Expeditionsreise Kleines Schiff auf großer Fahrt


Auf der 48 Meter langen "Hanse Explorer" werden Seeleute ausgebildet. Und dann ist auf dem Expeditionsschiff noch bequem Platz für zwölf Passagiere, die dem Kapitän und dem Koch über die Schulter schauen und sich in Routenplanung, Navigation und Küchenarbeit einmischen dürfen. Wie bei dieser Island-Reise.
Von Peter Pursche

"Hab ich euch eigentlich schon erzählt, wie ich mal 3500 Tonnen Dosenmilch nach Bengasi geschippert hab?" Käpt’n Ewald schaut in die Runde. Mit dem schneeweißen Vollbart, der aus dem Nebel der Doggerbank gewebt worden sein muss, und dem marineblauen Pullover gibt er einen Bilderbuchkapitän ab. Hände in den Taschen, Nase im Wind. Nein, die Geschichte mit dem Milchtransport nach Libyen, die hatten wir noch nicht. Aber sie passt in die Reihe seiner anderen Storys: etwa die von der Blinddarmnotoperation, die Ewald wegen Zivilisationsferne und mangels Arzt an Bord nach Funkanweisung selbst vornahm ("ist nicht so schwer, man muss nur so lange am Darm zuppeln, bis man den Übeltäter gefunden hat, und dann - zack - abschneiden") oder die von seinem kleinen Ausflug auf dem Surfbrett zwischen antarktischen Eisbergen ("kann sein, dass ich der südlichste Surfer der Welt bin").

Wie die Enkel von TV-Käpt’n Blaubär, die gerade von den Westwindpocken erzählt bekommen, sitzen wir am großen Teakholztisch, süchtig nach der nächsten Geschichte, aber nie ganz sicher, ob Fahrensmann Ewald Brune die Wahrheit erzählt oder Seemannsgarn spinnt. Die Runde an der Tafel ist überschaubar: Zehn Passagiere sind wir, nur insgesamt zwölf haben Platz in den sechs Gästekabinen der "Hanse Explorer". Der auf anderen Kreuzfahrtschiffen schwer begehrte Captain’s Table steht hier jeden Tag auf dem Programm, morgens, mittags und abends. Das weiss-blaue Stahlschiff "Hanse Explorer", das wie eine Mischung aus geschrumpfter Oligarchenyacht und dem Expeditionsdampfer "Calypso" des Meeresforschers Jacques Cousteau wirkt, ist 48 Meter lang, 10 Meter breit, 13 Knoten schnell - und äußerst stabil. Der Germanische Lloyd hat ihm die Eisklasse E3 bestätigt, damit kann das Schiff noch durch 80 Zentimeter dickes Eis pflügen und ist für die Polarregionen und die Nordwestpassage bestens gerüstet.

Passagiere entscheiden wohin die Reise geht

Wir zehn Passagiere sind im isländischen Keflavík an Bord gegangen, eine Stadt, die niemand beachten würde, wäre hier nicht Islands internationaler Flughafen - ein idealer Ort zum zügigen Wegfahren. Gleich beim Begrüßungssekt im Salon haben wir das förmliche Sie über Bord geworfen, wohl ahnend, dass auf so einem übersichtlichen Schiff Nachnamen und Titel albern wären. "Herr Dr. Ypsilon, darf ich Sie auf einen Zwergwal an Backbord aufmerksam machen?" Nee, nee. Also befährt man zusammen mit den frischen Bekannten Friedrich, Elisabeth, Heimo, Astrid, Bernd, Renate, Ute, Manfred und Gunnar Islands Küste, und dass man zum Ende der Reise erfährt, dass sich hinter den Namen unter anderem ein Vorstandsvorsitzender, die Präsidentin eines Rechnungshofes, eine ehemalige Landtagsabgeordnete und ein sehr adliger Agrarunternehmer verbergen - geschenkt. An Bord herrscht eine angenehme Hemdsärmeligkeit, die auf Titel, Dresscode und festgefügte Tagesprogramme verzichtet. Genauso wenig gibt es Pianisten, Animateure oder Cruise Directors, ja, es weht sogar eine gewisse Basisdemokratie durch das Schiff. Abends, beim Dinner, können die Gäste ihre Wünsche äußern, wohin die Reise am nächsten Tag gehen soll. Wenn Ewald Brune entscheidet, dass die Tour navigatorisch möglich ist, und das Wetter mitmacht, dann bestimmen die Passagiere tatsächlich, wohin die Reise geht.

Mit zehn Knoten Reisegeschwindigkeit schippert die "Hanse Explorer" durch den Atlantik, am ersten Tag zu den Westmännerinseln vor der Südküste. Ziel ist die Insel Heimaey mit der gleichnamigen Hafenstadt. Die See ist nur mäßig bewegt, im Schiffsbauch gleicht eine Antirolling-Anlage das Schlingern aus, indem sie große Wassermengen zwischen zwei Tanks hin und her pumpt. Der 100-Seemeilen-Törn bietet gute Gelegenheit, das Schiff zu inspizieren. Die sechs Außenkabinen sind komfortabel und zweckmäßig, jede verfügt über Flachbildschirm und CD-Spieler. In wenigen Sekunden ist man von hier aus an der frischen Luft. Auf dem Sonnendeck stehen Liegestühle, auf dem Passagierdeck befinden sich der gemütliche Salon mit Sofaecke und Bar und das Restaurant. Dort wird am großen Teaktisch gegessen. Unten im Mannschaftsdeck kann man sich jederzeit eine Sauna mit Blick durchs Bullauge aufs offene Meer anheizen oder auf einem Hometrainer schwitzen. Schilder, auf denen "Eintritt verboten" steht, gibt es auf dem ganzen Schiff nicht.

Viel Auto für sehr wenig Straße

Nachmittags um zwei Uhr tauchen die Westmännerinseln am Horizont auf. Als im Januar 1973 auf der einzig bewohnten Insel Heimaey völlig unerwartet ein Vulkan ausbrach, wurden alle 5300 Bewohner der gleichnamigen Hauptstadt evakuiert. Ein riesiger Lavastrom zerstörte 400 Häuser, ein Drittel der Stadt. Die komplette Insel wurde meterhoch mit Asche bedeckt. Ein halbes Jahr nach dem Ausbruch kehrten die ersten Bewohner wieder zurück und begannen mit den Aufräumungsarbeiten. Heute hat Heimaey wieder 4000 Einwohner. Mit einem geliehenen Motorroller ist die drei Kilometer lange Ringstraße schnell abgefahren. In der schroffen Lavalandschaft, über die sich nur stellenweise ein gnädiger grüner Schleier gelegt hat, findet das Auge wenig Trost. Am Ortsrand hat man begonnen, zehn verschüttete Häuser aus Lava und Asche freizukratzen. Hier soll als Gedenkstätte und Freilichtmuseum ein "Pompeji des Nordens" entstehen. Überraschend die vielen Porsche Cayennes und anderen teuren SUVs, denen man begegnet - sehr viel Auto für sehr wenig Straße. Die dicken Karren belegen, dass der Fischfang - einzige Einnahmequelle der Insel - immer noch kräftig Geld bringt.

So unwirtlich es draussen ist, so gemütlich ist es wieder an Bord. Chefkoch Jérôme Logassi fährt im Rahmen des fünfgängigen Menüs heute wahlweise Dorschfilet mit Kapernsauce oder Perlhuhnbrust mit karamellisierten Trauben auf, was angesichts des Aschehaufens da draußen extra köstlich schmeckt. Die Spitzenleistung der Küche ist fast unglaublich, denn in Jérômes Kombüse arbeiten unter seiner Anleitung fünf Trainees, alle von den Philippinen und alle mit dem Wunsch, selbst einmal Küchenchef auf einem Schiff zu werden. "Manchmal ist das zum Verrücktwerden", sagt Jérôme, "weil die Jungs viele unserer Lebensmittel gar nicht kennen." Im Schiffsregister ist die "Hanse Explorer" als Training Vessel, als Ausbildungsschiff ausgewiesen. Neben den sechs Mann Stammbesatzung sind noch zwölf Azubis an Bord, die zu Offizieren, Schiffsmechanikern, Nautikern, Stewards oder eben bei Jérôme zu Köchen ausgebildet werden. Der Bremer Reeder Peter Harren, der 38 Frachter und Tanker auf den Weltmeeren dirigiert, ließ das Ausbildungsschiff bauen, weil es in der boomenden Seefahrt immer schwerer wird, Personal zu finden. Dass bei dieser Unternehmung auch noch zahlende Passagiere zugelassen werden könnten, fiel ihm erst während der Planung ein.

Kann man mal probieren

Nun genießen die Passagiere seines Schiffes einen Grad der Verwöhnung, wie er sonst nur auf Luxus-Privatyachten üblich ist: Für zwölf Passagiere sorgen sechs Köche und drei Stewardessen. Zum Dessert streift das Tischgespräch die Insel Grönland, und als jemand erwähnt, wie gern er dort mal hinfahren würde, und alle anderen "Ich auch, ich auch" sagen, brummelt Ewald Brune überraschend: "Können wir ja mal probieren, an die Eisgrenze ranzufahren ..." Mit der Aussicht, morgen nach Grönland zu cruisen, schmeckt der Abendwhisky im Salon doppelt gut. Als aber plötzlich einer aus der Runde bei einem flüchtigen Blick aufs Meer Orcas gesichtet haben will, stürzen alle nach draußen, Ferngläser, Video- und Digitalkameras im Anschlag. Tatsächlich, eine ganze Schule begleitet das Schiff, leider in weiter Entfernung. Vielleicht waren es Verwandte von Keiko. Der berühmte Orca aus dem Film "Free Willy" sollte vor zehn Jahren in einer abgetrennten Bucht am Hafen von Heimaey an ein Leben in Freiheit gewöhnt werden. In der bringt ein kräftiger Wind die "Hanse" zum Stampfen, dagegen kann die beste Antirolling-Anlage nichts ausrichten. Manchem Passagier, der in seinem Bett hin und her rollt, wird ganz schön blümerant. War das wirklich so eine gute Idee, Richtung Grönland zu fahren?

Am Morgen hat sich die See zwar beruhigt, aber aus dem Grönlandausflug wird nichts. Ewald hat über Nacht die Daten besorgt. "Es dauert zu lange, bis wir am Eis sind. Die Eisgrenze hat sich zu weit zurückgezogen." Klimawandel? "Jo." Im Dreimeilenabstand geht es an der wuchtigen Felsenküste erst Richtung West, dann, nachdem Keflavík passiert ist, Richtung Nord. Immer wieder erheben sich an Land große weiße Wolken - Wasserdampf aus heißen Quellen. Das Meer ist nun spiegelglatt, stundenlang kann man auf die See und die schroffe, baumlose Küste schauen. Wie geht der isländische Kalauer noch: Wenn du dich im Wald verirrt hast, musst du einfach aufstehen. Als wir Bjargtangar passieren, Europas westlichsten Punkt, reißt der Himmel auf, 50 Meilen später bei den Westfjorden herrscht Hochsommer, eine seltene Wettererscheinung auf einer Insel, auf der Regen von vorn oder von der Seite normal ist.

Eine Herzensangelegenheit

Die Brücke, auf der wir uns frei bewegen können, ist zum Lieblingsplatz der Passagiere geworden, und Ewald erklärt zum x-ten Mal, dass sie in dieser Konfiguration exakt den Kommandoständen riesiger Containerfrachter entspricht. Wir hören zu, wenn er mit nautischen Trainees die Route plant, und keine Landrattenfrage ist zu dumm, dass sie nicht eine ernsthafte Antwort fände. Nachmittags legen wir in Patreksfjördur an, einer Kleinststadt, in der die größte Attraktion das Hallenbad ist. Jetzt, bei Sonne und etwa 17 Grad, liegen alle Frauen des Ortes im Bikini auf der Liegewiese. Abends Seeteufel auf Blattspinat, ersatzweise gefüllter Ochsenschwanz, nachts mit warmer Jacke noch um Mitternacht an Deck. Die Sonne verschwindet im Juli hier oben kurz unterm Polarkreis nur für eine gute Stunde hinterm Horizont. Man möchte keine Minute der himmelweiten Lichtspiele versäumen. Der Blick geht in die Ferne, die Gedanken kreisen um immer weniger dummes Zeug. Eigentlich möchte man an Bord bleiben und das Schiff auf seinen nächsten Etappen begleiten: Grönland, Montreal, Nassau, Amazonas, Rio, Ushuaia, Antarktis ...

Am nächsten Tag freuen wir uns über eine riesige Walbeteiligung beim Whale Watching vor Húsavik, Nordislands charmantester Stadt mit schönen Holzhäusern und dem einzigen Penismuseum der Welt. Stundenlang umkreisen Zwerg- und Buckelwale unser Schiff, während wir versuchen, sie zu umkreisen. Kurz nach Mitternacht verlassen wir die Bucht, rechtzeitig zum Sonnenuntergang. Zum ersten Mal sehen einige von uns dann das Grüne Leuchten, ein seltenes Naturphänomen, das nur auf offenem Meer oder im Hochgebirge zu sehen ist. Für wenige Sekunden blitzt dann über der hinter dem Horizont verschwindenden Sonne ein grüner Lichtschein auf. Wer das gesehen hat, verspricht die Legende, wird in Herzensangelegenheiten nie mehr irren. Das kleine Schiff ist zu diesem Zeitpunkt schon lange eine Angelegenheit des Herzens geworden. Irrtum ausgeschlossen.

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