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Dresden verliert Welterbe-Titel: Deutschland in der Welt blamiert

Das gab es noch nie: Mit dem Dresdner Elbtal verliert erstmals ein Weltkulturerbe der Unesco seinen Titel. Der Bau der Waldschlößchenbrücke zerstöre die Kulturlandschaft, entschied das Welterbe-Komitee. Es ist eine Riesen-Blamage für Deutschland, heißt es in den Reaktionen auf die Entscheidung.

Das in Sevilla tagende Unesco-Welterbekomitee hat entschieden: Dresden verliert nach jahrelangem Gezerre endgültig die prestigeträchtige Auszeichnung der Unesco. Das Dresdner Elbtal stand bereits seit drei Jahren auf der Roten Liste der gefährdeten Welterbestätten. In der der 34-jährigen Geschichte der Unseco wurde bislang nur ein einziges Mal eine Stätte von der Liste gestrichen.

Auf der jährlichen Unesco-Sitzung, der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur, wird meist nur über Neuaufnahmen von Kultur- und Naturdenkmäler entschieden. Weltweit sind derzeit 878 Stätten in 145 Staaten auf der Welterbe-Liste verzeichnet, darunter 33 in Deutschland. Bei der Sitzung im spanischen Sevilla ging es am Donnerstag allerdings auch um eine Aberkennung: Mit 14 zu 5 bei zwei ungültigen Stimmen entschieden die Vertreter von 21 Ländern, dass Dresden das begehrte Gütesiegel der UN-Kulturorganisation verliert.

Bis in letzter Minute hoffte Helma Orosz, Dresdens Oberbürgermeisterin, auf einen Aufschub. Doch die Entscheidung kommt nicht überraschend. In der Vergangenheit hatte die Unesco mehrfach angekündigt, dass der Titel beim Bau einer neuen Elbbrücke aberkannt wird. Nach Auffassung der UN-Organisation wird das Bauwerk das Elbtal irreversibel zerschneiden und die Kulturlandschaft mit ihren Flussauen zerstören. Einen Tunnel hätte das Welterbekomitee zuletzt als Kompromiss akzeptiert.

Fünf Jahre durfte sich Dresden mit dem Titel schmücken

2004 wurde das Dresdner Elbtal zum Unesco-Welterbe erklärt. Damals wurde ein knapp 20 Kilometer langer Flussabschnitt im Stadtgebiet von Dresden unter Schutz gestellt. An der Elbe befinden sich Barockbauten aus der Zeit von August dem Starken, darunter der Zwinger mit den Gemäldesammlungen, und das Residenzschloss der Wettiner mit der legendären Schatzkammer Historisches Grünes Gewölbe. Außerdem liegen in den mit Wein bebauten Elbhängen Schlösser und prächtige Villen.

Aus Gründen des Hochwasserschutzes bleiben weite Teile der Elbwiesen bis heute unbebaut. Das Dresdner Elbtal zählt auch deswegen zu den schönsten Flusstälern weltweit. 2006 kam Dresden auf die Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten, auf der sich hauptsächlich Stätten befinden, die durch Kriege oder Naturkatastrophen geschädigt sind. Grund ist die umstrittene Waldschlößchenbrücke, die in Sichtweite der historischen Altstadt und des Lingner-Schlosses errichtet wird. Vor einem Jahr hatte das Welterbekomitee den sofortigen Baustopp gefordert und gedroht, Dresden andernfalls den Titel abzuerkennen.

Nobelpreisträger intervenierte bei der Unesco

Den Stein ins Rollen hatte der in den USA lebende Medizin-Nobelpreisträger und Dresden-Liebhaber Günter Blobel gebracht, der das Unesco-Welterbezentrum in Paris ansprach. Das äußerte daraufhin Mitte 2005 in einem Brief an das Auswärtige Amt Sorge, die Brücke könne den freien Blick auf Elbhänge und Stadt zerschneiden.

Als Begründung führte die Unesco ein unabhängiges Gutachten von Experten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen an, die die Brückenpläne als gravierenden Eingriff in die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal bewertet. Die Unesco forderte daraufhin eine Tunnellösung und machte unmissverständlich deutlich, dass das Dresdner Elbtal 2009 von der Liste des Welterbes gestrichen wird, "wenn die Konstruktion der Brücke nicht gestoppt und der Schaden gutgemacht wird." Ungeachtet der Drohung hielten das Land Sachsen und die Stadtspitze an dem Bau der Brücke fest.

Oman verlor 2007 eine Naturerbestätte

Umstritten bleibt, wie ersichtlich die Auswirkungen des geplanten Baus bereits bei der Anerkennung zum Weltkulturerbe 2004 waren. Denn dass die Brücke kommen sollte, steht seit einem Stadtratsbeschluss von 1996 fest. Klar ist, dass ihr Standort in den Bewerbungsunterlagen für die Unesco falsch eingetragen war. Kritiker sprechen bei der 635 Meter langen Brücke von einem "überdimensionierten Monstrum". Die Planer hingegen meinen, das Bauwerk sei eine moderne Interpretation der historischen Bogenbrücken Dresdens und passe daher in die Landschaft. Die Kosten liegen bei gut 156 Millionen Euro, von denen bisher 37 Millionen Euro verbaut sind. 2011 soll der Verkehr über die Brücke rollen.

In der Geschichte der Welterbekonvention wurde bislang nur ein einziges Mal eine Stätte von der Liste gestrichen: Dabei handelte es sich um eine Naturerbestätte im Oman mit seltenen Oryx-Antilopen. Der arabische Staat hatte jedoch beschlossen, die Fläche des Naturschutzgebiets um 90 Prozent zu verkleinern, was den Unesco-Grundsätzen widerspricht. Daher verlor das "Arabian Oryx Sanctuary" vor zwei Jahren den Status eines Weltnaturerbes.

Reaktionen auf die Schmach der Aberkennung

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bedauerte die Entscheidung, riet aber auch zu Gelassenheit. "Es ist mehr als bedauerlich, dass die Beteiligten außerstande waren, einen Kompromiss zu finden." Der Bund habe sich immer wieder vermittelnd für eine einvernehmliche Lösung des Konflikts eingesetzt. Nach der Kompetenzverteilung des Grundgesetzes seien in erster Linie Länder und Kommunen zuständig für den Denkmalschutz und für die Bewahrung des Welterbes. Der Bund habe daher keinen direkten Einfluss auf das von der Stadt und dem Freistaat Sachsen gleichermaßen favorisierte Brückenprojekt nehmen können.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, ist über die Entscheidung des Welterbekomitees nicht verwundert. "Die Unesco hat drei Jahre immer wieder Warnungen ausgesprochen. Wenn diese so konsequent in den Wind geschlagen werden, muss die Unesco die Konsequenz ziehen, ansonsten würde sie ihre Glaubwürdigkeit verlieren." Zimmermann versteht nicht, dass die Verantwortlichen für eine Welterbestätte derart sorglos mit diesem Titel umgegangen sind. "Dresden hat mit dieser Sturheit dem Kulturstaat Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Deutschland ist in der Welt blamiert"

tib/AP/DPA

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