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Deutschlands schönste Inseln, Teil 3: Poel: Die Entdeckung der Einfachheit

Keine Strandpromenade, kein Wellenbad, kein Gourmetrestaurant. Aber gelbe Rapsfelder, grüne Wiesen und blaues Meer. Das Seebad Poel nimmt unter den Ostseeinseln eine Sonderstellung ein.

Von Roland Brockmann

Halb abgesoffen liegt ein Boot in der "Faulen See", einem Gewässer am Südostufer der Ostseeinsel Poel, umgeben von Salzwiesen. Jede Menge Vögel leben in der Brackwasserlagune: Austernfischer, Mittelsäger, Säbelschnäbler und Kampfläufer. Von einem Gehöft tönt entfernt eine Kreissäge herüber; aber das betont die Stille nur. Neben einem brüchigen Holzsteg liegen, genauso vergessen wie das Boot, ein paar Fischernetze. Anfang Mai, Nebensaison, keine Menschenseele weit und breit.

Rund 2800 Insulaner verteilen sich auf die 37 Quadratkilometern aus gelben Rapsfeldern und grünen Wiesen gegenüber von Wismar. Die meisten davon leben in Kirchdorf, dem Zentrum von Poel, wo es sogar eine Gaststätte gibt, die passend "Zur Insel" heißt. Eine Kirche gibt es auch, außerdem einen Supermarkt, aber weder Kino noch Schwimmbad oder gar eine Promenade - und das, obwohl Poel seit einigen Jahren offiziell den Titel Seebad trägt.

Weniger ist mehr

Mit klassischen Kurorten wie Binz oder Heringsdorf hat die Insel so wenig gemeinsam wie der Harz mit den Alpen. Statt mondäner Bäderarchitektur locken am kleinen Hafen von Timmendorf Strand ein neugebautes Café und am Strand von Gollwitz eine Imbissbude. Eine klassische Ferieninsel stellt man sich anders vor. Doch gerade in der spröden Einfachheit liegt der Reiz. Auf Poel gilt der simple Satz: Weniger ist mehr. Gerade der Mangel an Attraktionen betont den Charme der Natur. Wer hierher kommt, entdeckt sich selbst; allein schon weil es kaum Ablenkung gibt.

Aktivurlauber und Familien lieben diese Ursprünglichkeit, denn die Strände gehen kinderfreundlich seicht ins Meer über, und Radfahrer entdecken bequem die versteckten Winkel; auch Reiten kann man. Pro Jahr reizt dieses Programm immerhin rund 650.000 Gäste. Und weil die fast alle in den Monaten Juli bis August anreisen, geraten die Insulaner zur Minderheit.

"Ist mir ganz recht, wenn die Leute erst mal vorbeifahren", sagt Hartmut Neumann, der mit seinen Eltern Ursula und Johann Gästequartiere in ihrem zweihundert Jahre alten Haus anbietet. "Die meisten Besucher toben sich erst mal am vollen Strand aus, bis sie merken, wie nervig das ist." Dann erst würden sie sich umschauen, vielleicht ihr von wildem Wein beranktes Haus entdecken und merken: Es geht ja auch anders. Für Schickimicki und Urlauber mit falschen Erwartungen ist hier kein Platz. Nicht mal im Inselverzeichnis der Zimmeranbieter stehen die Neumanns. Stattdessen kommen Stammgäste, vor allem ältere, die die familiäre Atmosphäre über den einfachen Standard der Zimmer stellen, und sich freuen, wenn Ursula Neumann, seit nunmehr 40 Jahren, am Ende des Urlaubs zum privaten Fischessen einlädt.

Das traditionelle Konzept der Insel

Schon zu DDR-Zeiten boten die Poeler Ferienzimmer an, damals vor allem an Urlauber, die durch den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) nach Poel kamen. "Wir haben versucht es ihnen so nett wie möglich zu machen", erzählt Ursula Neumann. Noch heute kommen die meisten privat unter, auch wenn mehr und mehr moderne Ferienapartments entstehen, viele übrigens von Westlern betrieben. Das Miteinander geht ganz gut, auch wenn man selbst nach 20 Jahren nur halb dazu gehört, wie ein Zugezogener berichtet: "Ein echter Insulaner wird man erst in der zweiten Generation."

Umgekehrt sind viele Alteingesessene weggezogen, denn außer im Tourismus gibt es kaum Arbeit auf der Insel. Entsprechend geteilt ist die Stimmung. Wer Geld verdient, sagt: Die Wende kam gerade richtig. Wer seinen Job verlor, der schimpft. An den Alleen gehen Plakate der NPD auf Stimmenfang bei den Unzufriedenen.

"Die würde man am liebsten nachts einfach abreißen", sagt Inselpastor Mitchell Grell, ein Amerikaner, aufgewachsen auf den Feldern von Iowa. Das klingt exotisch, aber der pragmatische Mitchell passt gut zu Poel, vielleicht weil seine Vorfahren aus Fehmarn stammen, der Norden also in seinen Genen steckt. Gerade mit den Ur-Poelern kommt er bestens klar, nur einige wenige Ewiggestrige aus der alten Funktionärsclique gehen ihm gegen den Strich. Die würden sich wieder an die Macht drängen, weil die meisten Bewohner eher unpolitisch seien. Nicht alles hat funktioniert seit der Wende. Es wird viel gebaut, manchen zu viel. Investoren kamen und gingen pleite. Es wurden stereotype Ferienapartments in Wohngebieten errichtet, so Grell, die deshalb nun gar nicht an Urlauber vermietet werden dürfen. Da komme natürlich Unmut auf.

Der Pastor will nicht allzu deutlich werden. Er braucht die Akzeptanz seiner Gemeinde, die vor allem aus vertriebenen Ostpreußen besteht. Leuten wie Johann Neumann. Menschen, die hier anfangs versuchten eine zweite Heimat aufzubauen und dann im Sozialismus enteignet wurden. Menschen, von denen Mitchell Grell nun einen nach dem anderen beerdigen muss.

Die jungen Insulaner gehen eigene und meist getrennte Wege. Da sind die Arbeitslosen, die man in der Krise mit einem Kasten Bier vorm Supermarkt trifft. Aber auch innovative Inseltöchter, wie der Frau, die mit einem Engländer verheiratet ist und in ihrem alten Backsteinbau ein einzelnes Ferienquartier vermietet. Ihr gelingt der Mix: Wohn- und Schlafzimmer sind ganz individuell eingerichtet - neben dem Sofa von Oma steht eine Kommode, die das Paar auf einem französischen Flohmarkt entdeckte. Alles ist liebevoll gestaltet, der Blick geht auf einen weiten Garten. Hier würde man gerne verweilen. Gerade sind die beiden dabei, eine Scheune zur Galerie umzubauen.

Und plötzlich spürt man, was der Insel fehlt und wo ihre Zukunft liegen könnte: In einem grün angehauchten Flair, das Natur mit Kultur verbindet. Nicht die der klassischen Bäder à la mondänem Flanieren und teurem Wellness - stattdessen Jazzkonzerte, Lesungen, Biobauernhöfe oder gar ein kleiner Zirkus. Nicht Schickimicki, aber auch keine mit Reet gedeckten Reihenhäuser, die nur etwas imitieren, was auf den winzigen Baugrundstücken nicht mehr funktioniert. Etwas Neues wagen, das sich mit dem Alten verträgt.

Weitere Infos
www.auf-nach-mv.de
www.insel-poel.de

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