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Ein Nachruf auf die ITB: Lidl statt TUI

Der öffentliche Nahverkehr in Berlin stand pünktlich zur 42. Internationen Tourismusbörse still. Doch das tat der weltweit größten Reisemesse, die am 9. März 2008 zu Ende ging, keinen Abbruch: Veranstalter und Aussteller ziehen eine positive Bilanz. Was die Marktführer dazu sagen? Man weiß es nicht - sie waren erst gar nicht da.

Ein Kommentar von Till Bartels

Deutschlands oberster Touristiker sprach deutliche Worte. Zum Auftakt der Reisemesse in Berlin wetterte der Präsident des Deutschen Reiseverbandes vorige Woche gegen die Gewerkschaft Verdi: "Menschen aus aller Welt", so Klaus Laepple, werden "von den Streiks in Geiselhaft" genommen. Weil der Start der Internationen Tourismusbörse Berlin und der Streik der Berliner Verkehrsbetriebe auf denselben Tag fielen, fürchtete er bei den Messebesuchern um das gute Image des Gastgeberlandes Deutschland.

Doch trotz der Warnstreiks blieb das befürchtete Chaos aus. Alle Busse, Straßen- und U-Bahnen blieben seit Mittwoch in den Depots, nur S-Bahnen und Taxis brachten die Besucher in die 26 Messehallen unterm Funkturm. Die Gäste aus dem Ausland nahmen das Gedränge mit Gelassenheit, wunderten sich aber über die deutsche Gründlichkeit. Warum, fragten sie sich, müssen ausgerechnet in überfüllten S-Bahnen Kontrolleure in Zivil nach Schwarzfahrern fahnden?

Die Branche feierte sich selbst

An diesem Sonntag ging die weltgrößte Reisemesse mit Rekordzahlen bei den Ausstellern zu Ende. 11.147 Unternehmen aus 186 Ländern zeigten das Neuste aus der Reisebranche. Die Besucherzahlen konnten im Vergleich zum Vorjahr sogar noch gesteigert werden, denn die ITB war am Wochenende auch für das Berliner Publikum geöffnet, das man mit der großzügigen Ausgabe von Freikarten locken konnte. An den Fachbesuchertagen davor feierte die Branche wieder sich selbst. Allerdings fielen die Veranstaltungen an den Ständen kleiner aus, und die Partys am Abend waren weniger stark frequentiert. Seit dem Dämpfer durch 9/11 läuft das Geschäft mit dem Fernweh nicht mehr von allein. Die PR-Berater der Reiseindustrie haben die Parole Zweckoptimismus ausgegeben.

In den für Pauschalreisen wichtigsten Buchungsmonaten Januar und Februar erzielten in diesem Jahr die Türkei und Ägypten besonders hohe Zuwachsraten. Bei den Fernzielen haben die Vereinigten Staaten, Vietnam und Australien zugelegt. Doch die Schere zwischen Billigflügen und Luxusreisen geht weiter auseinander. Die teuerste auf der Messe angebotene Reise veranstalten The Leading Hotels of the World. Anlässlich des 80-jährigen Bestehens der Hotelvereinigung geht es in 28 Tagen "around the world in 80 ways" - ein Reisearrangement ab London im Privatjet mit Übernachtung in Suiten vom Feinsten. Um das Gewissen zu beruhigen, werden noch vor Reiseantritt zehn Prozent des Reisepreises automatisch an die Elton John Aids Foundation überwiesen. Kostenpunkt für zwei Personen: eine Million Dollar.

Große Veranstalter glänzten durch Abwesenheit

Kaum einer sprach darüber, wer der Messe in diesem Jahr erstmals fern blieb, wie zum Beispiel die renommierte Hotelkette Ritz-Carlton. Auch Hightech-Firmen wie Sabre und Amadeus, die Marktführer der Reservierungssysteme, und große Veranstalter wie TUI oder Thomas Cook glänzten durch Abwesenheit. In der Halle 25, wo die Marke TUI über Jahre traditionell die Hälfte des Platzes mit einem Mega-Stand in Beschlag genommen hatte, stand in diesem Jahr auf einer Ausstellungsparzelle nur ein Auto, das mit Lidl-Werbung gepflastert war. Hier fanden besonders am Wochenende kostenlose Plastiktüten der Supermarktkette reißenden Absatz. Die Geste macht den Trend deutlich, wie sich der Vertrieb von Reisen neue Wege sucht: Dem klassischen Reisebüro rücken Internet, Kaffeeröster und Lebensmittel-Discounter immer stärker auf die Pelle.

Für die nächste Reisemesse muss sich der Chef des Deutschen Reiseverbands keine Sorgen machen. Ein Arbeitskampf des Öffentlichen Dienstes ist so gut wie ausgeschlossen. Die nächste ITB findet zum ersten Male woanders statt. Nicht in Berlin, sondern vom 22. bis 24. Oktober in Singapur. Die "ITB Asia" war allerdings in dem von harter Hand regiertem Stadtstaat schon vor dem Verdi-Warnstreik geplant.

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