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Flugzeugabsturz in Kolumbien Pilot flehte um Hilfe: "Señorita, wir haben einen Treibstoff-Notfall!"

Rettungskräfte bergen Opfer am Absturzort in Kolumbien
Rettungskräfte bergen Opfer am Absturzort in Kolumbien
© COLOMBIA AIR FORCE/EPA
Der Funkverkehr mit dem in Kolumbien abgestürzten Flugzeug offenbart, wie dramatisch die letzten Minuten vor dem Unglück waren. Der Pilot schickte verzweifelte Meldungen.

Das Flugzeug mit dem brasilianischen Fußballteam Chapecoense an Bord ist wohl wegen Treibstoffmangels abgestürzt. Das teilte die kolumbianische Luftfahrtbehörde auf Basis vorläufiger Untersuchungen am Unglücksort mit. Bei dem Absturz kamen 71 Menschen ums Leben, sechs Insassen der Maschine überlebten. "Wir haben Ermittlungen eingeleitet, um herauszufinden, warum es nicht genug Treibstoff gab", sagte der für Luftsicherheit zuständige Sekretär Freddy Bonilla nach Angaben der Zeitung "El Tiempo".

Zuvor war der Funkverkehr zwischen Piloten und dem Tower des Flughafens bei Medellín bekannt geworden, der verzweifelte Szenen unmittelbar vor dem Absturz am Montagabend offenbart. 

Der Funkverkehr im Protokoll:

In den ersten Minuten scheint noch alles normal, ein anderes Flugzeug erhält vom Tower die bevorzugte Landeerlaubnis. Das kann aber 71 Menschen das Leben gekostet haben. Denn der Flieger muss in eine Warteschleife. Wenige Minuten später scheint das Problem akuter zu werden.

"Wir brauchen Priorität bei der Landung, uns wird ein Treibstoffproblem angezeigt", sagt der Pilot zu der Frau im Tower.

Immer wieder sind auch andere Piloten zu hören. Die Meldungen des Piloten werden dringlicher, fast verzweifelt. Das Flugzeug verliert an Höhe, hat am Berg "El Gordo" ("Der Dicke") nur noch knapp 2800 Meter Höhe, obwohl hier in mindestens 3000 Metern Höhe geflogen werden müsste. 

Um 21.49 Uhr (Ortszeit) setzt der Pilot einen Notruf ab.

"LaMia 933 hat einen Totalausfall, Totalausfall der Elektronik, ohne Treibstoff", sagt der Pilot. Wenige Minuten, bevor das Flugzeug vom Radar verschwindet. 

Dann folgt ein kurzes Schweigen, schließlich gibt die Frau im Tower grünes Licht zum Landen: "Freie Piste, Regen auf der Oberfläche LaMia 933, Feuerwehr alarmiert." 

Das Flugzeug scheint völlig außer Kontrolle:

"Vectores señorita, vectores a la pista", sagt der Pilot - er fordert eine manuelle Navigation durch den Tower hin zur Landebahn. Er gibt seine Koordinaten durch, sie versucht ihn zu navigieren, fragt nach der Höhe. Der Pilot: "9 mil pies, señorita", 9000 Fuß (2740 Meter). 

Er fordert wieder: "Vectores, vectores." Die Frau im Tower: "Sie sind 8,2 Meilen von der Piste entfernt." Das sind 13,2 Kilometer. Dann fragt sie: "Welche Höhe jetzt?" Keine Antwort. "Welche Position LaMia 933?" Keine Antwort. Im Tower ist man sich sofort klar, was das bedeutet, der tiefe Schock ist auf den Mitschnitten quasi zu hören.

Tanks waren leer - darum gab es keine Explosion 

Am Berg "El Gordo" finden Rettungskräfte später das in drei Teile zerbrochene Wrack. Dass das Flugzeug nicht explodiert ist, wird von Luftfahrtexperten als klares Signal gewertet, dass die Tanks praktisch komplett leer waren. Eine überlebende Stewardess hatte von ausgefallenem Licht berichtet, was die These vom restlos aufgebrauchten Treibstoff stützt. Mit ihr überlebten fünf weitere Passagiere den Absturz.

Die Mannschaft des Provinzclubs Chapecoense, vor einigen Jahren noch in der vierten Liga, war auf dem Weg zum Finalspiel um den Südamerika-Cup, die Copa Sudamericana, gegen Atlético Nacional aus Medellín. Das Erreichen des Finales war der bislang größte Erfolg in der Vereinsgeschichte, im Heimatort Chapecó war die Euphorie groß. 

Bei der Gesellschaft LaMia wurde ein Charterflieger bestellt. Das Flugzeug vom Typ Avro RJ85 startete im bolivianischen Santa Cruz, von Brasilien aus hatte die dortige Luftfahrtbehörde einen Direktflug nach Medellín nicht genehmigt. Der Jet hat eine Reichweite von 2600 Kilometern. Medellín ist rund 2450 Kilometer Luftlinie entfernt. 

kis DPA

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