an Frankreich, auf Seiten des Herzogs von Bedford, der sich für den König von England und Frankreich hält. Ich musste weinen, als ich vom belagerten Orléans und von der Verzagtheit unseres Dauphins, Karl VII., dem rechtmäßigen König von Frankreich, erfuhr. Aber wie sollte ich, ein armes Mädchen, das nichts vom Reiten und vom Kriegführen verstand, dem König zur Krönung verhelfen? Die Stimme sagte mir, ich solle zu einem gewissen Hauptmann in Vaucouleurs gehen; er würde mir Leute geben, die mit mir kämen, und ein Schwert.«

Ich fürchte, Johanna träumt noch immer von ihrer glorreichen Befreiung. Dabei pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Der König hat seine Retterin schon lange vor ihrer Gefangennahme fallen gelassen. Die einen sagen, aus Eifersucht auf ihren Ruhm im ganzen Land. Die anderen glauben, weil er um jeden Preis Frieden schließen wollte mit den Engländern. Dabei hätte ihm die Kriegstreiberin Jeanne im Weg gestanden. Welch ein Undank, wenn man bedenkt, was sie für ihn getan hat! Wo ist er jetzt, ihr geliebter Dauphin, dem sie die Befreiung von Orléans schenkte? Heute berichtete sie uns den Hergang des Geschehens: Die Stadt war seit einem halben Jahr von den Engländern belagert und mit Bollwerken und Festungstürmen umstellt worden. Als sich die französischen Truppen aufmachten, die Stadt zu befreien, zählte das englische Heer 5000 Soldaten. Am 29. April im Jahr des Herrn 1429 gelang der Durchbruch. Alle Menschen in Orléans, gleich welchen Geschlechts oder Standes, hielten Johanna für die Befreierin. Sie empfingen die kriegerische Jungfrau begeistert. Sie allein soll den Glauben der Soldaten an einen Sieg entzündet haben. In den kommenden Tagen richtete die Jungfrau drei Briefe an die Engländer, des Inhalts, dass sie im Namen Gottes ihre Bastionen verlassen und in ihr Land zurückkehren sollten. Täten sie das nicht, so werde sie, Johanna, Magd Gottes, ein Kriegsgeschrei erheben, dass man ewig daran denken wird. Am Abend des 6. Mai versammelten sie die Heerführer. Gemäß ihrer heutigen Erklärung beim öffentlichen Verhör hielt sie folgende Ansprache: »Steht morgen zeitig auf, früher als heute, und tut euer Bestes! Haltet euch immer an meiner Seite, denn morgen muss ich viel tun, mehr als je zuvor, und morgen wird aus meinem Leib Blut fließen, oberhalb meiner Brust.« Im Morgengrauen des nächsten Tages stürmten die Franzosen das Fort der Tourelles. Dabei wurde Johanna von einem Pfeil an der Schulter getroffen. Wahrlich, die Rolle der Prophetin spielt sie sehr glaubwürdig. Nachdem die Blutung mit Öl und Fett gestillt worden war, legte sie wieder ihre Rüstung an, ergriff ihr Banner und trieb die müden Truppen zu einem neuen Ausfall an. Tags darauf war Orléans frei. Welch ein undankbarer König, der diese Taten und alle anderen, die noch folgen sollten, so schnell vergaß!

24. Februar 1431 Johanna geht ihrem Verderben entgegen. Die Doktoren und Priester stellten ihr immer wieder neue Fallen: Ob sie genau wisse, dass sie im Stand der Gnade sei. Sie antwortete darauf: »Wenn ich es nicht bin, möge Gott mich dahin bringen, und wenn ich es bin, möge Gott mich darin erhalten.« Eine geschickte Replik, gewiss, aber doch von einem Hochmut, den sich die Heilige Kirche nicht bieten lassen kann. Als ich die Angeklagte zurück in ihre Zelle geleitete, erlaubte sie mir Einblick in ihren Geisteszustand. Sie sagte mir: »Meine Stimme hat mir versichert, dass ich Hilfe erlangen werde. Ich weiß nicht, ob sie darin besteht, dass ich aus dem Gefängnis befreit werde, oder ob während des Prozesses ein Trubel ausbricht. Ich denke, es wird das eine oder das andere sein. Ich glaube noch immer an meine Befreiung. Aber ich weiß weder den Tag noch die Stunde. Ich bin ganz ruhig und heiteren Gemüts.«

10. März 1431, erstes Sonderverhör. Die Inquisitin wird immer strenger angefasst. Sie eröffnete mir, dass sie jene Stimmen bat, bald sterben zu dürfen, ohne lange Qualen der Gefangenschaft. Man sieht ihr die Spuren der ständigen Verhöre an, der strengen Haft, der Einsamkeit, der verdorbenen Nahrung, der Pressionen durch die Wachmannschaften. Qualvoller für sie ist anscheinend, dass ihr die Sakramente verweigert werden. Solange sie Männerkleidung trägt, kann man sie nicht die Messe hören lassen.

28. März 1431 Auf 70 Anklagepunkte ist der Herr Promotor der Kirche, Jean d'Estivet, gekommen. Ich muss leider berichten, dass viele Aussagen der Inquisitin verdreht und verfälscht wurden. Das ist der Kirche unwürdig. Die Aussagen wurden ihr noch mal übersetzt und verlesen, und alles, was sie antworten durfte, war: ich glaube es, oder: ich glaube es nicht. Anschließend forderte sie der Promotor auf, sich der Kirche auf Erden zu unterwerfen in allem, was sie getan hat, sei es gut oder schlecht, namentlich in ihren Verbrechen. Sie sagte: »Ich werde mich gern der streitbaren Kirche unterwerfen. Aber von dem, was Unser Herr mich tun hieß und befehlen wird, werde ich um keines lebenden Menschen willen ablassen. Es ist mir unmöglich, zu widerrufen. Man will mir weismachen, meine Offenbarungen seien Trugbilder und Teufelswerk. Ich antworte: Ich unterwerfe mich Gott und befolge sein Gebot.«

9. Mai 1431 Ich danke Euch, Herr, für den Beistand, den Ihr der Angeklagten gewährt habt! Zwei Henker haben sie mit glühenden Kohlen, Schrauben, Haken und Zangen bedroht. Sie solle abschwören. Selbst da noch widerstand sie. Ihre Antwort: »Wahrhaftig, selbst wenn Ihr mir die Glieder brechen und die Seele vom Körper trennen solltet, würde ich nichts anderes sagen.« Das hat gewirkt. Angesichts der Verstocktheit ihrer Seele haben die Richter eingesehen, dass die Folter bei ihr nur von schwachem Nutzen wäre.

14. Mai 1431 Heute hat die Pariser Universität, Leuchte aller Wissenschaft und Ausrotterin aller Irrlehren, ihr Gutachten publiziert. Man befindet auf Abgötterei, Schisma und Abtrünnigkeit. Johannas Offenbarungen müssten von teuflischen Geistern stammen, deshalb trage sie auch kurze, über den Ohren rundgeschnittene Haare. Sie sei mörderisch und grausam, blutrünstig und aufrührerisch, zur Tyrannei aufwiegelnd und gotteslästerlich. Sie hat das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, übertreten. Was für ein Niedergang seit ihren glorreichen Tagen! Bevor man sie seinerzeit vor den Dauphin ließ, unterzog man sie einer Prüfung. Man untersuchte ihre intimen Partien und bestätigte sie als wahre und unberührte Jungfrau. Ein theologisches Gutachten wurde dem König ausgestellt. Darin stand, dass er ihre Hilfe nicht zurückweisen dürfe, da die Gebete des armen Volkes und aller friedliebenden Franzosen auf ihrer Seite seien. Nichts Böses habe man in ihr gefunden, nur Gutes, Demut, Jungfräulichkeit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit. Heute wirft man ihr Hochmut, Unzüchtigkeit, Ungehorsam, Vermessenheit, Frechheit und Anmaßung vor.

24. Mai 1431 Ich bin meiner eigenen Überzeugung nicht mehr sicher. So weit hat es dieses Mädchen vom Lande also gebracht. Soll ich mich freuen, dass sie heute abgeschworen hat? Gewiß, sie rettete damit ihr Leben. Aber auch ihre Seele? Am Morgen hatte man sie auf den Friedhof von Saint-Ouen gebracht, wo ein Scheiterhaufen und zwei Holzgerüste errichtet waren. Auf dem größeren Gerüst saßen die Richter, ihnen gegenüber Johanna. Ein Haufen englischer Soldaten und viele Schaulustige hatten sich dort zusammengerottet. Die Angeklagte wurde noch einmal aufgefordert, abzuschwören. Für diesen Fall versprach man ihr, sie werde in den Gewahrsam der Kirche kommen und immer eine Frau bei sich haben. Erst blieb sie unbeirrt. »Was die Unterwerfung unter die Kirche angeht, so habe ich schon geantwortet.« Der Magister der Theologie Guillaume Erard erwiderte, wenn sie nicht widerrufe, werde sie noch heute durch das Feuer sterben. Bischof Cauchon begann, das Todesurteil zu verlesen, und der Scharfrichter näherte sich der Jungfrau mit seinem Karren. In diesem Moment verließen sie die Kräfte. Sie unterbrach den Bischof und rief aus, sie wolle tun, was ihr die Kirche auferlege. Aus den Reihen der Zuschauer kamen empörte Rufe, Steine wurden geworfen. Einer rief, Bischof Cauchon sei ein Verräter. Unter dem Geschrei der Meute, die Blut sehen wollte, unterzeichnete Johanna eine Abschwörungsformel. Dabei lächelte sie. Dieses Lächeln - es geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf.

28. Mai 1431 Ich habe mich nicht in ihr getäuscht! Johanna ist rückfällig geworden. Heute morgen begaben sich die Richter ins Gefängnis und fanden sie in Männerkleidern vor, die sie auf Anordnung der Kirche abgelegt hatte. Gefragt, warum sie erneut Männerkleider trage, antwortete sie, sie trage lieber Männerkleider. Worauf ihr gesagt wurde, sie habe geschworen, nie wieder so zu tun. Darauf sie: »Es ist schicklicher, Männerkleider zu tragen, solange ich unter Männern bin. Und außerdem habe ich sie wieder angelegt, weil man das mir gegebene Versprechen nicht gehalten hat, nämlich die Messe hören und den Leib Christi empfangen zu dürfen und mir die Fußeisen abzunehmen. Ich will lieber sterben, als in Fußeisen zu sein.«

30. Mai 1431 Mir zittert die Hand, während ich die Ereignisse dieses Tages niederschreibe. Gegen neun Uhr morgens wurde Johanna an einen Karren gebunden und von mehreren hundert englischen Soldaten zum Alten Marktplatz von Rouen geführt. Man fesselt sie an ein Gerüst aus Gips gegenüber der Tribüne, auf der die Richter sitzen. Es dauert fast eine Stunde, bis die Predigt vorbei ist (»Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit ihm«, 1. Kor. 12,26). Dann verliest Bischof Cauchon das Urteil: »Wir verkünden, dass wir dich als faules Glied aus der Einheit der Kirche herausgerissen und ausgestoßen haben und dich der weltlichen Gerichtsbarkeit überlassen.« Daraufhin ziehen sich die obersten Klerikalen zurück - ecclesia abhorret a sanguine (die Kirche verabscheut Blut). Das Feuer wird angezündet. Ich halte ihr das Kruzifix vor Augen. Der Scheiterhaufen war so hoch aufgeschichtet worden, dass der Scharfrichter der Verurteilten nicht den Gnadenstoß versetzen kann. Sie verbrennt unter großem Murren der Zuschauer. Ihr letztes Wort, das ich verstehen kann, ist »Jesus!«

Ihre Asche wurde in die Seine gestreut. Ein Gerücht kam mir gerade zu Ohren. Angeblich ist Johannas Herz nicht verbrannt.

Hiermit schließe ich meinen Bericht über Johanna, Jungfrau und Magd Gottes. Gott, steh uns bei und vergib uns unsere Sünden!

Gezeichnet Martin Ladvenu, Dominikaner, Bruder des Klosters zu Rouen

Miriam Gebhard