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Maritimes Museum Hamburg: Die Öffentlichkeit wurde nicht gefragt

"Hamburg hat ein neues Seezeichen" - mit diesem Slogan wirbt die Hansestadt für ihr neues Museum, das nun von Horst Köhler, Bürgermeister Ole von Beust und Peter Tamm eröffnet wurde. Die Hamburger wurden aber gar nicht gefragt, ob sie dieses Museum haben wollen.

Von Andrea Ritter

Wenn Besucher durch den frisch renovierten Kaispeicher B schlendern, bekommen sie unter anderem folgendes zu sehen: Ein Modellschiff aus Gold ("weltweit einzigartig"), einen Globus, auf dessen Oberfläche das aktuelle Weltwetter projiziert wird, Bauteile von Schiffen, Gemälde von Schiffen, Konstruktionspläne von Schiffen, Orden, Uniformen, Waffen und vieles mehr. Über Jahrzehnte hat Peter Tamm, ehemals Vorstandsvorsitzender des Springer-Verlags, diese "Sammlung zur Geschichte der Seefahrt" zusammengetragen. Ursprünglich lagerte sie in seiner Villa an der Elbchaussee und konnte von ausgewählten Gästen nach Vereinbarung besichtigt werden. Nun wird die private Sammlung der öffentlichen Hand übergeben. Das Problem war allerdings von Anfang an: Wollte die öffentliche Hand Tamms Schiffe-Sammlung überhaupt haben?

Am Tag der Eröffnung steht jenseits des für Horst Köhler ausgerollten roten Teppichs, am Rande des großflächig abgeschirmten Fest-Areals, eine kleine Gruppe Frauen, umringt von Polizisten. Die Frauen sind um die 40 Jahre alt, tragen bunte Windjacken. Eine von ihnen liegt am Boden, ihre Hände werden von der Polizei mit Plastikbändern auf dem Rücken gefesselt. Was ist passiert? "Gehen Sie bitte aus dem Weg", sagt ein Beamter. Sie habe einen Polizisten mit der Hand am Rücken berührt, erklärt die Frau. Das werde offenbar als tätlicher Angriff gewertet. "Fühlt sich nicht gut an, wenn man von Fremden angefasst wird, nicht wahr?", sagt eine andere Frau, während zwei Polizisten sie gegen den Zaun drängen. Sie werden weggebracht, ihre Freundinnen schieben mit den Fahrrädern hinterher.

Kritik an der Seekriegsnostalgie

"Kriegsverherrlichung auf Kosten der Steuerzahler" werde da betrieben, sagen andere Demonstranten, die sich zu einer Mahnwache formiert haben. Neben Schiffchen aus purem Gold umfasst Tamms Sammlung Militär-Insignien und Orden aus der Zeit des Nationalsozialismus. Als Ort für "Seekriegsnostalgie und Marinepropaganda" wurde das Museum deshalb bereits im Vorfeld kritisiert. Hauptkritikpunkt der Museumsgegner ist jedoch nicht nur die Frage, ob die "öffentliche Hand" so eine Ausstellung überhaupt will. Sondern dass die Öffentlichkeit gar nicht gefragt wurde.

Vor fünf Jahren beschloss der Hamburger Senat, den Kaispeicher B, in dem nun das neue Museum thront, der "Peter Tamm sen. Stiftung" zu überlassen. Für die Umwandlung zum Museum wurden von der Stadt, der "öffentlichen Hand" also, 30 Millionen Euro gezahlt. Davon sind laut Tamm-Stiftung 25 Millionen in die notwendige Sanierung des Gebäudes geflossen. Dass die Stadt in die Instandhaltung eines historisch wertvollen Gebäudes investiert, gehört zu ihren Aufgaben. Ungewöhnlich und fragwürdig ist jedoch, dass sie anschließend offenbar jegliche Einflussnahme abgetreten und das Gebäude den Neigungen von Privatpersonen überlassen hat.

"Ein Mitspracherecht was die Sammlung angeht, war im Preis nicht inbegriffen", berichtet der NDR. Was in dem Museum passiert, entscheiden also nicht die gewählten Volksvertreter bzw. die von ihnen mit dieser Aufgabe betreuten und dafür qualifizierten Personen. Sondern Peter Tamm, der Vorsitzende der Stiftung, sowie ein Verein, der sich "Freundeskreis" nennt. Das von "öffentlicher Hand" finanzierte Gebäude, das keine öffentliche Einrichtung ist, erhält die Tamm-Stiftung für 99 Jahre in mietfreier Erbpacht. Andere Museen müssen in öffentlichen Gebäuden ganz normal Miete zahlen. Und was sich mit 30 Millionen aus dem Kulturetat sonst noch hätte finanzieren lassen können, ist eine weitere Frage, die sich nun nicht mehr stellt.

Der Senat erhofft sich von seiner 30-Millionen-Euro-Investition eine neue Attraktion. Das Museum mit seinen über 40.000 Exponaten auf zehn Ebenen soll zu der weltweit größten Ausstellung ihrer Art werden. Und sich möglichst bald zum Touristenmagneten entwickeln, zum Wohle der Stadt. Kritiker sehen das Problem jedoch weniger in der Quantität als in der Qualität und der Frage, ob das Ganze überhaupt etwas mit Museumskultur zu tun hat: Die Sammlung in Peter Tamms Villa wurde zwar seit 1991 als "Wissenschaftliches Institut für Schifffahrts- und Marinegeschichte" geführt - eine unabhängige Bewertung durch Experten und Wissenschaftler fehlte jedoch.

Lob für die Akribie des Sammlers

Bei ihrer Entscheidung, Peter Tamm eine spektakuläre Immobilie in bester Lage zu überlassen, beriefen Senatoren und Bürgerschaft sich in erster Linie auf den "Umfang" der Sammlung. Peter Tamm, Jahrgang 1928, der im letzten Jahr des 2. Weltkriegs freiwillig zur Marine ging und von der Bild-Zeitung gern "Springers letzter Admiral" genannt wird, wurde vorwiegend für seine "Akribie" gelobt - aber reicht diese Eigenschaft aus, um ihn auch ausstellungs- bzw. förderungswürdig zu machen?

"Seltsame Kriterien, nach denen hier Kulturpolitik gemacht und öffentliche Räume verhandelt wurden", sagt ein Teilnehmer der Mahnwache. "Da hat jemand eine schicke Militaria-Sammlung und bekommt kostenlos ein mit Steuergeldern finanziertes Gebäude dazu."

Von Militär- oder gar Kriegsverherrlichung könne keine Rede sein, heißt es von Seiten der Museums-Befürworter. Es gehe um das "Verhältnis des Menschen zur Natur" und um das "Schiff als menschliche Errungenschaft", erklärte Ausstellungs-Macher Holger von Neuhoff im Hamburger Abendblatt. "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen" steht auf dem Transparent der kleinen Barkasse, mit der am Eröffnungstag eine Gruppe Demonstranten vor dem neuen Museum hin- und herschippert - Zitat eines Bildes von Martin Kippenberger. Die Truppe an Bord, die sich "Schwabinggrad Ballett" nennt, macht auch Musik. Allerdings werden sie von einer Blaskapelle der Marine übertönt, die kurz vor Köhlers Ankunft launig "In the Navy" intoniert. Verherrlichung des Militärs? Nein, sicher nur ein Zufall.

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