NS-Vergangenheit KZ Halle - die schwierige Aufarbeitung


Kein Hinweis, kein Schild, nichts: Auf Gelände des ehemaligen KZ Halle liegt Schutt, rundherum wuchern Brombeerhecken. Aufgeschreckt von einem stern.de-Artikel räumte Halles Oberbürgermeisterin ein, dass das KZ an den Rand der Erinnerung gedrängt worden sei. Ein Lehrstück über Vergangenheitsbewältigung Ost.
Von Nico Wingert

"Ein KZ in Halle? Nein, es gab nur Zwangsarbeiter bei den Siepelswerken, die durften sogar frei rumlaufen." So lautete noch vor Wochen die amtliche Auskunft der städtischen Pressesprecherin Ria Steppan. Dann erschien der stern.de-Artikel "KZ Halle - die verdrängte Vergangenheit". Mit Hilfe bislang unveröffentlichter Dokumente wurde nachgewiesen, dass dort rund 550 Hälftlinge interniert waren, scharf bewacht von SS-Kommandos. Täglich mussten sie für die Rüstungsproduktion schuften. Überlebende berichteten, dass zwei Häftlinge gehängt, mindestens ein weiterer erschossen worden sei. Prügel und Nahrungsentzug waren an der Tagesordnung.

Nach der Publikation des Artikels wurde der hallesche Verein "Zeitgeschichte e.V." mit Anfrage und Mails überschüttet. Auf einer Diskussionsveranstaltung zum Thema räumte Steppans Kollege Steffen Drenkelfuss ein, dass die Recherchen von stern.de die Stadtverwaltung kalt erwischt hätten: "Die Pressestelle hat die Bedeutung des Anliegens nicht erkannt - eine kommunikative Fehlleistung." Drenkelfuss entschuldigte sich öffentlich. Die erste Anfrage zum KZ Halle lag der städtischen Pressestelle immerhin bereits 2005 vor.

Erste Forschungsergebnisse 2009

Zuvor hatte Dagmar Szabados, Halles Oberbürgermeisterin, schriftlich Stellung bezogen. Das KZ Halle sei bisher an den "Rand der Erinnerung" gedrängt worden, so Szabados in ihrem Brief. Mündlich sagte sie stern.de: "Wir sind willens, dieses dunkle Kapitel aus der Nazizeit aufzuarbeiten und werden dafür Mittel und Wege finden."

Erste Ergebnisse will die Stadt bereits zum nächsten Holocaust-Gedenktag, am 27. Januar 2009, präsentieren. Neben dem KZ Halle sind auch andere Themen aus der NS-Diktatur auf die Agenda gerückt. Der Stadtarchivar Ralf Jacob sagte, dass "mindestens mehrere Dutzend Zwangsarbeiterlager auch aufgearbeitet werden müssen und auch die Geschichte des Giftgasherstellers 'Orgacid' in Halle-Ammendorf näher beleuchtet werden muss". Das würde voraussichtlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Verordneter Antifaschismus

Wie konnte es passieren, diese Themen jahrzehntelang unter den Teppich gekehrt wurden? Diese Frage stellten sich auch die Teilnehmer der Diskussionsveranstaltung von "Zeitgeschichte e.V.". "Uns interessierte bei diesem Forum insbesondere die Frage", so das Vorstandsmitglied Heidi Bohley, "wie es möglich war, dass die DDR, die sich doch den Antifaschismus als Gründungsmythos auf ihre Fahnen geschrieben hatte, so wenig Wert auf die Erinnerung an die konkreten Schauplätze der Verbrechen legte?" Ein ehemaliger Lehrling der Flugzeugwerke "Siebels", wo die KZ-Häftlinge schuften mussten, sagte, dass die Menschen aus Scham schweigen würden. Erst die Enkel würden auf Spurensuche gehen.

Matthias Waschitschka, Büroleiter vom Staatssekretär im Innenmininisterium, Christoph Bergner, sprach von "einem verordneten antifaschistischen Bild, das keine Kratzer bekommen sollte". "Wir im Osten waren die Guten", so Waschitschka ironisch. Michael Viebig, Mitarbeiter der halleschen Gedenkstätte "Roter Ochse", resümierte: "Die Erforschung der NS-Geschichte ist eine der letzten großen historischen Aufgaben, die die Regionen in Ost und West gleichermaßen zu bewältigen haben."

Kaum Dokumente in den Kommunen

Die Erforschung ist allerdings besonders in Ostdeutschland nicht einfach: Die Kommunen haben in ihren Stadtarchiven kaum Material über die NS-Vergangenheit. Interessierte müssen sich schon an das Bundesarchiv und den internationalen Suchdienst für Naziopfer wenden. Hinweise finden sich auch auf der Website des Holocaust Museums in Washington. Dort sind das KZ Halle und die Lager Ohrdruf, Leipzig-Thekla, Gardelegen und viele weitere dokumentiert, übrigens schon seit Jahren. Die Artikel sind allerdings in englischer Sprache verfasst - ein Hindernis für ältere Bürger, die im Osten als Hobby-Historiker vielfach wertvolle Arbeit leisten.

Dass sich in Sachsen-Anhalt generell etwas bewegt, belegt ein Projekt des Justizministeriums. Verschiedene Forscher sollen das NS-Erbe aufarbeiten, die Ergebnisse sollen insbesondere Schülern vermittelt werden. "Indem wir möglichst viele informieren, stärken wir zugleich demokratische Strukturen", sagte Justizministerin Andrea Kolb (SPD) der Mitteldeutschen Zeitung. Geplant sei eine Wanderausstellung "Justiz im Nationalsozialismus" für Herbst 2008 und 2009.


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