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Sandskulpturen-Festival: It's a Sand's World

Sandfreie Zonen gibt es nicht. Er hängt in ihrer Kleidung, ihren Ohren und in ihren Betten. Und Sand ist ihr wichtigster Rohstoff: Sandskulpturen-Künstler haben auch in diesem Jahr in Travemünde eine Welt aus Sand entstehen lassen.

Von Jens Maier

Dan Clower ist Carver. Doch sein Revier sind nicht die Alpen oder die verschneiten Berge Norwegens, sondern der Strand von Travemünde. Seine Werkzeuge sind keine Skier oder Snowboards, sondern Cathy-Tool, Casting-Tube und Skalpell. Dan Clower steht auch nicht auf Pulverschnee oder Buckelpisten, sondern auf Sand - schlichten, körnigen Sand. Mit dem beschäftigt er sich seit Anfang Juli praktisch rund um die Uhr. Er stampft ihn, stapelt ihn und formt ihn, um anschließend wie ein Bildhauer Skulpturen heraus zu schneiden. Dan Clower ist Sandskulpturkünstler - im Fachjargon Carver genannt.

Aus 9000 Tonnen Sand hat er zusammen mit 74 Kollegen am Priwall-Strand in Travemünde bei Lübeck bis zu zwölf Meter hohe Meisterwerke nur aus Wasser und Sand erschaffen. Zum fünften Mal ist so die "Sand World", das größte Sandskulpturenfestival Europas, entstanden. Nach Olympia, Märchenwelten und Weltwundern stehen die Sandburgen in diesem Jahr unter dem Motto Zirkus - mit Tierdresseuren, Akrobaten, Clowns und Magiern. Und noch bis zum 3. September heißt es für Besucher: "Manege frei am Meer".

Hereinspaziert in den Sand-Zirkus

Hinter einem blauen Zirkuszelt beginnt eine Zeitreise durch die Zirkuskunst: Ein römischer Streitwagen rast durch das Rund des Circus Maximus, wo sich schon vor mehr als 2000 Jahren Zuschauer bei Schaukämpfen und Wagenrennen vergnügten. Daneben können die Besucher einen Blick in die Welt des Mittelalters werfen, darin: Balladensänger, Gaukler und Komödianten. Sie waren es auch, die im 18. Jahrhundert die ersten Wanderzirkusse gründeten. Der englische Ex-Soldat Philip Astley schließlich, der Kunststücke auf dem Rücken eines Pferdes vorführte, begründete den modernen Zirkus und öffnete den Besuchern die Welt der Zirkuskünstler: Von Houdini, der in Ketten gefesselt ist, über den französischen Trapezkünstler Jules Leotard, der gerade seine Hosen herunterlässt, um in das von ihm erfundene Maillot, das einteilige Trikot, zu schlüpfen, bis hin zu den berühmten deutschen Dompteuren Siegfried und Roy.

Für den Bau der Welt aus Sand hatten die Künstler nur zwei Wochen Zeit. Dass sie den Wettlauf gegen die Uhr gewonnen haben, darauf ist Dave Willé besonders stolz. Der Holländer ist zum fünften Mal der künstlerische Leiter der "Sand World" und somit für den Entwurf der Skulpturen und deren Umsetzung verantwortlich. "Da wir im Freien arbeiten, hat das Wetter einen enormen Einfluss auf den gesamten Bauvorgang, doch in diesem Jahr hatten wir Glück, fast nur Sonnenschein", sagt der 31-Jährige. Zwischen vier und sieben Tagen dauert es normalerweise, bis aus einem quadratischen Block aus gepresstem Sand eine Skulptur entsteht. "Ich sorge dafür, dass alle Carver optimal und ohne Unterbrechung arbeiten können und ich stelle die Teams für den Bau der einzelnen Skulpturen zusammen, je nach Aufwand, Schwierigkeitsgrad und künstlerischem Ausdruck", erklärt Willé.

Wie aus einem Block Sand ein Kunstwerk entsteht

An seiner Figur hat Dan Clower sogar zehn Tage gearbeitet - und das obwohl er als wahrer Profi unter den Carvern gilt. 1988 hat er das Carven, das Gestalten von Sand- und Eisskulpturen, zu seinem Beruf gemacht. "Ich kann davon leben und arbeite an den schönsten Stränden der Welt", sagt er. Mit dem Sandburgenbau am Urlaubsstrand hat seine Arbeit wenig zu tun. "Es kommt alles auf den Sand an", erklärt Clower. Zum Bauen von Sandskulpturen wird spezieller Sand benötigt, der im Gegensatz zum normalen Strandsand eine eckige Struktur hat - denn Würfel zu stapeln ist einfacher als Kugeln. Aus diesem losen, angefeuchteten Skulptursand fertigt Clower einen Block an, der Lage für Lage in einer Form angestampft wird, bis die gewünschte Höhe erreicht ist. Dann rückt der Amerikaner mit Messern und Kellen an, um die gewünschten Formen herauszuarbeiten. Für feinere Arbeiten verwendet er auch mal einen Pinsel, einen Strohhalm oder ein Teppichmesser.

Damit hat er auch die Skulptur bearbeitet, die jetzt die Besucher der "Sand World" empfängt. Von vorne sieht Clowers Werk wie ein klassisches Zirkusplakat aus, auf dem Tiere, Akrobaten und Magier abgebildet sind. Wenn man an dem Plakat vorbeigeht, scheint es so, als ob alle Tiere aus der Plakatrückseite springen, um in der Zirkuswelt der "Sand World" ihren Platz einzunehmen.

Sandskulpturen trotzen Wind und Regen

Am 4. September, wenn die Tore der diesjährigen "Sand World" schließen, wird sein Kunstwerk allerdings zerstört werden. "Jeder Carver weiß, dass seine Skulptur nur vorübergehende Kunst ist. Außerdem geht es um die Erstellung und ein Foto ist die beste Erinnerung", tröstet sich Clowers. Dabei könnte sein Kunstwerk theoretisch selbst den Winter am Travemünder Strand überdauern. Der Sand ist so fest angestampft, dass Regen und Wind kaum eine Chance haben. Um die Skulpturen vor heftigem Regen zu schützen, werden sie außerdem mit einem Wasser-Eiweiß-Gemisch besprüht.

"Ich dachte, die würden mit noch mehr Tricks arbeiten", sagt Corina Oppel aus Wolfen, die ihren Urlaub an der Ostsee verbringt und von der "Sand World" begeistert ist. "Die Figuren sind toll, viel besser als ich sie mir nach den Fernsehbildern vorgestellt hatte", sagt sie. Birgit und Gerd Becher sind mit ihrer Enkelin Sina aus Hamburg angereist und besuchen die "Sand World" jedes Jahr. Der Siebenjährigen hat das Märchen-Motto 2005 allerdings besser gefallen. "Für Kinder war das besser", sagt Frau Becher.

Das Motto fürs nächste Jahr will der künstlerische Leiter Dave Willé noch nicht verraten. "Ich weiß nur eines: Ich werde wieder einen ganzen Sommer lang überall Sandkörner finden - in der Kleidung, in den Schuhen, in den Ohren, im Bett", scherzt er.

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