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Historie: Die Legende lebt!

Drachen, Elfen, König Arthus: Wales' Geschichte strotzt nur so vor Sagen und Legenden von mythischen Wesen und Gestalten. Doch was heute durch die walisische Landschaft faucht, ist meist nur ein liebevoll gepflegtes Dampfross. Ein Rundgang.

Schon an der der Landesgrenze macht das Wappentier der Waliser den Reisenden darauf aufmerksam, dass er soeben das Reich des Roten Drachen betreten hat: "Croeso i Cymru" - Willkommen in Wales! Der Legende nach wollte der Keltenkönig Vortigern im 5. Jahrhundert eine Festung gegen die angelsächsischen Eindringlinge bauen - ein schwieriges Unterfangen, denn die tagsüber herbeigeschleppten Steine verschwanden über Nacht wieder.

Die Legende vom Roten Drachen

Der herbeigerufene Magier Merlin wusste Rat: Unter der Erde sahen seine hellseherischen Augen zwei Drachen, einen roten und einen weißen. Als Vortigern nach ihnen graben ließ, fielen die beiden übereinander her - ein Zweikampf, aus dem der rote Drache als Sieger hervorging. Merlin wertetet dies als Prophezeiung: Die Kelten werden die Angelsachsen zurückdrängen. Doch erst in den Bergen von Wales konnten sich die Kelten behaupten. Als Protagonist dieses Widerstandes ist heute noch der sagenhafte König Arthus berühmt - vielleicht sogar berühmter denn je. Der Drachen-Zweikampf soll sich der Überlieferung zufolge oberhalb des Tals Nant Gwynant in Snowdonia zugetragen haben.

König Arthus als Landesheld

Über 500 Arthus-Bücher gibt es heute allein in englischer Sprache, und auch Hollywood mischte im Wettstreit um die lebendigste Interpretation des Themas mit. Den König, seine Ritter der Tafelrunde und den Zauberer Merlin erhob der walisische Gelehrte Geoffrey of Monmouth um 1135 zu Kultfiguren. In seiner zwölfbändigen "Geschichte der Könige Britanniens", dem ersten Arthus-Roman, lässt er den edlen König als Ahnherren aller Engländer auftreten.

Christen gegen Heiden

Vorbild ist die - historisch kaum greifbare Figur - eines britannischen Heerführers, der 537 in der Schlacht bei Camlan fiel. Verbürgt ist hingegen, dass der Abzug der Römer am Beginn des 5. Jahrhunderts ein Machtvakuum hinterließ, das Angeln, Sachsen und Pikten auffüllten. Gegen diese "heidnischen" Völker setzten sich die von irischen Mönchen missionierten Briten erbittert zur Wehr: als Hüter des heiligen Grals. Das Zentrum dieses Widerstandes war Camelot, der sagenhafte Königshof von König Arthus' tapferer Ritterrunde.

Wo war König Arthus zu Hause?

Den Anspruch, König Arthus' wahre Heimat zu sein, erheben heute viele Städte und Landstriche zu beiden Seiten des Ärmelkanals. Auch eine Gemeinde in Nordwales mischt in diesem Wettstreit mit: Llangollen www.llangollen.org.uk, eine Ortschaft mit 3000-jähriger Geschichte, idyllisch gelegen in einem Tal am Dee, von dem Fürst Pückler im Jahr 1928 schwärmte: "Eine Gegend, die nach meinem Urteil alle Schönheiten des Rheinlandes weit übertrifft." Ihren Anspruch gründet die Gemeinde, die heute vor allem für ihr Festival "International Musical Eisteddfod" www.international-eisteddfod.co.uk berühmt ist, unter anderem auf ein mittelalterliches Steinkreuz am Llangollen Canal. Die in der Inschrift erwähnte Gwenhwyfar ist keine Geringere als die Gattin König Arthus', Guinevere. Ein anderes Indiz ist das nahe gelegene Castell Dinas Bran - der Legende nach war es eine Zeit lang der Aufbewahrungsort des Heiligen Grals.

Was meint der Chronist?

Nach Geoffreys Chronik wurde König Arthus in Caerleon, heute ein Vorort von Newport im Südwesten von Wales, gekrönt und hielt dort fortan Hof. Nicht umsonst vermutete der Chronist den prachtvollen Hofstaat Arthus' in der Stadt am Usk: Ihn inspririerten die Ruinen eines Römerlagers aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. 700 Jahre später erfand Lord Tennyson angesichts eines großen, grasüberwachsenen Hügels am Ortsrand "King Arthur's Round Table". Und 1926, als Archäologen der Sache auf den Grund gingen, kam zwar keine Tafelrunde, aber dafür ein fast ebenso sensationelles römisches Amphitheater mit Platz für 6000 Schaulustige zum Vorschein. Nur wenige Kilometer nordwestlich der Fundstelle befindet ein jüngeres, aber nicht weniger faszinierendes archäologisches Denkmal:

Ein Monument der Romantik: Tintern Abbey

"Etwas so in dieser Art in sich Vollendetes, so durch und durch Poetisches war mir noch nie vorgekommen!", schrieb 1844 Carl Gustav Carus, der Freund von Caspar David Friedrich und Johann Wolfgang von Goethe, während einer Wales-Reise. Doch seine Begeisterung war nur ein später Nachhall der Faszination, die die Ruine der gotischen Abtei auf die walisischen und englischen Romantiker der ersten Stunde ausübte: Der Maler William Turner besuchte die Ruine im äußersten Südwesten des Landes gleich drei Mal, malte und zeichnete sie. Seine Werke wurden in Kupferstichen verbreitet und lockten in der Folge immer mehr Künstler und Literaten in das idyllische Wye Valley.

Pilgerziel für Nostalgiker

Die Abtei, erbaut in den Jahren 1270-1301, war eine von 15 Klostergründungen der Zisterzienser in Wales. Sie lag so abgeschieden, dass sie von Kriegen und Plünderungen verschont blieb. Und erst 1536 hauchte die Reformation Henrys VIII. ihr das Leben aus. Das Schicksal anderer Ruinen blieb ihr erspart, weil es in der unmittelbaren Nachbarschaft keine Dörfer gab, die sie als Steinbruch benutzen konnten. So wurde die gut erhaltene Ruine im 18. Jahrhundert zum Kristallisationspunkt der romantischen Sehnsucht, zum Pilgerziel für Nostalgiker - darunter auch William Wordsworth: Er schrieb 1798 nach einer Wanderung im Tal des Wye seine berühmte Ode "Tintern Abbey".

Harlech Castle

Von Kriegen und Fehden zeugen die zahlreichen Burgruinen von Wales. Eine der schönsten von ihnen befindet sich etwas nördlich von Llanbedr an der walisischen Westküste: Harlech Castle www.castlewales.com/harlech.html . Die Festung ist nicht nur ein gut erhaltenes Exemplar aus dem Burgen-Ensemble von Edward I. Die Ruine ist durch ihre Lage auf einem Felsen mit der atemberaubenden Kulisse der Snowdonian Mountains und dem freien Blick auf das Meer auch landschaftlich ein Muss. Natur und Geschichte, Macht und Schönheit kommen auf diesem Felsvorsprung zusammen.

Der "Eiserne Ring" um Nordwales

Sechs Jahre, von 1283-89, benötigte James of St. George, der Baumeister des Königs, für die Errichtung der Anlage mit einem fast quadratischen Grundriss und den vier Ecktürmen. Die Lage hätte besser nicht gewählt sein können: Auf einer Felsen-Anhöhe, die zu drei Seiten fast senkrecht abfällt und direkt am Wasser. Denn wie andere Burgen des "Eisernen Rings" an der Nordwestküste von Wales wurde sie von Wasser aus versorgt - die Tremadog Bay reichte damals noch bis direkt an die Festung heran.Während des Rosenkriegs, im Jahr 1468, belagerte der Earl of Pembroke die Festung - erfolglos. Den Stolz und den Trotz der tapferen Männer von Harlech besingen die Waliser noch heute in dem Lied "Men of Harlech": Men of Harlech, march to glory, victory is hov'ring o're ye,/ Bright-eyed freedom stands before ye, hear ye not her call?

"Knights et Armis"

Damit nicht nur die baulichen Überreste der alten Zeiten erhalten bleiben, kümmern sich seit 1999 Enthusiasten um das Erbe des Mittelalters, besonders des 14. Jahrhunderts. Schauspieler, Archäologen, Stadtführer und Köstumberater sind die Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft "Knights et Armis", die sich zum Ziel gesetzt hat, mittelalterliche Geschichte und Lebensart erfahrbar zu machen. Mehrmals jährlich schlüpfen die Aktoren in ihre Kostüme und halten mittelalterliche Reitturnieren und Märkten ab oder spielen Schlachten nach. Nach passenden Kulissen brauchen die Edelleute, Krieger und Handwerker nicht lange zu suchen: Pembroke Castle, Chepstow Castle, Caerphilly Castle sind nur einige der echt mittelalterlichen locations.

Die Talyllyn Railway in Mittelwales

Paradies für Nostalgiker des stählernen Dampfrosses In späteren, weniger mythischen Zeiten spielten auch in Wales die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik eine große Rolle: Ein ganzes Netz von Dampfeisenbahnen durchzieht Wales, Industrie- oder kleine Regionalbahnen, die von Eisenbahn-Fans gepflegt und betrieben werden. Acht Eisenbahnen haben sich zu den "Great Little Trains" www.greatlittletrainsofwales.co.uk zusammengeschlossen, einer Vereinigung unabhängiger Schmalspurbahn-Betreiber. Die Bala Lake Railway zum Beispiel kutschiert heute Touristen fauchend am gleichnamigen See entlang. Unterwegs gibt es vier Möglichkeiten aus- oder zuzusteigen, eine Wanderung zu unternehmen oder einfach die Natur am See zu genießen. Im Unterschied zu vielen Museumsbahnen bieten einige der Bahnen einen ganzjährigen Betrieb an. Unternehmungslustige mit einem Hang zur altertümlicher Technik können so durch die Brecon Beacons ruckeln, von der Küste in die Berge dampfen oder an Seen entlang und durch die wilden Täler des Westens.

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