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Stern Logo Die Welt der Gipfelstürmer

Triumph und Tragödie

Vor 150 Jahren stand der Brite Edward Whymper als erster Bergsteiger auf dem Gipfel des Matterhorns. Beim Abstieg stürzten vier seiner Begleiter in den Tod. Unfall oder Mord? Die Geschichte eines epochalen Unglücks.

Von Joachim Rienhardt

Stürzende Bergsteiger am Matterhorn

Gustave Doré fertigte diese Lithografie mit dem hilflosen Bergführer Taugwalder (mit Stab) nach dem Absturz im Juli 1865. In ganz Europa wurde über Schuld und Unschuld der Überlebenden diskutiert.

Je höher er steigt, desto panischer wird er. Es ist nicht die Furcht vor dem Abgrund, der 1200 Meter unter ihm klafft. Edward Whymper sorgt sich nur, er könnte nicht als erster Mensch der Welt auf dem Gipfel des Matterhorns stehen. Er ist "von Angst gequält", wie er später notiert. "Wie leicht konnten wir noch im letzten Augenblick geschlagen werden?" Immer wieder hält er nach seinem Konkurrenten Jean-Antoine Carrel Ausschau. Der italienische Bergführer war zwei Tage vor ihm aufgebrochen. Ist er schon oben? Stürmt er von unten heran? Whymper kann keine Spur von ihm ausmachen.

Dann, kurz vor dem Gipfel, wo die Steigung abflacht, löst er sich von dem Seil, das ihn mit sechs weiteren Bergsteigern verbindet. Auch sein Führer Michel Croz ist nicht mehr zu bremsen. Sie mobilisieren die letzten Kräfte, rennen los. Ganz oben die Erleichterung: "Um Viertel vor 2 Uhr lag die Welt zu unseren Füßen, und das Matterhorn war besiegt. Hurra! Nicht ein Fußstapfen unserer Nebenbuhler war zu sehen." Das war der Sieg im Wettlauf um den letzten großen als unbezwingbar geltenden Gipfel der Alpen. Es ist der 14. Juli 1865. Whymper schreit die Erleichterung in die Bergluft, trunken vor Freude. Nur wenig später werden vier seiner Begleiter ihr Leben verlieren. Bis zum heutigen Tag ranken sich Gerüchte um den Vorfall, bis hin zum Mordvorwurf.

Das goldene Zeitalters des Alpinismus

"Dramatischer hätte man es nicht erfinden können", sagt Bergsteigerlegende Reinhold Messner. "Zuerst der Triumph, dann das Desaster beim Abstieg. Alles an einem Tag. Und die ganze Welt schaute zu." Telegramme vermeldeten den Erfolg rund um den Globus. In Caféhäusern und Clubzimmern las man von dem epochalen Ereignis. Es war der Höhepunkt des Goldenen Zeitalters des Alpinismus, der Erstbesteigungen in den Alpen. Das Drama löste den Beginn des Massentourismus in den Bergen aus. Das Matterhorn, zuvor ein wenig beachteter Fels, wurde zum damals berühmtesten Gipfel der Welt, zum Wahrzeichen der Schweiz.

Edward Whymper gilt den Berglern 1865 allerdings als "Tourist". Erst fünf Jahre zuvor hat er zum ersten Mal einen Fuß auf die Alpen gesetzt. Er ist Zeichner und Holzschneider von Beruf, sollte im Auftrag des britischen "Alpine Club" Gebirgsmassive der Hochalpen zeichnen. Die Einheimischen wundern sich über ihn und all die anderen sonderbaren Briten, die sich auf ihren Bergen tummeln. Das Matterhorn halten sie für den höchsten Gipfel der Alpen. Sie haben Angst vor dem 4478 Meter hohen Monstrum. Ihrem Aberglauben zufolge hausen dort Zwerge und Kobolde.


Whymper fühlt sich in diesem Sommer jedoch sicher im alpinen Gelände. Nicht nur auf Fels. Auch "auf steilem Schnee", wo er zuvor "außerordentlich ängstlich gewesen" war, wie er selbst notiert. Er ist 25, voller Kraft und Tatendrang. Achtmal hat er sich bereits an diesem monströsen Berg versucht. Mitunter war seine Hoffnung dahin. "Nichts kann unersteigbarer aussehen", schreibt er. Doch er hat sich geschworen, den Berg zusammen mit seinen Führern "so lange zu belagern, bis er oder wir besiegt seien".

Es ist Anfang Juli, als er sich vom Montblanc-Massiv aus Richtung Matterhorn aufmacht. Sein neunter Versuch in vier Jahren. Whymper wähnt den besten Mann an seiner Seite, Jean-Antoine Carrel, Bergführer aus Breuil am Fuß des Berges, italienische Seite. Etliche Versuche, auf den Gipfel zu kommen, haben sie gemeinsam unternommen. "Ein kühnerer Mann ließ sich kaum finden", weiß Whymper. Er spürt zwar, dass Carrel den Berg "als Zunfteigentum" und ihn "als Pfuscher" betrachtet. Aber was soll er tun? "Mit ihm hatte ich Hoffnung, ohne ihn keine …" Doch Carrel trickst ihn aus.

Wettrennen zum Gipfel

Am Morgen des 11. Juli bricht er heimlich mit einer rein italienischen Expedition auf. Er will den Gipfel für das junge Königreich Italien erobern. Edward Whymper bleibt allein zurück im Tal. Durchs Fernrohr muss er mit ansehen, wie Carrel mit seiner Seilschaft nach oben steigt. Insgesamt sieben Mann, sie haben ein Maultier dabei, beladen mit Lebensmitteln. Whymper kocht vor Wut. Er fürchtet um seinen "Ruhm, für den ich lange gekämpft hatte".

Den Ehrgeizling aus London drängt es nach sozialem Aufstieg. Er ist zwar Mitglied des erlesenen Alpine Clubs, aber er gehört nicht zur vornehmen Gesellschaft. Whymper verzweifelt: "Ich war in der Lage eines Generals ohne Armee; Pläne konnte ich machen, aber zur Ausführung fehlten mir die Leute." Er versucht, sich zu beruhigen. Zunächst mit einer Zigarre. Dann mit dem Blick auf das neblige Wetter.

Carrel würde erst einmal nicht weit kommen. Und mit dem britischen Lord Francis Douglas findet er wider Erwarten am Nachmittag einen neuen Partner. Der alpinerfahrene Adlige ist zwar erst 18 Jahre alt, aber, so Whymper, "gewandt wie ein Reh". Er hat nicht nur den "warmen Wunsch", den Berg zu ersteigen. Der Spross einer der reichsten Familien aus dem Königreich hat es auch eilig. Er muss am 20. Juli zurück in Schottland sein, um die Volljährigkeit seines Bruders zu feiern. Und er hat einen Führer: Peter Taugwalder aus Zermatt, 45, Vater Taugwalder genannt.

Whymper fasst wieder Hoffnung

Tags darauf eilen sie zu Fuß nach Zermatt, wo sie zu ihrer Überraschung auf zwei weitere Aspiranten stoßen: den Geistlichen Charles Hudson, der als sehr sicherer Bergsteiger gilt. Und Michel Croz aus Chamonix, den besten Führer jener Zeit. Auch sie wollen am nächsten Morgen aufbrechen. Whymper und Croz kennen sich gut. Der Brite nennt ihn seinen "alten Oberführer".

Mit vereinten Kräften soll es gegen die Seilschaft auf der Südseite gehen. England gegen Italien. Hudson will den Berg zu Ehren der Kirche bezwingen: "Allmächtiger Gott, sollte unser Leib oder unsere Seele Schaden nehmen, so sorge dafür, dass diese Bergtour unterbleibt." Sein Wunsch wurde nicht erhört.

Peter Taugwalder junior mit Pfeife

Peter Taugwalder junior bestieg das Matterhorn bis zu seinem Tod 1923 über hundert Mal.

Auch Robert Douglas Hadow, Spross einer reichen englischen Reederfamilie, soll mit. Er ist 19 Jahre jung, ein Freund von Charles Hudson, der versichert: "Herr Hadow hat den Montblanc in ungewöhnlich kurzer Zeit erstiegen." Whymper zweifelt an dessen Fähigkeiten. Am Montblanc gibt es keine schwierigen Kletterpassagen. Aber er akzeptiert. Vermutlich, weil er fürchtet, sonst wieder allein dazustehen.

Es ist Donnerstag, der 13. Juli 1865, als die Führer Taugwalder und Croz mit den vier mehr oder weniger Gruperfahrenen Briten den Gipfelsturm angehen, früh um 5.30 Uhr. Ein Bilderbuchmorgen, blauer Himmel, keine einzige Wolke. Taugwalders Sohn Peter ist als weitere Hilfe dazugestoßen.

An der Kapelle "Maria zum Schnee", oben am Schwarzsee, nehmen sie die Seile auf, die Whymper hinterlegt hat. Er selbst trägt den Wein. "Um eine stetige Bewegung zu erzielen, gingen immer ein Tourist und ein Eingeborener zusammen", notiert Whymper. Sie sind überrascht, wie gut sie vorankommen.

Das falsche Gefühl der Sicherheit

Die Experten des Schweizer Alpenclubs werden später urteilen, "eine so große Gesellschaft erwecke unwillkürlich, auch bei erfahrenen Bergsteigern, fälschlicherweise ein Gefühl erhöhter Sicherheit. Es werde mehr geplaudert, und die Aufmerksamkeit nehme ab." Am Hörnligrat schlagen sie ihr Zelt auf. Doch am nächsten Tag, beim Klettern im fast 40 Grad steilen Gelände, wird klar, dass Hadow mit seinen ungenagelten Lederschuhen überfordert ist. Es ist die erste Klettertour seines Lebens. Bergführer Croz muss ihm helfen, die Füße richtig zu setzen. Das mindert das Tempo der Gruppe. Whymper wird immer ungeduldiger, er fürchtet, die Italiener könnten schneller sein.

Im Angesicht des Gipfels hält ihn nichts mehr. Jahre später, nach einem Dinner mit viel Alkohol, wird er erzählen, dass er sich in diesem Moment nicht abgebunden, sondern das Seil durchgeschnitten habe. So wird das etwas 30 Meter lange Seil um geschätzte 13 Meter gekürzt. Ein herber Verlust und eine wahrscheinliche Ursache für die Katastrophe, die sich anderthalb Stunden später ereignen wird. Denn sie haben neben diesem zerteilten nur ein einziges weiteres Seil dieser Qualität dabei. Es sind Manilahanfseile, erst ein Jahr zuvor beim Alpine Club in London zertifiziert, das Clubseil.

Gemeinsam mit Croz besteigt Whymper auch den Gipfel auf italienischer Seite – keine Spuren der Konkurrenten. Sie entdecken sie ein paar hundert Meter unterhalb. Whymper stößt Triumphschreie aus. Mit einem Stecken löst er Brocken aus dem Fels und stürzt sie hinab. Befriedigt verfolgt er, wie die Italiener kehrtmachen. Croz treibt eine Zeltstange in den Steinhaufen, sie nehmen seine Savoyardbluse als Gipfelflagge. Dann legen Whymper und Hudson die Reihenfolge für den Abstieg fest.

Stoffreste im Schaukasten

Das Matterhorn Museum in Zermatt zeigt Fetzen von der Kleidung der Verunglückten, die am Berg gefunden wurden. 


Das Wetter ist gut. Aber die Felsen sind seit dem letzten Unwetter mit Neuschnee bedeckt, durch den vereiste Felszacken stechen. Croz geht voran. Ihm folgt Hadow, der am meisten Hilfe benötigt. Als dritter geht Reverend Hudson, dessen Freund. Danach kommt Lord Douglas, der sich nun sicher wähnt, rechtzeitig zur Feier des Bruders zu kommen. Letzter dieser Gruppe ist Vater Taugwalder. Er gilt als der Stärkste. Nur sein Sohn und Whymper bleiben zunächst am Gipfel. Der Brite schreibt die Namen aller Erstbesteiger auf einen Zettel und verstaut ihn in einer Flasche.

"Bloß Narren und Kinder müssen festgebunden werden", pflegte Führer Croz zu spotten. Jetzt aber, vor der Kletterpassage, gibt er das Kommando zum Anhalten. Man hat zu jener Zeit wenig Erfahrung mit Klettern am Seil. Es hat sich noch nicht durchgesetzt, höchstens in Dreiergruppen zu gehen – denn mehr als einen Gestürzten kann ein Bergsteiger nicht sichern. Croz schlingt sich ein Ende des Seils um die Hüfte, um dann, mit je fünf bis sechs Meter Abstand, die anderen einzubinden.

Der Abstieg beginnt

Er nimmt das starke Clubseil, das die komplette Länge von 30 Metern hat. Doch als mit Lord Douglas der vierte dieser Fünfer-Gruppe angebunden wird, ist es aufgebraucht. Für Vater Taugwalder reicht es nicht mehr. Der nimmt das Reserveseil, um sich an die Gruppe zu binden. Es ist sehr viel schwächer als die Clubseile, die seine Kameraden sichern.

Als Whymper und Taugwalder junior wieder zur Gruppe stoßen, haben sie den Rest des gekappten zweiten Clubseils um sich geschlungen. Daran machen sie auch den alten Taugwalder fest. Am Rest der Gruppe hängt dieser weiterhin allein durch das Reserveseil.

Dann passiert es: Croz hat sich gerade wieder zu Hadow umgedreht, um ihm die Füße an den Fels zu setzen. Aber der Reedersohn verliert den Halt. Er stürzt, Füße voraus, seinem Führer in den Rücken. "Ich hörte von Croz einen Ausruf des Schreckens und sah ihn und Hadow abwärts fliegen", notiert Whymper später. "Im nächsten Moment wurden Hudson und unmittelbar darauf auch Lord Douglas die Füße unter dem Leib weggerissen." 

Vater Taugwalder hatte vorausschauend das kürzere Clubseil, das ihn mit Whymper verbindet, um einen Felsenzacken geschlungen. Auch er selbst klammert sich daran. Das Gewicht der Gestürzten hängt über das Reserveseil an seinem Brustkorb und an seiner Hand, um die er es in einer Schlinge gelegt hat. Seinem Sohn Peter ist durch einen Felsvorsprung die Sicht versperrt. Er ruft: "Vater, seid ihr noch da?" Der steht, den Fels umklammernd.

Das Seil schält ihm die Haut von der Hand. Später im Dorf wird er allen seine Verwundungen zeigen. Als Beweis, dass er alles gegeben hat. Alles. Bis das schwächere Seil zwischen ihm und Lord Douglas in "freier Luft" reißt.

Das Seil von 1865

An diesem Seil soll das Leben der vier Bergsteiger gehangen haben. Bis es nachgab. Besucher im Museum in Zermatt können es hinter Panzerglas bestaunen.


Etwa eine halbe Stunde bleiben die drei Überlebenden an Ort und Stelle sitzen, unfähig auch nur einen Schritt zu tun. "In den nächsten zwei Stunden glaubte ich stets, dass der nächste Augenblick mein letzter sein werde, denn die Taugwalder hatten allen Mut verloren und konnten mir nicht bloß keine Hilfe leisten, sondern befanden sich in einem solchen Zustand, dass sich jeden Augenblick ein Ausgleiten von ihnen erwarten ließ", schreibt Whymper später. Taugwalders Sohn erinnert die Szene genau entgegengesetzt: "Whymper zitterte so heftig, dass er es kaum schaffen konnte, einen sicheren Schritt zu tun."

Abgetrennte Körperteile

Nach einer Nacht im Fels kommen die drei am Morgen in Zermatt an. Endlich. Die Aufregung ist groß. Bergführer haben den Absturz vom Hotel Monte Rosa aus durch Rohre aus Pappe verfolgt, weil niemand ein Fernglas besitzt. Zunächst meinen sie, es sei nur eine Lawine abgegangen. Das gesamte Ausmaß des Schreckens erfasst Zermatt erst am nächsten Tag, als man die Leichen der Absturzopfer findet. Ein Bild des Grauens. Die Wucht des Sturzes hat ihnen die Kleider vom Leib gerissen. Zum Teil sind Schädel, Arme, Hände vom Körper getrennt. 

"Ich vermochte nur Croz zu erkennen, und zwar an seinem Bart", schreibt Whymper später. "Ein Teil des Unterkiefers war übrig geblieben, der obere Teil des Kopfes fehlte." Neben seiner Hosentasche finden sich zerbrochene Perlen seines Rosenkranzes. Sein Kruzifix hatte sich in seinen Unterkiefer eingegraben. Hudson wird durch seine Brieftasche und sein Gebetsbuch identifiziert. Hadow an seinem schlechten Schuhwerk. Nur von Lord Douglas fehlt jede Spur. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Gerüchte und Schuldzuweisungen machen sofort die Runde: Hat nicht Taugwalder das Seil mit einem Messer zerschnitten, um das eigene Leben zu retten? Oder war es Whymper selbst, der den todbringenden Schnitt vornahm? Was zunächst Klatsch und Tratsch ist, wird nur drei Wochen später von dem angesehenen Schriftsteller Alfred Meißner als Fakt verbreitet. Von Interlaken kabelt er die Gerüchte in Form eines Artikels an die "Neue Freie Presse" nach Wien. "Wir sind verloren", habe Taugwalder gerufen. Meißner schreibt: "In diesem Augenblick riss das Seil – oder hat ein Messer, das hinter Taugwalders Rücken hervorgezogen ward, es durchschnitten?"

Virtuelle Besteigung: Per App zum Gipfel des Matterhorns
Startbildschirm zeigt das Matterhorn

Startseite auf dem Tablet zur interaktiven Klettertour über den Hörnligrat auf das Matterhorn: Die App Project360 von Mammut macht es möglich.


Für Experten war dieses Szenario schon damals absurd, weil niemand in einer solchen Situation nur eine Hand vom Seil lassen kann, um es zu durchschneiden. Aber die Theorie hat verfangen.

"Keinem der Führer kann ein Vorwurf gemacht werden"

Whymper schließt sich lange in seinem Zimmer im Hotel Monte Rosa ein. Er schweigt. Später schreibt er an einen Freund: "Keinem der Führer kann ein Vorwurf gemacht werden. Sie erfüllten männlich ihre Pflicht." Taugwalder wird er nur einmal wiedersehen – bei der richterlichen Befragung, die eine Woche nach dem Unglück abgehalten wird. Im Hotel Cervin. Den Hotelier und zuständigen Untersuchungsrichter Joseph Anton Clemenz interessiert vor allem, wer den Sturz ausgelöst hat. Und auch, ob das Seil zwischen Lord Douglas und Taugwalder stark genug gewesen sei. Dessen Antwort: "Wenn ich gefunden hätte, dieses Seil sei zu schwach, so hätte ich es schon vor der Matterhornbesteigung als solches erkannt und es refüsiert." Dann entblößt er seine Brust, um die Striemen, die der Ruck des Seils verursacht hatte, zu zeigen. Anders vermag er sich gegen die Gerüchte nicht zur Wehr zu setzen.

Die Prozessprotokolle werden erst Jahrzehnte später veröffentlicht. Der Richter kam zu dem Schluss, dass es keinen Schuldigen gab – und hoffte, dass damit die Diskussion beendet wäre. Doch über das, was am Berg geschah, wurde weiter wild spekuliert. In einem Brief an die "Times" in London bricht Whymper auf Bitten des Alpine Clubs sein Schweigen. Er stellt sich als tadellosen Kletterer dar. Zu seinem Entsetzen habe er feststellen müssen, dass das zerrissene Seil das "schwächste der Seile" gewesen sei.

Whymper kämpft um seine Reputation

Whymper schlägt daheim dennoch eine feindselige Haltung entgegen. Es gibt Diskussionen, das Bergsteigen ganz zu verbieten. Schließlich werde dabei "das beste Blut Englands vergossen". Anstatt in die noble Gesellschaft aufzusteigen, werden Whymper Vorhaltungen gemacht. Er spürt, dass sein Ehrgeiz vergebens war. "Während fünf Jahren habe ich vom Matterhorn geträumt, ich verwendete viel Arbeit und Zeit und habe es schließlich geschafft, und jetzt kann ich seinen bloßen Namen nicht mehr hören."

Doch er kämpft um seine Reputation, wie einst ums Matterhorn. Er ist nicht nur ein guter Zeichner. Er kann auch packend schreiben. Sein Buch über die Erstbesteigung wird weltweit zum Bestseller. Auf die Vorwürfe, das Seil durchgeschnitten zu haben, geht er nie ein. Seinem Bergführer wirft er vor, er habe fahrlässig ein zu schwaches Seil benutzt: "Wenn Taugwalder mit der Möglichkeit eines Absturzes der anderen rechnete, so war es in seinem Interesse, mit dem schwachen Seil an sie gebunden zu sein", schreibt er. "Das sah für Taugwalder sehr hässlich aus."

Der kann sich der Vorwürfe nicht erwehren. Er kann nur mit Mühe seinen Namen kritzeln, er hat keine Lobby in der Schweiz. England ist der wichtigste Markt des inzwischen blühenden Bergtourismus. Niemand möchte sich von ihm auf das Matterhorn führen lassen.

Taugwalders Karriere als Bergführer ist beendet

Von Whymper wird er dafür verhöhnt. "Wie ich höre, ist er zur Arbeit unfähig, nicht gerade verrückt, aber geschwächten Geistes", schreibt er. "Das ist nicht zu verwundern, mag er sich nun wirklich einer Schlechtigkeit bewusst sein oder unter einem ungerechten Verdacht leiden."

Verbittert wandert Taugwalder für eine Zeit lang in die USA aus. Es hilft ihm nicht, dass Experten vom Schweizer Alpenclub "diesen anerkannt ehrlichen und braven Mann" in Schutz nehmen. Das tut auch sein Sohn Peter, ein Leben lang. Er schreibt im Auftrag eines britischen Adligen: "Ich bin 75 Jahre alt, aber ich kann mich an viele Dinge so gut erinnern, als wären sie erst gestern passiert. Das Seil riss, als wäre es ein Stück Schnur, und die vier jungen Männer waren nicht mehr sichtbar."

Das Haus von Taugwalder junior, etwas außerhalb von Zermatt, steht bis heute leer. Fensterläden klappern im Wind. Durch die Spinnweben kann man den Tisch erkennen, an dem der Sohn seine Erinnerungen verfasst hat. Doch er kann den Namen seines Vaters nicht rehabilitieren, der 1888 verstarb. Edward Whymper gelangen noch einige spektakuläre Besteigungen auf dem amerikanischen Kontinent, ein glücklicher Mensch wurde er bis zu seinem Tode 1911 nicht mehr.

Das Innere der verlassenen Taugwalder-Hütte

Peter Taugwalder junior schrieb seine Erinnerungen 1917 in dieser Hütte auf. Sie steht noch heute bei Zermatt, unbewohnt.


Die Gemeinde Zermatt lebt bis heute vorzüglich von dem Ruhm des Matterhorns und dem Mythos um seine tragische Erstbesteigung vor 150 Jahren. Besucher stehen Schlange am Matterhorn Museum in Zermatt. Dort liegt ein Stück Seil hinter Panzerglas. Eine Reliquie, die, so der Gemeinderatsbeschluss, Zermatt nicht verlassen darf. Es ist ein armseliger Strick. Heute würde er höchstens dazu dienen, eine Kuh anzuleinen.

Nach dem Gutachten eines Professors aus dem Jahr 2014 ist das Seil durchgeschnitten worden. Nur weiß auch der Professor nicht, ob das einst am Berg oder erst später im Tal geschah. Schließlich war es begehrt bei Souvenirjägern, die auch aus dem Gästebuch des Hotels Monte Rosa die Seiten jener Tage herausgerissen haben. Große Teile des Seils, an dem einst das Leben der Verunglückten hing, sind ohnehin verschwunden. Es ist nicht einmal sicher, ob das Stück, das hinter Panzerglas liegt, tatsächlich vom Original stammt.

Sicher ist nur eines: Das Matterhorn steht noch.

Diese Reportage ist dem aktuellen Stern entnommen.



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