Tropical Islands Ferien vor der Fototapete


Welcher Urlaub ist umweltverträglicher? In Kenia am Strand oder im Südsee-Imitat? stern.de hat einen Dauergast in der tropisch aufgeheizten Cargolifter-Halle in Brandenburg begleitet.
Von Roland Brockmann

Die letzte Nacht hat sie im Sand der Südsee verbracht, heute will sie in der Bali-Lagune übernachten. Beides liegt nur wenige Meter voneinander entfernt und unterm selben tristen Winterhimmel. Trotzdem herrschen 26 Grad.

In den realen Tropen wäre Daniela Amend eine Billigtouristin, die statt ein Hotel zu buchen, ihr Lager lieber am Strand aufschlägt. Aber die 28-Jährige hätte sich nicht mal einen Flug auf die Kanaren oder in die Karibik leisten können. Stattdessen setzte sie sich ins Auto und reiste von Münster nach Krausnick, einem Dorf in Brandenburg mit "Europas größter tropischer Urlaubswelt", den Tropical Islands.

Am Eingang der grauen Halle, die von außen eher wie ein Kraftwerk aussieht und weniger wie ein Urlaubsort, bezahlte sie 28 Euro, verstaute ihre dicken Wintersachen in einem abschließbaren Schrank und schlüpfte in ein leichtes Strandkleid. Das war am Montag.

Tagelang in den Tropen

Heute ist Mittwoch. Danielas dritter Tag unter dem Himmel der ehemaligen Cargolifter-Halle, an simulierten Stränden und Wasserfällen mit echten Pflanzen - aber langweilig, sagt sie, sei ihr "noch nicht geworden". Nur einmal, als ihr die Zigaretten ausgingen, hätte sie kurz ihre Winterklamotten aus dem Schrank holen müssen. Von Babywindeln bis zur "Bild" alles kann man in den Shops zwischen Borneo-Haus und Angkor Wat, dem Saunatempel, bargeldlos per Chip-Armband zu kaufen - nur Tabak nicht. Also verließ Daniela kurz die künstliche Inselwelt, um in einem sehr realen Kiosk von Krausnick ihre Zigaretten zu kaufen. Es war, so die Studentin, als hätte sie das Paradies verlassen. Als sie erneut an die Pforten der Halle klopfte, taten diese sich sofort auf, ohne erneut Eintritt zu verlangen. Daniela war beeindruckt.

Neben Zigaretten hatte sie sich in der realen Welt auch mit Wein und Wasser versorgt. Das sieht die Leitung des Tropenparadieses zwar nicht gern - aber sie duldet es. Man kann also mehr oder weniger beliebig ein und auschecken und sich auch noch selbst versorgen.

Theoretisch kann man so eine Woche Urlaub für 28 Euro machen; allerdings ist die Anreise etwa von Münster nach Krausnick (500 Kilometer) nicht ganz billig: Mit der Bahn geht's für 200 Euro hin und zurück; der Bus von Tropical-Islands (TI) holt den Besucher kostenlos am Bahnhof ab. Endpreis bei Selbstversorgung also 228 Euro. Dafür schafft man es im Billigflieger höchstens bis nach Mallorca, aber da ist es jetzt auch kalt. Eine Woche echte Tropen, etwa Diani Beach in Mombasa, sind nicht unter 900 Euro zu haben.

200.000 Kubikmeter heiße Luft pro Stunde

Wer allerdings verhindern will, dass die Erderwärmung auch hierzulande tropische Temperaturen erreicht, sollte schon aus Umweltschutzgründen auf das Fliegen verzichten: Der Kenia-Flug produziert 4660 Kilogramm CO₂ pro Person, so die Emissionsberechnung von der Öko-Organisation Atmosfair.

Auch klimatechnisch scheint es besser zu sein, die Hitze nach Deutschland zu bringen, als den Urlauber in wärmere Gefilde. Obwohl Tropical Islands nicht zu den Energie-Sparwundern zu rechnen ist, wie eine Thermoaufnahme zeigt. Die ehemalige Cargolifter-Halle war beim Bau für eine Temperatur von 18 Grad ausgelegt. Dafür reichten eine Fußbodenheizung und ein paar Deckenstrahler. Für echtes Tropenfeeling braucht es Luftheizungen, die bis zu 200.000 Kubikmeter pro Stunde mit maximal 60 Grad in die Halle blasen. Ein wenig Wärme wird durch eine Spezialfolie an der Südseite der Halle gewonnen, doch die Hauptwärme entsteht in einem gasbetriebenen Heizkraftwerk.

Zu exakten Energiewerten und Emissionen pro Besucher wollte sich das Unternehmen auf Anfrage von stern.de nicht äußern, klar aber ist, dass die Ökobilanz jedenfalls im Vergleich zu einer Flugreise für Tropical Islands spricht: Der CO₂-Belastung durch einen einzigen Flugpassagier der Strecke Mombasa und zurück entspricht dem von zwei Mittelklassewagen pro Jahr. Bei einem solchen Energieverbrauch pro Besucher wäre Tropical Islands längst pleite.

Die Frage ist allerdings, ob man es in den künstlichen Tropen wirklich eine Woche aushält, ohne dass einem die Decke auf den Kopf fällt. In Kenia entflieht man der Strandwelt mit einer Safari in die Savanne mit wilden Tieren; auf Brandenburgs Wiesen warten nur Kühe und der Spreewald.

Die Billigurlauberin Daniela verlässt das künstliche Paradies nach vier Tagen. Draußen vor der riesigen grauen Halle empfängt sie ein kalter Wind. Die Realität, da ist sie wieder.

Weitere Infos
Öffnungszeiten und Preise: www.tropical-islands.de

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