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Ruhrgebiet: Ein Pott voll Action

Ein Wochenende mit Sport und Spaß? Auf ins Ruhrgebiet! Zu den Ruinen einer untergegangenen Industrie, die vor allem im Sommer zu neuem Leben erwachen: Außen wird gekraxelt, innen gefeiert.

Wir tänzeln über dem Ruhrgebiet - auf einem Drahtseil zwischen zwei ausgebrannten Hochöfen. Die Nacht zieht heran. Am Horizont quillt Dampf aus dicken Schloten eines der letzten großen Stahlwerke an der Ruhr, ein Schornstein spuckt Feuer, die Wolken darüber leuchten orangefarben. Auf einer Autobahn schwimmen Lichter. In 42 Meter Höhe, auf einem schwankenden Seil, verschmilzt das Bild vom alten mit dem kitzelnden Gefühl vom neuen Ruhrgebiet.

Wir balancieren auf dem fingerdicken Stahlband, lassen das klebrig feuchte Sicherungsseil durch verkrampfte Hände gleiten. Ratsch, ratsch; Schritt für Schritt schubsen wir die Karabinerhaken am Seil voran. Ein Tau verbindet sie mit den Hüftgurten; würden wir fallen, hinge von ihnen alles ab. Aber wir wollen nicht fallen.

Relikte des alten Potts

Die Hochöfen und die Gießhalle im Duisburger Norden sind Relikte des alten Ruhrgebiets - und zugleich Symbole einer neuen Zeit, einer Region, in der aus Industrieruinen Abenteuerspielplätze für große Jungs und mutige Mädchen werden.Scheinwerfer strahlen alte Fabrikhallen, Schornsteine und Türme an; blau, grün und rot funkeln sie in der Nacht. Das alte Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich heißt heute Landschaftspark Duisburg-Nord und ist ein Areal mit Industriedekor zum Abhängen und Abtauchen. An diesem Abend, in diesem Augenblick wäre der Park auch perfekte Kulisse für das Finale eines Thrillers: das zitternde Seil, die bebende Furcht, das Schweigen der Hochöfen. Ratsch, ratsch.Endlich ankommen. Durchatmen. Dann der Abstieg durch die Gießhalle, wo vor 19 Jahren noch Eisen floss. Am Boden stehen ausrangierte Waggons, einige junge Birken. Ein Mitkletterer lässt sich fünf Meter über dem Boden ins Sicherungsseil fallen. Wir lachen. Der Rest ist eine Hänge-Party.

Erstes Bier in Hattingen

Die "Expedition Stahl" ist der Anfang unserer Tour: ein Wochenende Ruhrgebiet, so viel Pulsschlag wie möglich! Im alten Stahlwerk, in Kneipen und in Clubs. Wir nehmen den Ruhrschnellweg, eine Autobahn, die sich durch die Städte an der Ruhr frisst. Häuser und Lichter huschen vorbei: Duisburg, Oberhausen, Essen. Dann eine Abfahrt in Richtung Hattingen. Genau der richtige Ort fürs erste Bier.Im Norden schwingt die Ruhr durch die Stadt; in den Auen brennen Lagerfeuer. Weiter hinten ragt der schiefe Turm der St.-Georgs-Kirche in den Himmel. Darunter duckt sich eine Fachwerkaltstadt. In vielen Häuschen steckt eine Kneipe mit Wohnzimmercharme und Pils vom Fass. Freitagnachts wird es ab ein Uhr ruhiger in der Hattinger Altstadt. Also fahren wir weiter nach Bochum. Irgendwo hat das Ruhrgebiet immer geöffnet.

Currywurst um drei Uhr nachts

Currywurst! Im Ruhrgebiet ein scharfes Stück Kulturgut. Es ist kurz vor drei Uhr nachts. Die vielleicht beste Wurstbude der Welt geht auf die Zielgerade. Letzte Bestellung bei Dönninghaus, mitten in Bochum. Fast 40 Leute stehen Schlange. Eine blonde Bedienung lehnt sich aus dem Fenster und sagt zur Kollegin: "Dat packen wir schon!" Drei Straßen kreuzen hier, rundherum feiern junge Menschen Partys in Clubs und Cafés. Bermuda-Dreieck heißt das Viertel. Die Szene ist ohne Glamour, aber auch ohne Allüren.

Am nächsten Tag steht die "Operation Schwerkraft" an, eine weitere Kletteraktion im Landschaftspark Duisburg-Nord. Der Deutsche Alpenverein hat hier aus einem alten Koksbunker einen Kletterpark geschaffen. Emanuel Hiecke ist Stammgast: 76 Jahre alt, "alter Berchmann" und jetzt moderner Steiger, ein Freeclimber. Das Leben unter Tage hat ihm tiefe Linien ins Gesicht gezeichnet und einen Finger genommen ("Das war Steinschlag"). Er schaut sich um, kneift die Augen zusammen und sagt, er könne es immer noch sehen und hören: die vielen Kumpels, der riesige Kran über dem Koksbunker, der Lärm vom Hochofen. "Alles vorbei, das tut schon weh."

Emanuel Hiecke ist typisch für das Ruhrgebiet: hin- und hergerissen von der Sehnsucht nach dem, was einmal war, und der Faszination dessen, was aus den Ruinen wächst. Er schnappt sich das Bergsteigerseil. 370 Touren sind in die Kletterwände gemeißelt. Sie heißen "Gib dem Affen Zucker" oder "Faustrecht" oder "Ticket to Paradies". Mittendrin steht die Nordparkhütte des Alpenvereins, 26 Meter über dem Meeresspiegel, die niedrigste Berghütte in Deutschland. Hiecke klettert auf einen sechs Meter hohen Steinklotz, der ausschaut wie ein dicker Wellenbrecher im Meer. Er fixiert das Sicherungsseil und erklärt, wo wir hintreten sollen. "Jetzt du!" Von unten bellt Hiecke Kommentare hoch. "Alles klar, Meister!"; "Der Schritt is zu lang, Chef!"; "Duarchdrückeeeeeeeen!" Die Finger sind steif, die Beine zittern. Der Klotz ist erklommen. Hiecke hat von unten schwer am Seil gezogen, um zu helfen. Egal. Er sagt, das war Schwierigkeitsstufe fünf. "Deine erste Fünf! Herzlichen Glückwunsch!"

Gasometer und Abraumhalden

Und der Landschaftspark hat noch mehr zu bieten. Wer will, kann auch abtauchen. Eine riesige Röhre, in der früher Gas aufgefangen wurde, dient jetzt als Tauchrevier: ein gefluteter Gasometer. Durch winzige Ritzen im Dach fallen Sonnenstrahlen in das Becken, von der Wand fließen rote Rosttropfen in die Tiefe. Das Wasser ist 14 Grad kalt. Wir wollen wieder an die Luft und in dieser Nacht noch eine Party feiern. Wir müssen nach Essen. Auf dem Weg liegt Bottrop. Auf einer alten Abraumhalde thront eine Pyramide aus Stahlrohren, der "Tetraeder". Noch schnell da rauf. Eine Treppe führt zu einer luftigen Besucherplattform. Auswärtige sind immer verblüfft von dem Ruhrgebiet, das sie von hier oben aus sehen: viel Grün, fast keine rauchenden Schlote mehr. Im Osten die Arena "Auf Schalke", im Südwesten Oberhausen mit seinem Gasometer und dem Einkaufstempel Centro. Nur aus dem Norden weht noch der Sound des Kohlenpotts herüber: das Kreischen rangierender Eisenbahnwaggons, das beständige Zischen aus einer Kokerei. Aber auch dieses Bild wird durchbrochen vom neuen Ruhrgebiet. Da unten erstreckt sich eine der größten Indoor-Skihallen der Welt.

"Ruhrpott, Ruhrpott!"

Auf der Halde blickt Jose Villalón in die untergehende Sonne. Er ist 58 Jahre alt und wie Emanuel Hiecke ehemaliger Bergmann. Am 14. Februar 1964, das weiß er noch genau, hat Jose Villalón "auf Zeche" angefangen. Er zeigt auf einsame Fördertürme. Einst gab es im Ruhrgebiet mehr als 100 Zechen, jetzt sind es noch sieben. "Alle verstorben", sagt Jose. Hier haben sie immer zusammengehalten: am Hochofen, in staubigen Stollen, am Ende in Menschenketten gegen das Zechensterben und samstags noch immer für Schalke 04. Als der Verein 1997 den Uefa-Cup gewann, feierte das ganze Ruhrgebiet plötzlich die Malochermentalität: "Ruhrpott, Ruhrpott!", heißt seitdem der Schlachtruf in den Stadien, und niemand ist mehr peinlich berührt, "aus dem Pott zu sein". Für kurze Zeit hat sogar der Tourismusverband mit dem Slogan geworben: "Der Pott kocht!". Kochender Pott klingt cool, "Gebiet" irgendwie nach Verlierer, nach Zonenrandgebiet.Von wegen Randgebiet: Ins "Mudia Art" in Essen zieht es Partyvolk aus ganz Deutschland. Der Club versteckt sich hinter roten Backsteinwänden in einer alten Industriehalle. Drinnen brennen Fackeln, Scheinwerfer fluten eine Tanzfläche. Es gibt mehrere Dance-Floors, gemischte Toiletten und einen Darkroom mit Wasserbetten. Um ein Uhr beginnt die Menge in der größten Halle zu wogen.Micha Selders, Creative Direktor des Clubs, sagt: "Das hier ist ein Abenteuer-spiel für erwachsene Menschen."Glück auf, Ruhrpott.

Sebastian Kisters / print

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