HOME

Bootsurlaub in Großbritannien: Schmale Boote, großes Kino

Das ist die endgültige Entdeckung der Langsamkeit: mit gemütlichen vier Knoten auf einem Wohnboot durch das Kanalnetz Großbritanniens zu tuckern.

Von Cornelia Fuchs

Granny Mo's scharfe Chili-Soßen sind so legendär, dass sich vor ihrem Tea Room an der Schleuse in Bradford on Avon der Bootsverkehr regelmäßig staut. Seltsame Ungetüme drängen hier auf dem Kennet-und-Avon-Kanal an den Kai. Einige Schiffe messen mehr als 20 Meter - manche Steuermänner müssen mit Pinne und Augenmaß ordentlich kämpfen, bis sie ihre Boote festmachen. Auf der kleinen Plattform am Heck können sie die Bugspitze nur erahnen.

Narrowboats heißen diese Schiffe, weil sie bei all ihrer Länge mit 2,20 Metern so schmal sind, dass man in der Bordküche den Bauch einziehen muss, um aneinander vorbeizukommen. Ein solches Narrowboat zu mieten ist in England zum Ferien-Geheimtipp geworden.

Die routinierten Bootsurlauber haben die metallene Ruderpinne im Rücken und bewegen sie ohne Hast nach links oder rechts. Ruhig gleitet ihr Boot auf dem schmalen Kanal und nähert sich Granny Mo's bunten Sonnenschirmen. Es legt mit einem leichten Rums an und wird festgezurrt. Nach Tee und Lunch wartet die Schleuse in Sichtweite und dahinter die Kanalstrecke bis nach Bath oder gar Bristol.

Anfänger am Steuer

Neulinge sind sofort zu erkennen. Sie werfen die Pinne mit ganzer Kraft und voller Hektik hin und her. Die Schiffe beeindruckt das wenig. Majestätisch schwimmen sie weiter unter Buchen und Eichen Richtung Schleuse, wobei sie aber erstaunlich schnell auf die andere Uferseite wechseln. Dies wiederum verleitet die Steuermannslehrlinge zu panischer Gegenreaktion. Das Kielwasser hinterlässt eine Zickzackspur, die allen Beobachtern meldet: Achtung, Anfänger!

Nach einem halben Tag haben die meisten die Aufgeregtheit abgelegt und sich den Booten und ihrer ganz eigenen Zeit angepasst. Und die ist auf dem ausgedehnten britischen Kanalnetz bei vier Knoten Höchstgeschwindigkeit äußerst nervenschonend. Quer durch England können Urlauber schippern, vorbei an malerischen Dörfern bei Oxford oder Bath, durch die Hügel von Wales und an den satten Wiesen Südenglands entlang. Gar hinauf ins schottische Edinburgh reichen die Kanäle. Wer bis da oben schippern will, sollte allerdings fünf Wochen Urlaub planen.

Vom Boot aus entdeckt man die Landschaft ganz neu: Das Ufer leuchtet grasgrün, graugrün, türkis und schnittlauchgrün. Wer im Kennet-und-Avon-Kanal nach einer Teezeit bei Granny Mo's die Schleuse durchfährt, wird schon bald von einem kühlen Hauch angeweht, wenn das Boot das erste Waldstück passiert. Es riecht nach wildem Knoblauch, feuchter Erde und wucherndem Buschwerk. Wenig später passiert man wieder eine offene Sommerwiese, am Ufer wartet schon das nächste Pub, das mit selbst gebrautem Ale wirbt.

Überbleibsel der Industrialisierung

Als die britischen Kanäle im 18. Jahrhundert angelegt wurden, dachte niemand an entspannte Urlaubsreisen. Die Wasserstraßen waren ein Herzstück der Industrialisierung. Auf ihnen wurde, zunächst von Pferden gezogen, Kohle aus Wales nach Mittelengland und Sandstein von Bath nach London transportiert.

Erst mit dem Bau der Eisenbahnlinien verringerte sich der Verkehr auf den Kanälen, die letzten Kutter fuhren in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Dann verfielen die Wasserwege, Uferböschungen rutschten in die kaum sechs Meter breiten Rinnen und machten sie auf weiten Strecken unpassierbar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen Einzelkämpfer, ausgediente Transportboote zu Wohnschiffen auszubauen. "Die sind damals in den Kanälen über Müll und Dreck gefahren", sagt Andrew Newham, 64, einer der englischen Kanalpioniere. Er kann von der großen Trockenheit 1976 erzählen, als er drei Wochen bei Oxford im Schlamm feststeckte. Er hat jahrzehntelang Mietboote auf Vordermann gebracht, hat auf einem Narrowboat geheiratet, heute bringt er Interessierten in Kursen alles über die Handhabe der Schiffe bei. "Zwar braucht man auf den Kanälen keinen Bootsführerschein - aber meine Schüler wollen nicht den Anfang ihres Urlaubs damit verbringen, überall gegenzustoßen", sagt Newham.

Leben im Boot

Den Kennet-und-Avon-Kanal zwischen Reading und Bristol haben Freiwillige wie Newham über mehr als 25 Jahre wieder befahrbar gemacht, haben Ufermauern befestigt, Fahrrinnen ausgehoben, Uferwege neu angelegt. Besonders aufwendig war die Renovierung der Schleusen von Caens Hill bei Bath. 29 folgen hier in kurzen Abständen aufeinander, 16 davon liegen so dicht aneinander, dass sie wie eine Treppe für Riesen aussehen. Wer hier mit seinem Boot hinauf oder hinab will, darf mit mindestens fünf Stunden und einem ausgewachsenen Muskelkater rechnen: Die tonnenschweren Schleusentüren und die jeweiligen Zu- und Abläufe des Wassers müssen alle von Hand bewegt werden.

Wayne Glover und Claire Longdon, ein junges Ehepaar aus Reading, haben sich ihr Boot "Beatrix" vor drei Jahren gekauft und zur dauerhaften Wohnung ausgebaut. Jahrelang hatten sie zuvor jeden Sommer in Mietsbooten verbracht. Die Bootsferien wurden zur Inspiration für ein neues Leben. "Es ist schon schwierig im Winter", sagt Wayne, während er Claire dabei zusieht, wie sie eine kleine Hebebrücke auf dem Llangollen-Kanal in Nordwales herunterkurbelt. "Es ist dann so kalt, dass wir uns im Bett anziehen müssen."

Doch die Saison von Mai bis Oktober entschädigt die beiden. Gerade bereiten sie sich auf die Überfahrt des Pontcysyllte-Aquäduktes vor, der höchsten Stahl-Wasser-Brücke der Welt und eine der größten Attraktionen des britischen Kanalnetzes. Seit Juni 2009 steht sie auf der Liste des Unesco-Welterbes. Claire zückt ihre Kamera, Wayne positioniert die Pinne, und ihr 20-Meter-Boot fädelt sich in die Fahrrinne ein.

Keine 20 Zentimeter Platz bleiben an beiden Seiten bis zu den Kanalwänden. Links ragen nur fünf Zentimeter Stahl aus dem Wasser, dahinter geht es 38 Meter hinunter in ein grünes Tal und den Fluss Dee. Die Aussicht weit hinaus über die walisischen Berge ist spektakulär. Auf der anderen Seite der Brücke wartet der nächste Tea Room in Llangollen mit selbst gebackenen Scones und Tee. Hier will das Paar festmachen für eine Nacht unter Bäumen, morgen geht es wieder zurück Richtung Liverpool. "Was braucht man mehr?", fragt Wayne Glover und tuckert, Pinne fest in der Hand, langsam von dannen.

print

Wissenscommunity