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Deutschland: Bergauf im Wunderwald

Der Schwarzwald wird von Aktivurlaubern verkannt. Das lässt Raum für Radfahrer, die auch mal eine knackige Steigung zu nehmen wissen.

Von Johann Schweikle

Beim ersten Mal hatten wir den Schwarzwald gewaltig unterschätzt. Gleich am ersten Berg hat er uns platt gemacht. Der Weg war schmal und steil und von glitschigen Wurzeln durchzogen. Die Hinterräder unserer Mountainbikes rutschten an den groben Steinbrocken ab, mit denen der Aufstieg aus dem Kinzigtal gespickt war. Wir mussten schieben und holperten so mühsam voran, dass wir erst nach zwei Stunden einen Wegzeiger für Wanderer erreichten: "Hausach 7 Kilometer" - dort waren wir gestartet. Da sagte mein Radlerfreund Hermann: "Gib mir eine Pistole, und ich schieß das Schild weg."

Aber wir sind wiedergekommen. Weil wir in kaum einer anderen Gegend so viel von dem gefunden haben, was einen Aktivurlaub attraktiv macht. Dieses kleine Gebirge bietet große Kontraste: Liebliche Täler stehen in jähem Gegensatz zu Zeugen heftiger Naturgewalten - vom Sturm geworfene Fichten strecken ihr Wurzelwerk bizarr in den Himmel. Hinter jeder Wegbiegung zeigt die Landschaft ein anderes Gesicht. Es wechselt zwischen Wald und Wasser, Fels und Wiesen.

Ruhige Täler und einsame Höhen

Dazu kommt, dass der Schwarzwald, insbesondere sein nördlicher und mittlerer Teil, von vielen verkannt wird. Uns Radfahrern ist das sehr recht: Je mehr an diesem romantischen Mittelgebirge vorbeifahren, desto mehr ruhige Täler und einsame Höhen finden wir hier.

Hermann hat mittlerweile aufgerüstet. Er fährt jetzt ein voll gefedertes Mountainbike und schwärmt von seinen wasserdichten Radschuhen. Er stammt aus Südbaden, aber beruflich hat es ihn schon vor Jahren nach Nordrhein-Westfalen verschlagen. Wenn er im Schwarzwald im Sattel sitzt, sind die Mitarbeiter und Rechnungen seines Betriebs ganz weit weg. Das erkennt man daran, dass seine Wangen rosig zu glänzen anfangen. Diesmal rollen wir uns im Murgtal ein. Die alte Straße Richtung Karlsruhe, für den Verkehr längst zu eng geworden, ist als Radweg ausgebaut. Er führt durch bizarre Tunnel und über gedeckte Holzbrücken. Dunkler Wald wechselt mit hellgrünen Lichtungen. In den Wiesen leuchten Margeriten und Glockenblumen. Es riecht nach frisch geschlagenem Holz, und über einer bemoosten Trockenmauer wachsen Heidelbeeren.

Von Karlsruhe nach Basel

Bei Raumünzach biegt der Schwarzwaldradweg ab. Dieser Fernradweg ist 361 Kilometer lang und durchquert das Mittelgebirge von Karlsruhe bis Basel. Die Route führt fast nie über befahrene Straßen, sondern durch abgeschiedene Täler mit klaren Bächen. Geländebedingt endet das meist in einer knackigen Steigung, aber die Schotterwege und Teersträßchen sind gut befahrbar.

Mittlerweile wissen wir die Karte zu lesen: Der Abschnitt, der uns bei Hausach die Zähne gezogen hat, gehört zum Fernwanderweg Pforzheim-Basel. Diesen höckerigen Pfad nehmen wir jetzt nur noch auf Abfahrten, wenn uns der Sinn nach einem schmalen Singletrail steht, der Balance und Steuertechnik herausfordert. Mit mächtigem Hunger kehren wir in der Renchtalhütte ein. Sie steht wie eine Filmkulisse am Waldrand. Ein Walmdach vermittelt Geborgenheit, der Balkon feiert eine Geranienorgie, der Blick von dort fällt weit hinunter ins dunkle Tal der Wilden Rench. Auf der Karte stehen deftige Spezialitäten aus dem Schwarzwald und den Vogesen: Schinken und Hausmacherwurst, Flammkuchen und geräucherte Forelle. In der Vitrine neben dem grünen Kachelofen steht ein Sahnegebirge, das sich Kirschtorte nennt.

Renaissance der Wanderhütten

Die Wanderhütten erleben im Nordschwarzwald eine Renaissance. "Wir müssen mehr aus unserer einmaligen Landschaft machen", sagt der Hotelier Hermann Bareiss. In seinem Ferienhotel hat der Gast die Wahl zwischen verfeinerter Regionalküche und der Grande cuisine auf Sterne-Niveau. Jetzt bewirtschaftet er auch noch die Satteleihütte, neu errichtet im Wald oberhalb von Baiersbronn, mit deftiger Kost. Die Wände sind mit traditionellen Holzschindeln verkleidet. Sie spiegeln ein Stück Schwarzwälder Geschichte: Noch vor 60 Jahren saßen die Bauern im Winter in ihren Höfen, spalteten in monotoner Handarbeit Schindeln aus Fichtenholz und erzielten so bescheidene Nebeneinkünfte. Hermann Bareiss will seinen Gästen einiges von den Traditionen vermitteln, "wie die Leute früher hier gelebt, gearbeitet und gegessen haben". Einmal in der Woche führt er eine Wanderung zum Morlokhof, einem Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert, das er gerade originalgetreu restaurieren lässt. Unterwegs zeigt er den Gästen die Hinterwälder Weiderinder, eine alte Nutztierrasse, die fast schon ausgestorben war und jetzt wieder die steilen Wiesen beweidet. "Die sind anspruchslos, fressen alles, und das gründlich."

Geheimnisvolle, dunkle Wasser

An vielen Wegen finden sich Hinweise auf ausgestorbene Berufe wie Köhler und Harzer, auf Geschichte und Mythologie dieses Gebirges. Der kreisrunde Mummelsee galt schon den Römern als "lacus mirabilis", als Wundersee, in der Romantik hat Eduard Mörike über seine Geister gedichtet. Noch schöner ist der Glaswaldsee mit seinem geheimnisvoll dunklen Wasser, über dem Libellen schwirren. In früheren Zeiten diente er als Wasserreserve für Flößer, die über Wolfach, Kinzig und Rhein Stämme der Schwarzwälder Tannen bis Rotterdam transportierten.Der Glaswaldsee ist nur zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen, und das beschert ihm himmlische Ruhe. Keine Würstchenbude nervt, nur zwei Teenager erproben das Echo, das von den Wänden des Kessels zurückkommt. Knorrige Wurzeln ziehen sich wie Adern durch den Uferboden. Wer an einem heißen Sommertag in diesem naturbelassenen Moorwasser geschwommen ist, will nie wieder in ein gechlortes Schwimmbad. Im Gegensatz zu den Alpen kommt der Radler im Schwarzwald ganz nach oben. Zum Beispiel auf der Badener Höhe, 1002 Meter über Normalnull. Auf dem breiten Höhenzug steht ein Aussichtsturm, 1891 aus massiven Sandsteinquadern gemauert. Eine Schulklasse keucht die Wendeltreppe hinauf, die Kinder zählen 146 Stufen.

Sinn für Landschaftsromantik

"Sind wir nur wegen dem blöden Turm hier hochgewandert?", fragt ein Mädchen die Lehrerin. Der Sinn für Landschaftsromantik stellt sich wohl erst später ein, wenn überhaupt. Tief gestaffelt stehen die Bergketten im Raum, die hinteren Kuppen verschwinden geheimnisvoll im Dunst. Die Aussicht geht über Baden-Baden und die Rheinebene. Der Wind streicht sanft durch die Gipfel, ein Zauber legt sich über die Hochfläche. Da bekommt Hermann glänzende Augen und sagt: "In Nordrhein-Westfalen werde ich nicht alt."

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