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Animateure dringend gesucht: Knochenjob im Paradies

Für Cluburlauber gehören Animateure zum Urlaubsalltag. Sie kümmern sich um das Kinderprogramm und die allabendliche Bühnenshow. Sie tragen die Verantwortung für ungetrübte Ferienfreuden. Die Ziele der angehenden Animateure sind oftmals ganz andere. Szenen vom Casting.

Von Swantje Dake

Ein weißes DIN-A-4-Papier liegt vor Birte. Sie soll daraus etwas basteln. "Irgendetwas", hat Markus Neiken gesagt. Mehr Hilfestellung gibt er nicht. Zehn Minuten hat die 26-Jährige Zeit. Sie legt eine Ecke auf die andere, Falz glattstreichen, nächste Ecke auf Ecke.

Markus Neiken sucht Animateure. Im Sommer sollen seine Kandidaten die Urlauber in den Clubs des Reiseveranstalters Alltours unterhalten. Sportturniere organisieren, Kinder betreuen, in der allabendlichen Unterhaltungsshow auf der Bühne stehen. Mit der Origami-Arbeit sollen die Kandidaten des Alltours-Animateur-Castings zeigen, dass sie kreativ sind, aus wenig Material viel entstehen lassen, dass sie ihre Idee schnell umsetzen und andere Menschen für sich begeistern können. "Es ist schwierig, gute Animateure zu finden", so Neiken, "wir casten lange". Der 40-Jährige ist eigentlich Sportlehrer, war selbst Kinderanimateur.

Weitaus weniger aufwendig als TV-Show

320 Animateure benötigt Alltours pro Jahr. Gut ein Drittel von ihnen absolviert bereits die zweite Saison in einem Urlaubsclub oder ist sogar noch länger dabei. Im November beginnen die deutschlandweiten Castings. Singen, tanzen, präsentieren - das erinnert an die Anforderungen diverser Fernsehshows. Doch die Castings der Reiseveranstalter sind weniger aufwendig als TV-Produktionen. Ein angestaubter Veranstaltungsraum eines Hamburger Hotels in Bahnhofsnähe reicht als Bühne. Die Stuhlkissen durchgesessen. Die Gardinen ausgeblichen. Kein Scheinwerferlicht, dafür Spiegel an Decke und Pfeiler. Zuschauer gibt es keine. Zwei Alltours-Mitarbeiter ersetzen Bohlen & Co. Die Entscheidung fällt nicht in Wochen, sondern innerhalb weniger Stunden. Die Kandidaten müssen weder vorsingen noch vortanzen. Auch wenn das zu ihrem künftigen Tagesprogramm gehören wird.

Birte will sich in diesem Sommer um den Urlaubernachwuchs kümmern. Die Kielerin hat Sportwissenschaft studiert und arbeitet seit ihrem Examen im Dezember in der Praxis eines Physiotherapeuten. Aber sie will raus, weg aus Deutschland und "die Welt sehen". "Wann nicht jetzt, wann dann" ist das Motto der 26-Jährigen.

Mit Origami-Arbeit in die Sonne

Deswegen faltet sie wie zu besten Kindergartenzeiten ein Schiff - und muss es anschließend zwei Minuten lang anpreisen. Sie verkauft es als Ausflugsboot, schwärmt von der wunderschönen Inselwelt, die man damit erkunden kann. Ihr blonder Pferdeschwanz wippt nervös. Rote Flecken breiten sich am Hals aus. Zwei Minuten können lang werden. Dafür nimmt Birte die Fremdsprachen-Hürde locker - Begrüßung und Vorstellung auf Englisch.

Damit haben die anderen Kandidaten mehr Probleme. Sieben hatten sich für das Casting angekündigt. Nur drei sind gekommen. Markus Neiken registriert das mit einem Schulterzucken. Kandidatin Katharina aus Schleswig-Holstein arbeitet mit behinderten Kindern. Jetzt möchte sie aber in die Sonne. "Ich mag alles, was ein Animateur machen muss", behauptet die 21-Jährige in radebrechendem Englisch, trippelt von einem aufs andere Bein. Kandidatin Nummer drei, Klaudia aus Niedersachsen, hat im vergangenen Jahr für einen großen Reiseveranstalter auf Rhodos gearbeitet. In diesem Jahr will sie wieder in einen Club, diesmal für Alltours. Mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen erhofft sie sich.

Die sind auf jeden Fall hart - egal in welcher Ferienanlage der Animateur am Pool steht. Ein Fünfzehn-Stunden-Tag und eine Sechs-Tage-Woche sind üblich. "Sie werden keine zehn Minuten Ruhe haben, sind immer Ansprechpartner und Dienstleister", sagt Neiken. Man könnte es als Warnung auffassen. Die Kandidatinnen scheinen nicht schockiert. Nach einem Tag mit viel Programm tanzen und singen die Animateure abends in der Club-Show. Gegen 24 Uhr dürfen sie mit Feierabend rechnen - wenn nicht eine Nachtprobe angesetzt wird.

Lieber Kinderhüten als Burgerbraten

Die drei Mädels wissen bereits nach zwei Stunden genau, was auf sie zukommt. Die 19-jährige Klaudia schreckt das nicht. Zurzeit brät sie für eine Fast-Food-Kette Buletten. Da ist die Aussicht auf Arbeit mit Kindern unter der Sonne verlockend - erst recht der Gedanke an gemeinsame Zeit mit vielen anderen jungen Animateuren. Nur: Vier Monate wie im vergangenen Jahr müssen es nicht mehr sein. "Das war einfach zu viel", sagt sie und spielt in ihren blonden Haaren, deren Spitzen braun gefärbt sind.

Knapp über 1000 Euro im Monat bekommen Alltours-Animateure, wenn sie sich für eine Saison verpflichten, für drei Monate oder weniger gibt es 750 Euro monatlich. "Man macht es nicht fürs Geld", sagt Klaudia. Die 19-Jährige klingt plötzlich abgeklärt. Die schlechten Erfahrungen vergesse man schnell - und freue sich über Weihnachtskarten der Kinder.

Ob sie die auch in diesem Jahr bekommt, hängt auch von einem schriftlichen Test und einem Einzelgespräch ab. Wie heißt der Bundespräsident? Wie viele Sätze hat ein Damentennismatch? Wo steht der Petersdom? Fragen wie diese müssen Animateure beantworten. Zum Abschluss müssen die drei Kandidatinnen ihre Teamfähigkeit unter Beweis stellen: Zwanzig Minuten haben sie Zeit, um einen Mottotag mit Spielen für Kinder auszuarbeiten. Auch hier gibt es kaum Vorgaben. Nur so viel: "Wenn Sie ein Volleyballspiel organisieren, reicht es nicht, wenn Sie den Ball reinrollen", sagt Markus Neiken. Eine realistische Situation - wenig Vorbereitungszeit, wenige Materialien, um viel Zeit möglichst kreativ und unterhaltsam zu füllen.

Die drei Kandidatinnen entwickeln eine Rallye rund um den Pool der Fantasie-Ferienanlage, machen sich Gedanken über den Speiseplan und tüfteln noch ein Sportturnier aus. Auf einem weißen Blatt skizzieren sie den perfekten Urlaubstag und preisen ihre Idee an. Ob sie singen und tanzen und quengelige Kinder aufmuntern können, haben sie nicht unter Beweis gestellt. Dafür muss ein einwöchiges Seminar auf Mallorca ausreichen. Der Ernstfall wird dann in den Urlaubsanlagen Südeuropas geprobt - notfalls nach Mitternacht, wenn die Urlauber seelig schlummern.

Weitere Infos:
Viele Veranstalter suchen für die kommende Saison noch Animateure - bei allen gibt es Casting-Veranstaltungen. Tui schickt bis zu 700 Animateure in 112 Ferienanlagen. FTIsucht für diesen Sommer 30 junge Menschen für sieben Hotels. Der Veranstalter Thomas Cookwählt im Schnitt 300 Animateure aus, hat für diesen Sommer sein Team komplett. Bewerbungen sind wieder ab August möglich. Bei Thomas-Cook und Tui-Castings sind Rollenspiele, einstudierte Tanz- und Gesangseinlagen Teil des Programms.
Zwischen 18 und 40 Jahre sollten Animateure sein. Die meisten sind zwischen 20 und 28. "Man muss kein Clown sein, aber gern im Mittelpunkt und auf der Bühne stehen", so Alltours-Caster Neiken. Wer in der Kinderanimation arbeiten möchte, muss kein ausgebildeter Erzieher sein. Erfahrung in der Arbeit mit Kindern reicht aus. Sportanimateure müssen Trainerscheine haben. Bei Alltours erhalten Animateure einen deutschen Arbeitsvertrag. Andere Reiseveranstalter arbeiten mit Schweizer Verträgen, zahlen den Lohn in Schweizer Franken.
Kost und Logis sind zumeist frei, wobei Animateure häufig in Doppelzimmern auf der Anlage wohnen. An- und Abreise sowie die Vorbereitungsseminare werden gezahlt. Anrecht auf Urlaub haben Animateure, zum Teil bekommen sie Flüge und Reisen des Unternehmens günstiger.
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