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Bozen: "Frozen Fritz" trifft Yeti-Jäger

Zwei Südtiroler kennt jeder: Ötzi, den Mann aus dem Eis, und Reinhold Messner, den Extrem-Bergsteiger. stern.de-Redakteur Jens Maier hat in Bozen beiden einen Besuch abgestattet.

Er ist nur durch ein Guckloch, gerade 30 mal 40 Zentimeter groß, zu sehen. Die Scheibe ist so dick wie Panzerglas. Der abgedunkelte Raum, der vom Rest der Ausstellung abgeteilt ist, wirkt wie der Tresorraum einer Großbank. An Metallwänden entlang stehen Besucher Schlange, um einen Blick zu erhaschen. Die Szenerie erinnert an den Hochsicherheitstrakt im Tower von London, in dem die britischen Kronjuwelen untergebracht sind. Auch sie sind nur durch Panzerglas zu bestaunen. Doch hinter der Scheibe im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen verbergen sich keine glitzernden Diamanten. Bei exakt minus sechs Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent lagert dort in einem Kühlraum eine Leiche. Eine Leiche, die den Wert der britischen Kronjuwelen bei weitem übersteigen dürfte: die der Gletschermumie "Ötzi".

Nur drei Kilometer entfernt wird der Blick nicht durch eine kleine Scheibe eingegrenzt - im Gegenteil. Er schweift über Obstplantagen, Weinberge und die Etsch auf den weiten Talkessel Bozens. Und bei guter Sicht sogar bis in die Ötztaler Alpen. Jenem Ort, wo die Gletscherleiche "Ötzi" vor 16 Jahren gefunden wurde. Der Ausblick ist die erste Belohnung für den beschwerlichen Weg zu Burg Sigmundskron. Majestätisch thront das rund tausend Jahre alte rote Gemäuer über der Stadt. Besucher müssen ihr Auto im Tal stehen lassen und vom Parkplatz den steilen und schmalen Weg bis zur Burg gehen. Und trotzdem kommen sie in Scharen. Wer alle Türme der Anlage erklimmt, überwindet 400 Höhenmeter und darf sich wie ein kleiner Bergsteiger fühlen. "Das Ganze ist eine Bergtour“, sagt der Burgherr; "mein 15. Achttausender". Und nach Jahren zähen Ringens hat er ihn bezwungen und zum Teil seines Mountain Museums gemacht: Bergsteiger Reinhold Messner.

Berge: Fluch und Segen

Es ist kein Zufall, dass sich gleich zwei Museen in Bozen mit dem Thema Bergsteigen befassen. Die Hauptstadt der autonomen italienischen Provinz Südtirol ist umgeben von Bergen. Seit jeher mussten sich Menschen, die sich hier angesiedelt haben, mit dem Gebirge arrangieren. Und das bedeutete Fluch und Segen zugleich. Segen, wegen der fruchtbaren Talhänge, auf denen heute vorwiegend Wein und Obst angebaut werden. Und Fluch wegen der Gefahren, die von der Bergwelt ausgehen.

Das Südtiroler Archäologiemuseum dokumentiert diese Gefahren und gibt Einblick in die frühe Vergangenheit des südlichen Alpenraums. Höhepunkt sind der Mann aus dem Eis und seine Ausrüstung - eine Momentaufnahme eines kupferzeitlichen Mannes, der sich im Hochgebirge bewegte. Das Messner Mountain Museum Firmian auf Schloss Sigmundskron ist Teil der vier Museen umfassenden Ausstellung Messners in Juval, Ortles und Dolomites. Auf Sigmundskron wird gezeigt, "was der Berg mit einem Menschen macht", sagt Messner. Das Museum befasst sich mit der Geschichte der Bergbesteigung.

Expeditionsreliquien erinnern an Sieg und Niederlage

Im zentralen und höchsten Gebäude der Burg, dem Palas, liegt es: Das gerissene Seil von Lionel Terray. Es zeugt auf tragische Weise davon, was der Berg im schlimmsten Fall anrichten kann. Der französische Bergsteiger war erfahren. Er war an der ersten Besteigung eines Achttausenders beteiligt. Und dennoch passierte es 1965 beim Versuch, die französischen Voralpen zu überwinden: Im Vercors-Massiv stürzte er ab und verunglückte tödlich. Das gerissene Seil ist heute Ausstellungsstück in Messners Museum. Neben anderen Besteigungsreliquien: eine Haarlocke des Mount-Everst-Erstbesteigers Sir Edmund Hillary, das Eiger-Biwak des Deutschen Anderl Heckmair und Reinhold Messners Everest-Anzug sind Teil der Ausstellung zur Geschichte des modernen Bergsteigens.

Nur mit Mütze, Fellmantel, einem Paar Beinkleider, einem Lendenschurz aus Leder sowie mit einem gefütterten Paar Schuhe bekleidet stieg vor 5000 Jahren "Ötzi" in die eisigen Höhen der Schnalstaler Gletscher. Mit seinen Waffen - Pfeil und Bogen, ein Beil und Dolch - konnte er sich offenbar nicht mehr zur wehr setzen. "Ötzi" muss einen schmerzhaften Tod gehabt haben. Wissenschaftler sind sich heute sicher, dass er ermordet wurde. In seiner linken Schulter ist eine Pfeilspitze nachgewiesen worden, die ihn tödlich verletzt haben muss. Die Ursache für den gewaltsamen Tod ist ungeklärt und das größte Rätsel, dass die Gletschermumie bis heute umgibt.

Der Fund "Ötzis" und damit der Aufbau des Südtiroler Archäologiemuseums waren purer Zufall. Die deutschen Bergwanderer Helmut und Erika Simon aus Nürnberg hatten die Leiche 1991 entdeckt. Als klar wurde, dass man es mit einem über 5000 Jahre alten Gletscherbewohner zu tun hatte, begann die "Ötzi"-Euphorie. Die Leiche wurde weltberühmt, in den USA gab man ihr den Spitznamen "Frozen Fritz". Österreich und Itailen stritten sich jahrelang darum, wer den Mann aus dem Eis behalten darf bis fest stand, dass er sich auf italienischem Staatsgebiet in Südtirol befunden hatte. 1998 wurde dann das eigens für Ötzi erbaute Museum in Bozen eröffnet - zur Begeisterung der Südtiroler, die ihren Urahn gerne in der Stadt aufnahmen.

Proteststurm gegen einen Nationalhelden

Ganz so einfach hatte es Reinhold Messner mit seiner Idee eines Mountain Museums auf Sigmundskron nicht. Das Schloss ist eine Ikone des Südtiroler Nationalbewusstseins. Hier klagte der legendäre Landeshauptmann Silvius Magnago auf einer großen Kundgebung im Jahre 1957 die Rechte der Deutsch sprechenden Minderheit ein, die das demokratische Nachkriegsitalien allen Versprechungen zum Trotz so missachtete. Was folgte, waren Sprengstoffanschläge, beinah ein Volksaufstand und endlich, nach langen, zähen Verhandlungen, der vermutlich beste Autonomiestatut der Welt.

Ausgerechnet hier, so setzte es sich der Bergsteiger in den Kopf, sollte das Herzstück seiner Bergmuseen entstehen. Messner ist in seiner Heimat zwar berühmt, aber nicht unbedingt beliebt. Hasstiraden in Tageszeitungen musste er über sich ergehen lassen, weil er angeblich ein Nationaldenkmal für seine Bergsteiger-Ideen missbrauchen wollte. Ein Trick brachte die Kritiker schließlich zum Schweigen. Die Verpachtung der Burg wurde ausgeschrieben. Voraussetzung an den Pächter: Keine Zuschüsse zur Unterhaltung der Burg in den nächsten 30 Jahren. Nur Messner war bereit, das Risiko zu tragen. "Es kam mich teurer zu stehen als alle meine Himalaya-Expeditionen", sagt Messner heute über sein Museumsprojekt. Auch wenn keine Gefahr für Leib und Leben bestand, sagt er, "wirtschaftlich hätte ich abstürzen können".

Ötzi gegen Messner

Doch sein Mut ist mal wieder belohnt worden. Rund 60.000-Besucher kamen im letzten Jahr in seine Museen. Ein fünftes, das sich mit den Bergvölkern befasst, ist in Planung. Und seine Botschaft, dass wir die Berge missbrauchen, indem wir so massenhaft hinaufsteigen und das Gebirge durchbohren und unten durchfahren, wenn es uns im Weg steht, findet im Zeichen des Klimawandels immer mehr Zuhörer. Die "Ötzi"-Mania hingegen hat in den letzten Jahren nachgelassen. Mit über 240.000 Besuchern im Jahr ist er zwar klar Besuchermagnet Nummer eins - er muss sich dennoch warm anziehen. Wenn Messner sich was in den Kopf gesetzt hat, ist er nicht aufzuhalten.

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