HOME

Halloween: Mit Angst und Grusel spielen

Besinnung und Totengedenken war gestern - in der Nacht auf Allerheiligen wird sich inzwischen lieber gegruselt als gebetet. Denn mit Halloween kommt auch die Lust am Horror nach Deutschland.

Beim Feiern versteht manch ein Karnevalist keinen Spaß. Tradition ist heilig, und da die Bräuche zu Fastnacht Jahrhunderte alt sind, wacht der Bund Deutscher Karneval (BDK) mit Argusaugen über sie. Den strengen Regeln zufolge beginnt die Fastnachtszeit am 11. November punkt 11.11 Uhr - Pech für die wachsende Schar der Halloween-Fans. Wer bereits in der Nacht zum 1. November für das amerikanische Gruselfest sein Narrenkostüm auspackt, gleichzeitig aber zu den etwa 2,5 Millionen BDK-Mitgliedern zählt, dem droht eine Abmahnung. Als "Auswuchs des närrischen Treibens" bezeichnet das Vereinspräsidium Halloween. Trotzdem wird Halloween immer beliebter.

Dass Bekanntheit und Akzeptanz von Partys und Feiern wie Halloween, Berlins "Karneval der Kulturen" oder der Walpurgisnacht zum 1. Mai stetig steigen, ist für Volkskundler und Trendforscher kein Wunder. Moderne, "symbolhafte Gemeinschaftserlebnisse" sind den Experten zufolge immer wichtiger - und zwar frei von Ideologie oder Religion. "In unseren schnelllebigen Zeiten lieben wir neue Rhythmen und Kulte, die das Jahr strukturieren", sagt Andreas Steinle vom Zukunftsinstitut des Trendforschers Matthias Horx.

"Süßes oder Streiche"

Bei dem Gruselfest machen in der Nacht auf kommenden Mittwoch fratzenhafte Kürbisköpfe, Vampire, Gespenster und Monster Marke Frankenstein die Gegend unsicher und bevölkern Diskos und Partykeller. Kinder ziehen von Haus zu Haus, den Spruch "Süßes oder Streiche" oder auch "Süßes oder Saures" auf den Lippen. Zusehends verdrängt der Spuk den 31. Oktober als Reformationstag sowie die Allerheiligen- und Allerseelen-Bräuche am 1. und 2. November, die der Besinnung und des Gedenkens an die Toten und Heiliggesprochenen dienen.

Halloween ist ein Re-Import aus Europa. So soll das Wort von "all hallows eve" (Vorabend von Allerheiligen) abgeleitet und der Brauch von irischen Einwanderern in die USA gebracht worden sein. Ursprung ist das Samhain-Fest der Kelten, die am 1. November den Sommer verabschiedeten und die Toten mit Feuern und Masken zu besänftigen suchten. "Halloween bedient ganz ursprüngliche Bedürfnisse des Menschen, zum Beispiel, sich zu verkleiden und mit Angst und Grusel zu spielen", erklärt Trendforscher Steinle.

"Karneval ist von Großeltern geprägt"

Vor gut zehn Jahren begann der Kult seinen Weg zurück auf den "Alten Kontinent" zu finden. Jugendliche Partygänger von Paris bis Berlin schätzten die Nähe zur amerikanischen Populärkultur und die Gelegenheit, grell, leichenblass oder blutrot geschminkt zu feiern. "Halloween kann von den Jüngeren neu erschlossen werden", sagt Steinle. "Karneval ist von den Vereinen der Großeltern geprägt".

Hinzu kommt die Lust am Spirituellen: Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid zufolge glauben gut 40 Prozent der Deutschen, dass in ihrem Leben geheime, magische Kräfte wirken. "Wir sind als säkularisierte Gesellschaft fasziniert vom Mystischen und Übernatürlichen", sagt Historikerin Petra Dolata-Kreutzkamp von der Freien Universität in Berlin. "Kombiniert mit der Lust am Horror bietet Halloween einen Ausbruch aus dem Alltag, zurück in eine frühere, dunkle Welt."

Halloween ist in Gefahr

Ist die Nacht auf den 1. November damit fest für Halloween gebucht? Zumindest Zweifel sind erlaubt, Feiermoden kommen und gehen. wie das Beispiel der Love Parade zeigt. Die Gefahr für Halloween liegt nach Worten von Dolata-Kreutzkamp in dem gewalttätigen Potenzial der Feiern. In den USA arte das Fest mitunter in Randale und Vandalismus aus. "Sollte dies vermehrt auch in Deutschland passieren, könnte es dem Ruf von Halloween sehr schaden."

Von Vandalismus will die Polizei zwar nicht sprechen, doch haben spukende Jugendliche in den vergangenen Jahren den Haustür-Spruch "Süßes oder Saures" regelmäßig übertrieben, Briefkästen angezündet, Autos und Hauswände mit Eier beworfen. In Mönchengladbach wurde sogar ein Friedhof verwüstet. "Das ist aber eher eine Folge sozialer Spannungen", glaubt Steinle. Die Menschen seien klug genug, zu sehen, dass Halloween hierbei missbraucht werde und das Fest nicht kollektiv verteufelt werden dürfe.

Dorothée Junkers/DPA / DPA

Wissenscommunity