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Städtereise nach Thüringen: Unterwegs im schillernden Weltkulturdorf namens Weimar

Die Stadt der Dichterfürsten ist eine klassische Schönheit, randvoll mit Geschichte. Aber auch eine kleine wilde Puppenstube: Wir zeigen, wo man im Weltkulturdorf heute stürmt und drängt, tanzt und Tatort guckt.

Von Meike Winnemuth

Weimar

Im hellen Leinenanzug fährt der Verleger Steffen Knabe mit dem Piaggio – hier an der Herderkirche in Weimar – auf Kinderfeste, um seine kindgerechten Biografien zu verkaufen. Natürlich auch die von Schiller.

Deutsches Nationaltheater, die Bude ist voll bis unters Dach. Man hat sich schick gemacht, der Oberbürgermeister ist da, die Staatssekretärin und diverse andere Würdenträger, TV-Teams schwirren umher, zum Auftakt spielt das Blechbläserquartett des Polizeiorchesters Thüringen. Was ist hier los? Staatsakt? Gedenkveranstaltung? Goethes Geburtstag? Nein, ein viel bedeutenderer Festtag: Die neueste Folge des kultisch verehrten Weimar-"Tatorts" mit Christian Ulmen und Nora Tschirner wird eine Woche vor der Ausstrahlung den Bürgern gezeigt, und das in der heiligsten der vielen heiligen Hallen, die die Stadt zu bieten hat.

Während der Vorführung wird laut gelacht und aufgeregt kommentiert ("Ist das da am Stadtarchiv?" – "Nee, beim Durchgang vorm Eckermannhaus."), am Ende stehen alle Beteiligten strahlend auf der Bühne, und Nora Tschirner, soeben mit Becker-Faust ("Yeah!") Ehrenmitglied der Polizeigewerkschaft geworden, lässt Zettel mit einem Liedtext im Publikum verteilen, um das ganze Haus beim Absingen eines Weihnachtsliedes zu dirigieren. Ach, so ist das hier.

Die Luft in Weimar ist gesättigt mit Bedeutsamkeit

Weimar also. Ewige Kulturhauptstadt der Nation, Club der toten Dichter, Disneyland für Deutschlehrer. In den Postkartenständern finden sich auf Bütten gedruckte Holzstiche von der Ilmbrücke und dem Wittumspalais: Selbst der Tourismus trägt Goldrand.

Weimar

Claudia Köcher bekommt einen coolen Look und alte Hand­werkstechniken unter einen Hut. In ihrem Atelier Die Zwillingsnadeln in der Windischenstraße verkauft sie "hat couture". 

Das halbe deutsche Geistesleben hat einst in der Stadt residiert, so scheint es, allen voran das literarische Quartett GoetheSchillerHerderWieland, davor aber schon der Hofmaler Lucas Cranach der Ältere sowie der Jüngere, der Hofmusikus Johann Sebastian Bach plus diverse Söhne, Luther sowieso, auf der Durchreise die Goethe-Fanboys Schopenhauer, Heine, Hölderlin, länger wiederum Liszt, Richard Strauss, Nietzsche, van de Velde, Graf Kessler, Rudolf Steiner, die Bauhaus-Lehrer Gropius, Kandinsky, Klee – "Wo finden Sie auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes?" (Goethe, das erste Zitat von vielen, fürchte ich). Ein Glück, dass Liszts Versuch scheiterte, dem damaligen Regenten Carl Alexander den Bau eines Konzerthauses für Richard Wagner aufzuschwatzen, sonst wäre Weimar auch noch Bayreuth geworden, und bei aller Liebe, irgendwann ist auch mal gut mit dem Weihevollen.

Es reicht schon so: Die Luft ist derart gesättigt mit Bedeutsamkeit, dass man unwillkürlich tiefer atmet und in circa derselben Geschwindigkeit über die kopfsteingepflasterten Straßen geht, mit der man sonst Museen durchschreitet. Man saugt das alles ein, fühlt sich milde erhaben und muss augenblicklich Thomas Manns "Lotte in Weimar" lesen, selbstverständlich erstanden in Hoffmann's Buchhandlung von 1710, von der auch schon GoetheSchillerHerderWieland ihre Bettlektüre bezogen haben.

Bei aller Grösse: Die Stadt ist klein. Spazierlich. Man schlägt einmal lang hin vom Frauenplan mit Goethes Haus zur Herzogin Anna Amalia Bibliothek zum Bauhaus-Museum zur Herderkirche mit Cranachs Altarbild – und, zack, gerade mal ein Nachmittag ist um, aber ein mit hoch konzentriertem Erleben zum Platzen gefüllter. Oder wie Nora Tschirner so schön schwärmt, beim Plaudern im Foyer kurz vor ihrer Polizeigewerkschaftsehrenmitgliedschaft: "Weimar entzieht sich Zeit und Raum. Man geht von A nach B, und plötzlich ist man in Z und hatte einen fantastischen Tag, ohne einmal aufs Handy geguckt zu haben."

"Die Orientierung an Klassikern wird nicht mehr lange funktionieren"

Machen wir uns also auf den Weg von A nach B. A wie Anna Amalia Bibliothek, die vielleicht berühmteste Büchersammlung der Republik, nachdem im September 2004 bei einem Großbrand 50.000 Bände in Flammen aufgingen und weitere 62.000 durch Feuer und Löschwasser stark beschädigt wurden. Die Wirkung war erstaunlich: Plötzlich trauerte noch der letzte Kulturbanause um den Verlust von Büchern, die er nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätte. Es war, als ob Opas Dachboden abgefackelt wäre.

Aber: "Die Orientierung an Klassikern wird nicht mehr lange funktionieren." Das ist ein erstaunlich kühler Satz aus dem Mund eines Mannes, den man eigentlich zu den Erbverwesern gerechnet hätte: Reinhard Laube ist seit 2016 Direktor der Anna Amalia Bibliothek, Nachfolger nicht nur von Goethe, der sie 35 Jahre lang leitete und als erste Amtstat eine Nutzungsordnung erließ, auf dass ein jeglicher Zugriff hätte, sondern auch des legendären Bibliothekars Michael Knoche, der eigenhändig eine unschätzbare Luther-Bibel von 1534 aus dem brennenden Haus rettete. Laube spricht viel vom »Erinnerungsmanagement der modernen Gesellschaft« und der Rolle der Bibliotheken dabei. Woran wollen wir uns erinnern? Mit welchen Mitteln? Wie schaut man zurück, ohne den Blick von der Zukunft zu wenden?

Frisches Brot gibt es erst ab 17 Uhr

Wir hasten durch Gänge und Treppenhäuser, Laube öffnet eine Tür – und mir bleibt die Frage, die ich gerade stellen wollte, im Hals stecken. Von diesen Momenten gibt es in Weimar einige, Orte, die einen augenblicklich zum Verstummen bringen: Dieser weltberühmte ovale Lesesaal in seinem rokokoleichten Hellblau ist einer davon, aber auch Goethes rührend schmales Bettchen in seiner winzigen, unbeheizten Schlafkammer, Herders ergreifend schlichte Grabplatte ("Licht Liebe Leben") – das kriecht einem alles so unter die Haut wie schon den Touristen vergangener Jahrhunderte, etwa dem Dramatiker Karl Immermann anno 1837: "Ich musste mich zusammennehmen, um nicht in eine Weichheit zu geraten, die mir die Kraft zur Anschauung geraubt hätte."

Diese Weichheit, die seltsame Vertrautheit, die sich hier ganz schnell einstellt, gilt nicht nur den Großen der Vergangenheit, die einem hier vor Ort ganz gegenwärtig und sterblich werden. Allein die Geschichten vom spätpubertären Hooligan Goethe, der sich mit dem 17-jährigen Herzog Carl August durch das Städtchen soff und tanzte und nach wildem Ritt in einem Akt von Vandalismus den späteren Schulbuchklassiker "Über allen Gipfeln ist Ruh" an die Holzwand einer Schutzhütte kritzelte!

Weimar

Geniale Montagsproduktion: Am ersten Tag der Woche trifft sich die Fangemeinde der Pizza-nacht vor der Bäckerei "Brotklappe" bei frisch gebackenen Prachtexemplaren, die von Nesseln, Mangold oder Kartoffelscheiben gekrönt werden.


Schaut man sich Weimar jenseits der Tagesausflugsschneisen an, entdeckt man schnell, dass der Charme der Stadt gerade nicht im Gestrigen, sondern im lebendigen Heute besteht. Gehen wir also weiter zu B wie "Brotklappe", da versteht man viel von der Stadt.

In der "Brotklappe" ist heute wie jeden Montag ab 18 Uhr Pizzanacht, für Sebastian Lück bedeutet das Spätschicht. Vor knapp zwei Jahren hat er seine Bäckerei eröffnet mit dem bescheidenen Ziel, "das beste Brot in Thüringen zu machen", großporiges, langgeführtes Sauerteigbrot, inspiriert von der legendären Bäckerei "Tartine" in San Francisco. Lück ist Quereinsteiger. Mit 21 hatte er einen Laden für Inlineskates eröffnet, knapp 20 Jahre später hat er sich das Backen selbst beigebracht, am Anfang nur für sich, die Familie, Freunde.

Er hat mit feuchten Teigen aus kalt gemahlenen Mehlen experimentiert, die 36 Stunden ruhen müssen, kann endlos über Vorstufen und Gärstabilität reden, über den Luftdruck in der Backstube, der bei zwölf Grad und Regenwetter anders ist als bei sonnigen 20 und ein Brot komplett verändern kann. "Das habe ich nie im Griff."

Alles andere hat er umso mehr im Griff: Er arbeitet zu seinen Bedingungen. Geöffnet ist nur Donnerstag bis Montag, und frisches Brot gibt es ab 17 Uhr; er mag halt nicht um drei in der Backstube stehen: "Ausgeschlafen funktioniere ich besser." Er backt auf Vorbestellung, in den freien Verkauf kommt nur eine begrenzte Stückzahl. Dazu eine Auswahl an Kleingebäck, Zimtknut, Babka, Dinkelbatard, fertig. "Berlin? Was soll ich da? Da geht es nur ums Geldverdienen, man verschleißt sich. In Weimar habe ich kurze Wege und ein gutes Netzwerk. Hier kann ich spielen."

Gekürzte Fassung: Den vollständigen Text und den Serviceteil zu Weimar finden Sie im "Geo Saison", Heft 4/2018. Ab sofort am Kiosk für 6,50 Euro.

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