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Lausitz: Paradies aus zweiter Hand

Wo Schaufelbagger einst das Land aufrissen, entstehen bei Cottbus und Leipzig die größten Künstlichen Seenplatten Deutschlands. 2018 wird das letzte Tagebauloch geflutet. Die ersten Strandbars, Tauchklubs und schwimmenden Ferienhäuser gibt es schon.

Von Holger Witzel

Wenn die Speedboote tanken, ist es auf einmal totenstill am Partwitzer See. Kein Vogel zwitschert, null Biolärm, weder Fische noch Insekten stören die Idylle. Nur die Spülmaschine gurgelt leise, und die letzten Bugwellen der Rennboote plätschern sanft gegen den Fußboden.

Dann peitschen sie wieder mit 500 PS am Schlafzimmer vorbei. Neugierige Radfahrer recken die Hälse über den Zaun am Ufer. Doch es sind nicht die Boote, die sie fesseln. Es ist auch nicht die Sonne, die am Horizont malerisch neben einem Kraftwerk untergeht. Sie schauen nach uns, genauer: auf unser Ferienhaus.

Industrieller Abwasserkanal

Romantisch sieht es sicher aus, ein großer Ponton, darauf zwei schmale Etagen aus Holz und ein Sonnensegel darüber. Ohne die Speedboote könnte man den ganzen Tag auf der Terrasse lümmeln, den verschwitzten Radfahrern mit einem Drink winken und beinahe Lust bekommen, vor ihren Augen kopfüber in den See zu springen. Aber auch wenn das Wasser abends golden schimmert und nicht mehr rötlich flockig wie am Tag - das wäre den Neid nicht wert.

"Man überlebt es aber", sagt die Vermieterin Karin Mietke knapp, und das klingt fast ein wenig trotzig. Denn offiziell ist baden hier genauso verboten, wie das Ufer zu betreten: "Bergbaugelände - Lebensgefahr!"

Andere Schilder an der einzigen provisorischen Badestelle des Sees warnen vor "Haut- und Schleimhautreizungen" und einem pH-Wert von 2,7. Jeder versehentliche Schluck stößt einem ziemlich sauer auf. Und durch die extrem hohen Eisen- und Sulfatwerte stinkt man hinterher, als hätte man zu dicht an einem industriellen Abwasserkanal gebadet.

"Die Wasserqualität wird auch noch", sagt Frau Mietke. Und da schwingt schon wieder die gleiche trotzige Hoffnung mit, die man derzeit überall hört in der Niederlausitz: Wird noch! Abwarten! Ein, zwei, höchstens zehn Jahre - aber dann!

Touristisches Niemandsland

Spätestens 2018 soll zwischen Cottbus und Dresden das letzte Tagebauloch aus DDR-Zeiten geflutet sein. 21 Seen bilden dann - viele miteinander verbunden - eine künstliche Seenkette mit einer Wasserfläche, die etwa so groß ist wie Müritz und Steinhuder Meer zusammen.

Manche Seen haben es dank der sächsischen Hochwasser in den vergangenen Jahren fast geschafft und erleben gerade so etwas wie ihre erste Saison. Mutige Wochenendtouristen aus Dresden und Berlin wagen sich schon auf Rad oder Rollerblades in die bisher nicht mal als touristisches Niemandsland bekannte Gegend.

Krachsportler wie die Speedbootpiloten oder Quadfahrer toben sich an der Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg noch beinahe ungestört aus. Und einheimische Optimisten wie Karin und Hans-Peter Mietke können kaum erwarten, dass es endlich richtig losgeht.

Ihr schwimmendes Ferienhaus ist das erste seiner Art im künftigen Lausitzer Seenland und dient nun für 70 Euro pro Nacht als Referenz für eine ganze Siedlung auf dem Wasser. Es dümpelt ungefähr dort, wo der ehemalige Tagebau Skado vor 33 Jahren das Elternhaus von Hans-Peter Mietke, 49, und den ganzen Ort Groß Partwitz verschlang.

Hundehütte aus Holz und Pappe

Seine Frau und er haben selbst ihr halbes Arbeitsleben als Ingenieure in der volkseigenen Braunkohlenindustrie verbracht. Man könnte sagen, sie sind wieder zu Hause und selbst so etwas wie Referenzobjekte: vom Bergmann zum Seemann. So stellen sich Politiker und Marketingexperten den Wandel nach 150 Jahren rücksichtsloser Tagebau-Verwüstung vor. Nicht jeder ist dabei so schnell wie die Mietkes.

Gleich nach der Wende haben sie sich selbstständig gemacht, erst Zeitungen verkauft, später Getränke und Heizungen. Schließlich bauten sie einen Reiterhof auf, planen nun ein Hotel, einen Sportboothafen, eine Military-Reitanlage und einen Campingplatz für insgesamt 16 Millionen Euro und 81 Arbeitsplätze. Seit Pfingsten schwimmt ihr erstes Ferienhaus. Und weil die Nachbarn am Geierswalder See schon mindestens genauso lange über ähnliche Projekte reden, hatten sie zuvor eine Hundehütte aus Holz und Pappe zu Wasser gelassen und behaupten frech, sie hätten das erste schwimmende Haus errichtet.

Der kleine Wettlauf ist nur oberflächlich Spaß. Tatsächlich geht es darum, ob Sachsen oder Brandenburg vorn liegt im Rennen um knallharte Marktanteile und Fördermittel. Eigentümer der neuen Gewässer und begehrten Uferlagen ist zurzeit noch fast überall die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV).

Die bundeseigene Firma hat nach der Wende die Verantwortung für die ehemaligen Bergbauflächen von der DDR geerbt und für die Sanierung bis heute knapp acht Milliarden Euro ausgegeben. Ohne Verdichtung und Ausbau der Böschungen würden die sandigen Ufer immer wieder abrutschen. Das Grundwasser reicht nicht oder sickert nur verseucht nach. Mit einem ausgeklügelten Flutungssystem werden deshalb Neiße, Schwarze Elster und Spree zur Ader gelassen. Der nahe Spreewald klagt schon über niedrige Pegel.

Ziemliches Behördenchaos

Durch den Verkauf der Grundstücke soll möglichst viel Steuergeld wieder reingeholt werden. Lange stritten sich Bund und Länder, wer die Seen künftig unterhalten soll. Die meisten Gemeinden hatten gleich abgewunken: Schon der Kaufpreis war vielen zu hoch, ganz zu schweigen von den Unterhaltskosten für einen künstlichen See. Der Freistaat Sachsen hat inzwischen zumindest die Absicht erklärt, dafür aufzukommen.

Trotzdem herrscht noch immer ein ziemliches Behördenchaos: Mal wird ein See zum Baden oder Segeln freigegeben, dann ist plötzlich wieder alles illegal. Mal mischt sich die Wasserbehörde ein, dann will die Bergbaubehörde das letzte Wort haben, im schlimmsten Fall wollen beide Bundesländer mitreden.

Und weil fast alles für alle das erste Mal ist, musste zum Beispiel das schwimmende Haus der Mietkes als erstes seiner Art gleich drei Genehmigungsverfahren überstehen - nach Bergbaurecht, Wasserrecht und Baurecht. Niemand wollte vorher festlegen, ob es nun ein Boot wird oder ein Haus. Wie es mit dem Grundbucheintrag auf dem Wasser wird, ist immer noch nicht klar. "Aber das wird auch noch", sagt Karin Mietke, "oft hilft schon der Glaube daran, um vieles zu bewegen."

Erlebnistouren statt schnöder Tagebauwanderungen

Für den Glauben an die Zukunft der Region fühlt sich vor allem die Internationale Bauausstellung (IBA) verantwortlich. Die hat im Jahr 2000 in einem ehemaligen Ledigenheim in Großräschen für zehn Jahre ihre Computer und Zeichentische aufgestellt. Finanziert von Brandenburger Landkreisen und der EU und anfangs skeptisch beäugt von den Einheimischen, haben sich die zumeist zugezogenen Architekten und Landschaftsplaner inzwischen zumindest einen soliden Ruf als Fördermittelbeschaffer und Marketingexperten erarbeitet.

Was sie sonst noch machen, kann keiner richtig sagen - außer Projekte, Konzepte und jeder Menge Prospekte. Der engagierte Pressesprecher Rainer Müller zitiert vorsichtshalber den Brandenburger Ministerpräsidenten: "Im Grunde geht es um den Spagat zwischen regionaler Verwurzelung und internationalem Anspruch."

Er könnte auch sagen: Das Schlimmste verhindern, so was wie die Inneneinrichtung des ersten schwimmenden Hauses zum Beispiel. Aber lieber schwärmen die IBA-Leute von "Zwischenlandschaften", Industrieruinen als "Landmarken" und immer wieder gern in Superlativen wie der "größten Landschaftsbaustelle Europas".

Aus schnöden Tagebauwanderungen zwischen Abraumhalden machen sie Erlebnistouren. Aus einer alten Förderbrücke wurde "der liegende Eiffelturm der Lausitz" - mit 11000 Tonnen Stahl genauso schwer, "aber sogar noch länger als das Original". Aus der Projektidee für ein schwimmendes Haus wurde schnell das künftige Markenzeichen der Region kreiert, nachdem sich herausstellte, dass sich damit überregional noch die meiste Aufmerksamkeit erzielen ließ.

"So viel Platz, so viele Chancen!"

Inzwischen plant fast jeder See eine schwimmende Siedlung. "So viel Platz, so viele Chancen!" Auf den Computeranimationen der IBA ist das Ferienparadies mit Hunderten Arbeitsplätzen schon fertig, wo bisher nur ein paar Tagesausflügler staunen und Hartz-IV-Empfänger illegal baden.

Bei Vorträgen vor Einheimischen müssen sich die IBA-Leute deshalb manchmal bremsen. Zu oft schon haben die Brandenburger von blühenden Landschaften und großen Visionen gehört: dem Lausitzring, der Cargolifter-Halle oder dem Karl-May-Land, auch so ein Flop-Projekt ganz in der Nähe. Davon muss sich die IBA stets ausdrücklich distanzieren, um ernst genommen zu werden.

Es ist auch so schon ziemlich viel verlangt für ein Menschenleben, erst Haus und Grundstück an die Braunkohle zu verlieren, dann selbst jahrelang dort zu arbeiten und sich schließlich auf seine alten Tage noch mal mit Begeisterung in das Softeisgeschäft mit Kitesurfern zu stürzen. Von 140.000 Beschäftigten im Braunkohlenbergbau der DDR haben heute noch 7000 Arbeit, gerade einmal fünf Prozent.

Entsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit. Die Menschen wanderten ab. Dafür kamen die Wölfe zurück. Und nur wenige Kilometer neben den künftigen Strandbädern werden immer noch Dörfer abgebaggert, so wie 500 Orte und Ortsteile im ostdeutschen Braunkohlenrevier vor ihnen.

Strandbar und schwimmende Tauchbasis

Haidemühl ist so ein Geisterdorf, in dem die letzten Bewohner gerade ihre letzten Sachen packen, bevor es dem noch aktiven Tagebau Welzow-Süd weichen muss. Die IBA sieht dort die "einzigartige Chance", mit der Vattenfall AG als Projektpartner bis 2030 eine "Wüsten-Oasen-Landschaft zu modellieren". Studenten haben schon mal einen "Wüstenmantel" entworfen, der Touristen auf ihren Wanderungen schützen soll.

Restaurants oder Übernachtungsmöglichkeiten gibt es dafür bisher kaum. Als Rainer Müller neulich der Tourismusbeauftragten von Brandenburg die IBA-Highlights vorführte, blieb ihnen vor Hunger nur McDonald's. Wahrscheinlich hatte "Ulfs Imbiss" gerade zu, weil er für seine Buden am Geierswalder See eine neue Ausnahmegenehmigung beantragen musste.

Bockwurst gibt es seit einigen Tagen auch bei Gunther Walter. Der ehemalige Marinetaucher aus Cottbus hat am Gräbendorfer See seine "Beachbar" eröffnet. Auch er gilt als "IBA-Projekt", nicht nur weil die Architekten bei ihm fast jeden Feierabend verbringen. Sie müssen ganz schön gelitten haben, als Walter, 37, mit Freunden kurzerhand eine rustikale Veranda um den durchgestylten Bar-Holzwürfel gezimmert hat. Im August hat er auf dem See eine schwimmende Tauchbasis eröffnet.

Nun hat auch Brandenburg endlich sein erstes schwimmendes Haus. "Das Dorf Laasow hat uns mit offenen Armen empfangen", sagt er, und das ist für einen schweigsamen Taucher wie ihn fast eine Rede. Statt zu schwätzen, verbreitet er lieber mit cooler Musik jeden Abend Bacardi-Feeling am ersten wirklich fertigen See. 200.000 Euro hat er investiert und eine Freundin für die Bar aus einem Fünf-Sterne-Hotel in Österreich zurück nach Hause abgeworben.

Traditionelles Seefest ohne Wasser

Auffallend oft sind es junge Heimkehrer, die nun in der alten Heimat ihre Chance wittern. Susanne Tausche, 29, zum Beispiel hat vorher jahrelang auf Hallig Hooge und in Niedersachsen als Pferdewirtin gearbeitet, bevor sie zurück nach Finsterwalde kam und nun mit "Susis Schimmelexpress" Kremsergäste um "den liegenden Eiffelturm" kutschiert. Ihr Vater hat darauf noch gearbeitet, jetzt leitet er den Förderverein.

Der Verrückteste von allen aber ist René Sabrowski, 40, vom Ilse-See-Sportverein 2003 e.V. Er kam gerade von einem Atlantiktörn zurück, als er mit übermütigen Freunden den Verein gründete. Elf Mitglieder haben sie inzwischen und alles, was man zum Segeln braucht: fünf Boote in verschiedenen Klassen, mit Sabrowski einen erfahrenen Hochseeskipper als Vorsitzenden. Sogar eine Seebrücke ragt schon vom Ufer in Großräschen.

Seit zwei Jahren feiern sie ihr traditionelles Seefest - allein das Wasser fehlt noch. Sie haben sich ausgerechnet den See ausgesucht, der als letzter voll werden soll, nämlich 2018. "Na und", sagt Sabrowski, "die zwölf Jahre! Irgendwann muss man doch anfangen."

Mitarbeit: Dieter Krause / print

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