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Internationales Maritimes Museum: Die martialische Liebhaberei des Peter T.

Eines der umstrittensten Kulturprojekte der jüngsten Zeit, das "Internationale Maritime Museum" in Hamburg, das jetzt eröffnet wird. Die einen feiern es als seefahrtsgeschichtliche Sensation, die anderen kritisieren es als "Anlaufstelle für Neonazis". stern.de ließ es sich vom Initiator zeigen.

Von Christian Weiß

Ohne Peter Tamm wäre das "Internationale Maritime Museum" nicht denkbar. Ein Leben lang hat der Marine-Experte gesucht, gehortet, recherchiert und katalogisiert. Nun hat er sich einen Lebenstraum realisiert - mit einem Museum für seine Privatsammlung, die laut Tamm "größte der Welt zur Schiffahrts- und Marinegeschichte".

Peter Tamms Leidenschaft für die Schifffahrt begann bereits im Kindesalter, seine Mutter schenkte ihm im Alter von sechs Jahren 1934 sein erstes Modell, "ein Küstenmotorschiff, Maßstab 1:1250, sehr exakt gebaut, aus dem Kinderparadies Eppendorfer Landstraße", sagt Tamm und erzählt im nächsten Atemzug vom "Wir-Verhältnis" seiner Familie zum Hafen und zur See. Vater und Großvater waren bei der Marine. Und im Krieg.

Marineblau ist Peter Tamms Farbe, die See seine Liebe. Die Karriere im Springer-Verlag stattete Tamm mit dem nötigen Kleingeld aus, seine persönliche Sammlung nach und nach zu einer der umfassensten der ganzen Welt zu machen. Ihre schiere Größe ist ohne Zweifel beeindruckend. Peter Tamm sitzt im Büro des neuen, seines neuen "Internationalen Maritimen Museums". Ein in Ehren ergrauter Mann, der etwas Respektgebietendes an sich hat. Man kann sich vorstellen, dass so jemand gelegentlich auch Angst einflößen kann. Tamm raucht Zigarre, fixiert den Blick des Gegenübers und rattert Zahlen herunter: 27.000 Schiffsmodelle, 50.000 Konstruktionspläne von Schiffen, an die 5.000 Gemälde bedeutender Marinemaler, eine Vielzahl nautischer Geräte, Uniformen, Waffen, Möbelstücke, Porzellan, Silber und Grafiken sowie rund 1,5 Millionen Fotografien enthält seine Sammlung. Plus 47 Originalbriefe des englischen Admirals Horatio Nelson. Und die größte Sammlung von sogenannten Knochenschiffen – das sind von Gefangenen gefertigte Schiffsmodelle aus Tierknochen. Dazu das weltweit einzige Modell von Christoph Kolumbus' "Santa Maria" aus purem Gold.

Aber wichtiger als alle Zahlen ist die Leidenschaft. Tamm erzählt von einer 70-jährigen Sammlerkarriere, spricht über Geschichte, sich ständig wiederholenden Ereignisse, von Naturgewalten, von einem ständigen Kampf. Ohne die Marine, sagt er, wäre "keine Weltgeschichte möglich", und auf jedem Schiff müsse es einen geben, "der das Sagen hat", denn "jede Demokratie braucht einen Führer."

Es sind Aussagen wie diese, die einen aufhorchen lassen. Sein Museum bezeichnet Tamm als "kleinen Staat" und die Kritik an der Gestaltung der Ausstellungsräume als "echte Hetze". Peter Tamm sieht sein Sammleranliegen verleumdet und nicht verstanden: "Es ist nicht Vielen gegeben, Weitsicht zu haben", sagt er. "Die großen Männer waren immer einsam und allein." Und es klingt so, als spräche er auch über sich selbst.

Peter Tamm ist, um in der Sammlersprache zu bleiben, zweifellos ein Unikat. Eine männliche Erscheinung, hanseatisch freundlich, aber bestimmt im Auftreten. Wenn er über seine Sammelleidenschaft sinniert, kann man seine Begeisterung nachvollziehen. Wenn er über "Führer" oder "Militärgeschichte" spricht, gelingt das nicht mehr.

Die Opfer haben keine Stimme

Handfeste Gründe für dieses Unbehagen liefern die auf zehn "Decks" verteilten Exponate: Die mit Hakenkreuzen bestückten Großadmiralsstäbe Raeders und von Dönitzs - beide immerhin Oberbefehlshaber der NS-Marine - stehen ebenso unkommentiert herum wie die kleinen harmlosen Schiffsmodelle. Dasselbe gilt für das Gemälde von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der im 17. Jahrhundert eine eigene Kriegsflotte aufbaute: Kein Wort darüber, dass er nicht nur an Gold und Elfenbein interessiert war, sondern auch mit Menschenhandel in Westafrika sein Geld verdiente. Oder das Porträt von Kaiser Wilhelm II., der Symbolfigur des deutschen Imperialismus, dessen Devise lautete: "Weltpolitik als Aufgabe, Weltmacht als Ziel, Flotte als Instrument." All das wird nicht historisch eingeordnet - was nicht nur ein ärgerliches Versäumnis, sondern auch einen bedenklichen museumspädagogischen Rückschritt darstellt: Geschichte ist hier nur noch Herrschaftsgeschichte. Die Opfer haben keine Stimme.

Womit wir auch beim Hauptvorwurf an die Ausstellung wären: Sowohl der martialische Charakter, als auch die museale Aufarbeitung der Sammlung seien "kriegsverherrlichend" und "romantisierend", beklagen Kritiker. Viele befürchten, dass Art und Präsentation der Exponate das geplante Museum zur Anlaufstätte für Militaria-Fans und Neonazis machen könnten.

"Koloniale Eroberungen, Sklavenverschiffungen und Verbrechen der deutschen Seestreitkräfte werden verschwiegen und bei allen Exponaten, ob mit Hakenkreuz oder ohne, fehlen Erklärungen und Zusatzinformationen", sagt der unter Pseudonym schreibende Autor Friedrich Möwe. Er ist der vielleicht schärfste Kritiker der Ausstellung. Die von ihm herausgegebene Broschüre "Tamm Tamm. Eine Anregung zur öffentlichen Diskussion" sorgte im Vorfeld der Museumseröffnung für erheblichen Gesprächsstoff.

Die Linken sind schuld

Doch für Peter Tamm sind solche Kritiker nur "Klugscheißer", die ihn und seine Sammlung mit einer "echten Hetze" verfolgen. Dabei sei es die "linke Ecke" gewesen, die maßgeblich an "Kriegen Mitschuld hatte".

Peter Tamm führt den Besucher selbst durch die dunklen Ausstellungsräume. Energisch schreitet er voran, gibt da und dort Anweisungen an Angestellte und dem Reporter die Richtung vor. Zweifelhafte Exponate werden links (bzw. rechts) liegengelassen, lieber möchte er Containerschiffe, Miniaturhafenanlagen und die Tiefseewelt zeigen. Der "Admiral", wie Tamm früher im Verlag genannt wurde, deutet auf ein Modell der Queen Mary. Der Blick des Reporters wandert indes zu einem anderen Schaukasten. "Ist das die Graf Goetzen?" Zum ersten Mal bleibt Tamm kurz stehen, blickt einen prüfend an. Dass dieses Schiff - benannt nach dem ehemaligen Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika, auf dessen Konto mehr als 200.000 tote Sklaven gingen - im Ersten Weltkrieg als Kriegs- und Gefangenschiff diente, steht auf keiner Informationstafel. Wie unschuldig das Modell dagegen im Schaukasten aussieht.

Das Museum öffnet am 26. Juni 2008 um 10 Uhr seine Türen für die Allgemeinheit. Am 28./29. findet auf dem Museumsvorplatz ein Familienfest statt.
Adresse: Kaispeicher B, Koreastraße 1, 20457 Hamburg, Telefon: 040-30092300
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag, Sonnabend und Sonntag: 10-18 Uhr, Donnerstag: 10-20 Uhr, Montag: geschlossen
Eintrittspreise: Erwachsene: 10 Euro, ermäßigt: 7 Euro, Familie: 12/22 Euro.
Mehr Infos unter www.internationales-maritimes-museum.de