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Alpinballooning: Höhenrausch mit heißer Luft

In mehr als zweitausend Metern Höhe per Heißluftballon über den Alpen zu schweben, ist ein unvergessliches Erlebnis – führt aber auch zu rauschhaften Zuständen. Am Ende der Fahrt winkt sogar ein Adelstitel.

Von Björn Erichsen

In der kalten Jahreszeit zieht es nicht nur viele Ski-Fahrer in die Alpen, auch für Ballonfahrer sind die Wetterbedingungen im Hochgebirge äußerst günstig. Manche wagen einen wahren Höllenritt, rauschen von Nordwestwinden getrieben mit 150 Sachen über den Alpenhauptkamm bis hinüber nach Italien. Andere dagegen, ein paar tausend Meter tiefer, bevorzugen das sanfte Gleiten, um sich in aller Ruhe am winterlichen Bergpanorama zu ergötzen. Im Kaiserwinkl, im Nordosten Tirols an der deutschen Grenze, ziehen die bunten Riesen während der "Ballonfahrerwoche" gleich in Garnisonsstärke über den Himmel. Jedes Jahr treffen sich dort Teams aus ganz Europa zu kleinen Wettfahrten, Hüttengaudi und dem spektakulären "Night Glowing", bei dem die Ballons in den Abendstunden am Boden unter Feuer gehalten werden. Ein Tipp für schwindelfreie Alpintouristen: Für rund 150 Euro nehmen manche Ballonpiloten auch ohne Voranmeldung Gäste mit.

So wie Nico und Paul vom Ballonsportverein "Compagnie Aéronautique" aus Luxemburg, die auf der heutigen Wettfahrt einen Ballon-Novizen von der Presse an Bord haben. Ein so genannter "Fly ins" steht auf dem Programm, das Ziel besteht darin im acht Kilometer entfernten Kössen ein Zielkreuz möglichst präzise mit einem Markierungs-Säckchen zu treffen. Vor allem aber handelt es sich bei der Tour um eine zweistündige Naherholung am strahlend blauen Himmel, wie Nico und Paul, beide Anfang 50, versichern. Seit sie vor 15 Jahren ihren Ballonpilotenschein erworben haben, zieht es sie immer wieder in die Lüfte. Für das Treffen im Kaiserwinkl sind sie 700 Kilometer gefahren, im Gepäck ihre Ehefrauen Lyddie und Rita sowie der Kleinballon ihres Vereins. "Die Winterfahrten in den Alpen sind immer etwas ganz besonderes", sagt Nico. "Die Natur ist herrlich, außerdem sind die Wetterbedingungen ideal. So richtig versteht man das erst, wenn man selbst mal gefahren ist."

Mit etwa zwei Dutzend anderer Teams haben sie sich an diesem Morgen eine abgelegene Alpenwiese in der Nähe des Dörfchens Rettenschöss als Startplatz ausgesucht. Es ist ein tolles Spektakel: Überall wuchten vermummte Gestalten gut verpackte Ballonkörbe von den Ladeflächen ihrer Anhänger, zerren und zupfen an meterlange Ballonseide herum, immer wieder züngeln die mächtigen Flammen der Brenner in die klare Alpenluft. Rauschen erst einmal die Aufrüstgebläse, dauert es nicht mehr lang, bis sich die blauen, roten, grünen Schläuche füllen und wie bunte Riesenquallen über die Schneedecke kriechen. Am Ende der Zufahrtsstraße drängelt ein "Bitte ein Bit"-Ballon die silberne Flugkugel eines Bielefelder Autohauses beiseite, auf einem anderen werben deutsche Ordnungshüter: "Polizei NRW - Beruf im Aufwind."

Viel heiße Luft

Die Routiniers aus Luxemburg brauchen kaum länger als eine halbe Stunde, um ihr Fluggerät auf stattliche 30 Meter aufzublasen. Rund 3000 Kubikmeter Luft fasst die weiß-blaue Hülle, die aus Nylon, genauer gesagt aus Polyamid besteht. "Es handelt sich dabei um einen speziell entwickelten Synthetikstoff, der sehr hitzebeständig ist und Temperaturen von bis zu 200 Grad aushält", erklärt Nico, als sich der Ballon langsam aufrichtet. Um die Luftmassen in der Hülle anzuheizen, bedarf es viel Energie: Die liefern zwei 600 Watt starke Propangasbrenner, die in Griffreichweite auf dem Ballongestänge angebracht sind. "Jedes Aggregat verfügt in etwa über die Leistung eines Formel1-Wagens", sagt Nico. "Aus Sicherheitsgründen führen wir zwei mit, falls einer mal ausfallen sollte." Die Technik hat ihren Preis: Rund 50.000 Euro sind nötig, bevor man mit dem eigenen Ballon abheben kann.

Im Korb - wie eh und je aus geflochtener Weide - ist es reichlich eng. Die drei Insassen stehen dichtgedrängt, müssen sich die zwei Quadratmeter Gondel mit sechs hüfthohen Gaszylindern voller Treibstoff teilen. Nico und Rita bleiben am Boden, als "Verfolger" besteht ihre Aufgabe darin, den Ballon im Auge zu behalten und später wieder einzusammeln. Wo auch immer das sein wird: "Ein Ballon lässt sich nicht direkt steuern, er treibt mit dem Wind", erklärt Paul, der kurz vor dem Start noch einmal den Wetterbericht studiert. "Allerdings lässt sich die Höhe recht genau bestimmen, so dass wir zur Navigation einfach die Luftschichten ansteuern, in denen der Wind aus der richtigen Richtung weht. Doch wo man runterkommt, weiß man beim Ballonfahren trotzdem nie."

Abheben im Weidenkorb

"Glück ab, gut Land" heißt es dann und der Ballon rauscht in die Höhe. Immer wenn Paul per Daumendruck einen der beiden Brenner anschmeißt, macht das Gefährt einen kräftigen Satz nach oben, bis zu drei Meter pro Sekunde schnell. Die ersten Minuten im Ballon sind für den Erstfahrer beklemmend. Die Enge, dicht über dem Kopf der fauchende Brenner, dessen Hitze im Gesicht brennt. Schweißnasse Hände, auch weil der Korb bei der kleinsten Bewegung der Insassen ins Wanken gerät, man traut kaum sich herumzudrehen. Lyddie dagegen beugt sich lässig zum Funkgerät: "Lyddie an Nico, Lyddie an Nico. Alles klar hier oben, wir steigen. Ihr könnt jetzt Kaffee trinken gehen."

Innerhalb kürzester Zeit ergibt sich eine völlig neue Perspektive: Der winkende Nico ist längst nur noch als kleine, schwarze Silhouette zu erkennen. Die Pick-ups stehen modellbaugroß an der langen Zufahrtsstraße aufgereiht, die eben noch so mächtigen Ballone schrumpfen auf die Größe einer bunten Pilzkolonie beim Waldspaziergang. Immer wieder ist es die Tiefe, die den Blick geradezu magisch anzieht. Die Tücke beim Ballonfahren ist, dass es einem soviel Zeit zum Nachdenken lässt. Über Ikarus zum Beispiel, oder das brennende Zeppelin in Lakehurst. Oder ganz profan darüber, dass einem vom freien Fall nur ein paar Zentimeter Weidengeflecht trennen.

Mit der Höhe vergeht die Angst. 7000 Fuß über Normal Null zeigt das kleine GPS-Gerät am Rand des Korbes an, gut 2400 Meter über Grund. Der Ballon liegt ruhig in der Luft, driftet behäbig auf einer Nordostwindschicht gen Kössen. Kein Luftzug ist zu spüren, die hochstehende Sonne wärmt das Gesicht, nur die Zehenspitzen sind ein bisschen kalt. Die ganze Naturschönheit des Kaiserwinkl liegt einem nun zu Füßen: Die kilometerweite Kiefernwälder, die sich als dichter grüner Teppich über die Kuppen des "Zahmen Kaisers" ziehen, der Walchsee, zugefroren und loipenumrandet. Im Südwesten schlängelt sich der Inn als blaues Rinnsaal durch manchmal grüne, manchmal weiße Wiesen der deutschen Grenze entgegen.

Doch nur wer den Kopf hebt, wird mit dem Über-Blick belohnt: 100 Kilometer Fernsicht, soweit das Auge reicht, hinweg über die schroffen Kanten des "Wilden Kaisers" und die zahllosen gepuderten Gipfel der Kitzbühler Alpen bis hin nach Kärnten, wo sich der Großglockner in ein luftiges Kleid aus Schleierwolken hüllt. Im Süden schimmert der Chiemsee in türkis grün. Das Auge besäuft an der alpinen Ästhetik, der Erstfahrer gerät unweigerlich in Höhenrausch. Längst ist alles unbedeutend geworden, was da unter einem kreucht und fleucht. Sorgen, Probleme, Alltag. Auf Augenhöhe mit dem Hochgebirge atmet man Erhabenheit.

Die Erben Montgolfières

Dass es "Ballon fahren", und nicht "Ballon fliegen" heißt, geht auf die Kindertage des Himmelssportes zurück: Die Pioniere rund um die Gebrüder Montgolfière hatten Ende des 18. Jahrhunderts die Vorstellung, ein Ballon könne sich am Himmel wie ein Schiff im Wasser bewegen, quasi fahren in einem Meer aus Luft. Auch heute noch reagieren Ballonsportfreunde ziemlich pingelig, wenn man "fliegen" sagt, fordern sofort eine Runde Sekt für das ganze Team. Die Pedanterie hat ihren Grund: Mit fliegen, im landläufigen Sinne, hat das schwerelose Dahingleiten nicht viel gemein. Keine Glasscheibe behindert das freie Atmen, die Landschaft rauscht nicht vorbei, gemächlich lassen sich immer neue Details fokussieren. Schließt man die Augen glaubt man sich eher an Deck einer Luxusyacht als in einem Flugzeug.

Doppelhüpfer im Tiroler Schnee

Die Wettfahrt wird das Team aus Luxemburg heute nicht gewinnen. Zwar hat Paul den Ballon ziemlich genau über das rote Zielkreuz auf dem Sportplatz in Kössen manövriert, für einen Abwurf des Säckchens steht der Ballon aber viel zu hoch. Als Paul am Seil für den Parachute - ein beweglicher Lappen, der die Ballonhülle oben abschließt - zieht und den Sinkflug einleitet, wird der Ballon von einem Nordostwind erfasst und abgetrieben. "Du fliegst in die falsche Richtung", witzelt Nico per Funkgerät, während Paul noch mit dem Wind kämpft, immer wieder Brenner und Parachute in schneller Folge betätigt. Vergebens, der Ballon wird Opfer seiner Trägheit. Viel zu lange würde ein erneuter Anflug dauern. Und so endet der Höhenrausch mit einem etwas unsanften Doppelhüpfer im Tiroler Schnee.

Waschechter Ballonadel

Zum Abschluss steht noch ein besonderes Ritual ab: die Ballonfahrertaufe, noch so eine Tradition aus einer Zeit, als das Ballonfahren allein Adeligen vorbehalten war. Dem knienden Erstgefahrenen wird dafür eine Locke vom Haupthaar angesengt, die mit Sekt gelöscht wird ("Das, was uns in die Luft bringt" und "das edle Tröpfchen, das wir so gerne trinken."). Danach erhält man einen neuen Namen, den man nie wieder vergessen darf und wird in den Stand des Ballonfahreradels erhoben. Und schören muss man, dass man nie wieder "Ballonfliegen" sagt. Doch das passiert einem nach einer solchen Fahrt garantiert nicht mehr.

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