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Interview

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter: "Schön wär' ein bayerischer Ministerpräsident, für den ich mich nicht schämen muss"

Anton Hofreiter gilt als bayerischster Bundespolitiker seit Franz Josef Strauß. Dabei besitzt der Grünen-Fraktionschef nicht einmal eine Trachtenlederhose. Ein Gespräch über die Duzfreunde der CSU, den Willen zum Dialekt und das Anarchistische an den Bayern.

Von David Baum

Anton Hofreiter: "Schön wär' ein bayerischer Ministerpräsidenten, für den ich mich nicht schämen muss.“

Anton Hofreiter, geboren 1970 in München, ist im ersten Beruf Botaniker und promovierte über die südamerikanische Pflanzengattung Bomarea. Bereits als Teenager trat der den Grünen bei. Seit 2005 sitzt er für die Partei im Bundestag. Zusammen mit Karin Göring-Eckart führt er seit 2013 die Fraktion an

Herr Hofreiter, die meisten Deutschen gehen relativ gelassen damit um, dass man sie im Rest der Welt mit Lederhosen, Neuschwanstein, Jodeln und Oktoberfest identifiziert. Wie geht es einem linken, bayerischen Grünen damit?

Den meisten nicht-bayerischen Deutschen ist vermutlich nicht mal bewusst, dass sie überall auf der Welt für trachtentragende Südbayern gehalten werden. Ich selbst hab da ein total entspanntes Verhältnis dazu.

Wie viele Trachtenlederhosen besitzen Sie? 

Keine mehr. Als Kind hab ich eine g'habt, da sind wir in kurzen Lederhosen rumgelaufen, aber ich war nie Mitglied in einem Trachtenverein. Der Unsinn, aus dem Trachtentragen ein Reglement zu machen, hat mich immer gestört und ist erst ungefähr 100 Jahre alt. 

Es scheint, als hätte die CSU die bayerischen Traditionen gekapert und zum Markenzeichen gemacht. Wie schwierig ist es, als linke Opposition in diesem Kosmos mitzuhalten?

Die Konservativen haben nur versucht, das Brauchtum für sich zu kapern. Aber es ist ihnen nur gelungen, eine Plastikversion davon zu kreieren, dieses so genannte Volkstümliche. Für viele junge Leute ist Tracht heute nicht mehr, als ein Partyaccessoire. Wenn, dann ist auch das Anarchistische typisch bayerisch.

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Haben Sie sich als Linker mit dem ausgeprägten Heimatbezug der Bayern schwer getan?

Überhaupt nicht. Die Linken in Bayern hatten immer einen starken Heimatbegriff. Ich erinnere mich noch, als ich zum ersten Mal als Teenager in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft war und die Biermösl Blosn gesehen habe. Die waren für mich, das andere Bayern', die Gegenthese zu Franz Josef Strauß. Die sagte damals schon: was ist das für eine Liebe zu einer Heimat, mit der man offenbar nichts Besseres anzufangen weiß, als sie zuzubetonieren. 

Aber geben Sie es zu, ein bisschen beneiden Sie die CSU für diese PR-Leistung, Partei und Freistaat in der öffentlichen Wahrnehmung so stark zu verzahnen?

Für uns war das immer Anmaßung.  Natürlich stärkt die das, vor allem dass sie gleichzeitig als Bundespartei auftreten. Aber ich halte es für eine Fehlkonstruktion, die dem Land auch nicht sonderlich hilft. Die verstehen gar nicht, dass ihr Auftreten in Berlin – auch von vielen Bayern – als peinlich empfunden wird. Die aktuellen CSU-Protagonisten eint eine seltsame Mischung zwischen übersteigertem Selbstwertgefühl und ausgeprägtem Minderwertigkeitskomplex. Daher kommt dieses unmögliche Auftrumpfende.  Ich würde mir so sehr eine bayerische Regierung und einen Ministerpräsidenten wünschen, für den man sich nicht in Grund und Boden schämen muss.

Dabei betonen auch Sie ihre bayerische Herkunft, verstecken Ihr bayerisches Idiom im Bundestag nicht.

Es ist mir von verschiedener,  auch bayerischer Seite geraten worden, mir den Dialekt abzugewöhnen, das wäre mir aber unaufrichtig vorgekommen. Es hieß, man würde nicht ernst genommen damit. Um ehrlich zu sein, das weiß ich nicht, das sagt einem ja keiner ins Gesicht. 

Was macht die Bayern anders, so speziell – im Vergleich mit den restlichen Bundesländern?

Bayern ist das mit Abstand älteste Bundesland, die bayerische Staatlichkeit ist mehr als 1000 Jahre alt. Andere Bundesländer gibt es gerade mal siebzig Jahre. Der wirtschaftliche Erfolg hat, glaube ich, damit zu tun, dass Bayern so lange eher arm und  landwirtschaftlich geprägt war und der Boom erst spät kam, Bayern damit eine junge und moderne Industrialisierung erfahren hat. Das hilft heute sehr im Vergleich zu anderen Flächenländern, etwa wie NRW mit der veralteten Kohle- und Stahlproduktion.

Wie jetzt? Stimmt es gar nicht, dass Bayern fleißiger sind, als die anderen?

Ich glaube, das sind auch Klischeezuschreibungen. Die Wirtschaftsstärke ist eher historisch bedingt. Die Bayern sind auch nicht lustiger, als andere, das wird ja auch oft behauptet. Ich mag an den Bayern, dass sie – entgegen dem Klischee – auch darin gut sind, einfach mal stad zu sein. Die Kommunikationsstrukturen sind tatsächlich andere, übrigens auch innerhalb Bayerns.

Irgendwie kommen wir nicht auf die Spur, was die Bayern tatsächlich unterscheidet.

Das ist auch nicht so einfach. Das politische Gemüt der Bayern wird oft verkannt. Es ist ja nicht nur das Land der CSU, sondern auch das einzige mit grünen Landräten. Gerade in ländlichen Regionen ist es so, dass man kein Problem mit einem Punk hat, wenn es "unser Punk" ist. Genauso ist es mit "unseren Geflüchteten".  

Das entspricht nun wirklich nicht dem Bild, das man gemeinhin von den Bayern hat.

Aus dem Inneren Bayerns hat man eben einen anderen Blick auf das eigene. Deshalb gibt's hier auch diese vielen Kirchenasyle. Wenn der CSU-Generalsekretär Scheuer sagt, dass ein Flüchtling, der ministriert oder im Fußballverein ist, der schlimmste sei, weil man ihn nicht loskriegt, ist das ein schlimmer Angriff auf die Dörfer Bayerns und deren Gemeinschaftlichkeit.

Man kennt die Episode aus Markus Söders Jugend, wo er sich ein Franz Josef Strauß-Plakat ins Jugendzimmer hängt, Was waren denn Ihre politischen Idole als Junge?

Das Gegenteil natürlich. Die starke bayerische Kabarettszene war wichtig für mich. Der Großvater war Bauarbeiter, der andere in der Gewerkschaft, da war die Münchner Räterepublik noch ein großes Thema ...

... der erste sozialistische Versuch auf deutschem Boden, der etwa sechs Monate existierte.

Ja, weil man dadurch wusste, was in Bayern politisch auch möglich ist.

Was nicht davon ablenken sollte, dass der Nationalsozialismus auch in diesem Land groß geworden ist.

Leider. Die Zerschlagung der liberalen Kräfte war in München besonders gewaltsam. Es ist schwierig, das zu erklären. Bayern hat sich schwerer getan mit der Integration in das neue Kaiserreich. 1866 hat man noch Krieg gegen Preußen geführt, da gab es unter den neuen Umständen einen Hang dazu, ein besonders guter Deutscher und Nationaler zu sein. Es gab dieses Bemühen, ganz besonders nationalistisch aufzutreten.  Aber: eine Erklärung ist auch das nicht.

Wieso sind Sie bei Ihrem familiär-politischen Background eigentlich kein Sozi geworden?

Die SPD hieß "bayerisch-königliche Hofopposition" bei uns. Damit konnten wir a ned so wirklich was anfangen. Heute wählen meine Verwandten alle grün – glaub ich.

Gibt es eine überparteiliche, bayerische Solidarität – etwa im Bundestag?

Naja, im Umgang vielleicht. Unter bayerischen Abgeordneten ist man schneller per Du, ich duze inzwischen sogar den Alexander Dobrindt.

Gibt es einen politischen Stil, der alle bayerischen Politiker verbindet?

Vielleicht ein gewisser Anarchismus. Ein Beispiel: Manchmal kommt es auf kommunaler Ebene vor, dass es Ausschreibungen gibt, da weiß man schon, da bietet eine Firma mit, die es am billigsten anbietet, aber dann betrügt. Und In Bayern gestaltet man dann halt die Auftragsgröße, damit diese Firma mit ihren Betrugsabsichten nicht zum Zuge kommt. Die Kehrseite dieses Verhaltens ist aber, dass sowas schnell eine Amigo Kultur befördert, wie die CSU sie aufgebaut hat.

Sie sind – nehme ich an – nicht katholisch.

Ich bin Naturwissenschaftler, wie Sie wissen.

Haben Sie dennoch eine gewisse Freude empfunden, als 2005 ein Bayer Papst wurde?

Der Ratzinger? Nein. Ich hab den nie als klassisch Bayerisch wahrgenommen, weil der so akribisch war, dieses prinzipiensture, dogmenfeste ist für mich untypisch. Da kommt mir der aktuelle viel bayerischer vor.

Der ist aber Argentinier!

Ja mei ...

Kann man als bayerischer Atheist oder Agnostiker das Katholische am Bayerischen völlig ausklammern?

Natürlich nicht, wobei ja nur Teile Bayerns katholisch sind. Aber da halte ich es mit der Biermösl-Blosn: Da evangelische Pfarrer war do und da richtige is aa kemma.

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