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Interview

DJ Hell: "Wenn ich Urlaub brauche, bleibe ich einfach daheim"

Star-Musikproduzent DJ Hell über seine Liebe zur bayerischen Provinz, den Geist von Monaco Franze und die Dirndl von Giulia Siegel.

Von David Baum

Star-Musikproduzent DJ Hell

DJ Hell, bürgerlich Helmut Geier, wurde 1962 in Altenmarkt geboren. Seine frühe DJ-Karriere in den 80ern begann er in Clubs wie dem "Libella" am Chiemsee und im Münchner Parkcafé. Mit der Technowelle gelangte er in die großen internationalen Clubs wie dem New Yorker Limelight oder dem Berliner Tresor. Mit seinem eigenen Label Gigolo Records arbeitete er mit u.a. Bryan Ferry, P. Diddy  und entdeckte das Elektro-Duo Fischerspooner. Das aktuelle Album von DJ Hell heißt "Zukunftsmusik".

Sie gelten als einer der international erfolgreichsten deutschen Elektro-Produzenten. Wie kommt es, dass Sie ausgerechnet in der bayerischen Provinz am leben?

Meine musikalischen Einflüsse kamen natürlich immer aus den großen Metropolen, aus New York oder London. Ich wusste schnell, dass ich da hin muss, um zu verstehen, was wirklich passiert. Erst erschien mir wie die große weite Welt – ach was, selbst Traunstein oder Salzburg hatten was von Metropolen für mich. Das war natürlich schnell zu eng, oder wie soll ich es besser sagen: musikalisch limitiert.

Sie kannten das München der 80er. War das so gut, wie es in den von Helmut Dietl, also im "Monaco Franze" oder in "Kir Royal" konserviert wird?

Ich will daran glauben, dass es so war und dass es das noch möglich ist. Vergebens sucht man heutzutage eine richtige Schickeria oder Bussi-Bussi-Szene. Die -Welt ist eine Wunschvorstellung, die uns immer noch nicht loslässt. Ich suche nach dem Geist dieses Münchnerischen, das man aus den alten Serien kennt, diese legendäre Münchner Lebensweise. In meinem Freundeskreis sind das Tatsachen. Man richtet sich danach. Man sieht es auch, dass neue erfolgreiche Serien, wie gerade "Hindafing", deutlich von Dietl inspiriert sind.


Die haben etwas Monolithisches, sie unterscheiden sich von den restlichen Deutschen, selbst von den Österreichern stark. Was macht diese bayerische Eigenart aus?

Bayern sind etwas selbstgefälliger, aber auch anarchischer, manchmal auch grantiger. Gerade ist ein neues Buch erschienen, nur über den bayerischen Grant, der gehört nun mal dazu hier. Das hat etwas Sympathisches, Liebevolles, man muss es bloß erst mal verstehen und dechiffrieren. Der Bayer will für sich sein, er ist gerne skeptisch oder aufmüpfig. Und was ihn ausmacht, ist natürlich der Stammtisch.

Stammtische gibt es überall – und sie genießen nicht den allerbesten Ruf.

Nicht in Bayern, hier sind sie die demokratische Urzelle. Deshalb gibt es auch viele Kleinparteien, die es oft jeweils nur in bestimmten Gegenden gibt, weil sie mehr oder weniger aus kleinen Kreisen Gleichgesinnter hervorgegangen sind. Ich habe selbst einmal überlegt in die Lokalpolitik zu gehen. Es gibt hier eine kleine sympathische Partei, die "Politische Alternative Obing", die für Regionalität und Ökologie steht, sich für die Energiewende einsetzt oder die Dorfentwicklung positiv beeinflusst. Und sie waren wie ich gegen die unkontrollierte Großbauernwirtschaft mit ihrem Odel. 

 "Odel", das ist der bayerische  Begriff für Jauche…

Das ist sehr unangenehm, manchmal kann ich mein Haus kaum verlassen, weil es derart stinkt. Das läuft alles auch ins Grundwasser.

Es hat Sie offenbar nicht genug aufgeregt, um tatsächlich zu kandidieren.

Nein, natürlich ist es nicht wirklich meine Bestimmung, in einem Gemeinderat zu sitzen. Hier wiederholt sich auch alles. Man muss nur einen Blick in die Lokaltageszeitungen werfen: Inhaltlich geht es vor allem um Trachtenumzüge, Jubiläen, Ehrungen, freiwillige Feuerwehr– was ich ja alles sehr schätze. Die Kinder wachsen damit auf und in diese Kultur hinein. Das war nie anders und wird auch in 30 Jahren so sein. Ich selbst war früher auch in der katholischen Landjugend, im Fußballverein und im Schützenverein. Nur Trachtenverein war mir von Kind an suspekt. Was Touristen und Wiesnbesucher heute so tragen, hat ja mit der Tradition nichts zu tun, das artet dann in Bayernkitsch aus.

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