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Liechtenstein: Kleines Land, großer Spaß

Warum zum Wintersport nicht einmal nach Liechtenstein? Das Skigebiet des beschaulichen Zwergstaates ist familienfreundlich - und hat schon Weltklasseläufer hervorgebracht.

Pizza! Spaghetti! Schön Pizza machen. Und jetzt wieder Spaghetti." Michaela und Desiree wissen, wie sie ihren Schützlingen das Lernen schmackhaft machen können. Ein Zwerg nach dem anderen rutscht an den Skilehrerinnen vorbei den Übungshang runter. Dick eingepackt, mit Sturzhelm auf dem Kopf und riesiger Rennbrille. Beim Pizza-Kommando gehen die Beine zum Schneepflug auseinander und formen ein Dreieck - wie ein herausgeschnittenes Stück Pizza. Ertönt "Spaghetti", sollen die Kinder die Bretter wieder parallel laufen lassen. Leuchtet ein, klappt prima.

Es ist halt alles auf die Kleinen zugeschnitten in Malbun, dem beschaulichen Wintersportgebiet von Liechtenstein. "90 Prozent unserer Teilnehmer sind Kinder", erzählt Skischulleiter Engelbert Bühler, "kaum ein Lift ist so ausgelastet wie unser Liliput-Lift hier an der Schule."

Ob's daran liegt, dass das Land selbst so klein ist? Ein Tropfen auf der Europakarte, eingerahmt von Österreich und der Schweiz. 24,6 Kilometer lang, 12,4 Kilometer breit. Gut halb so groß wie München, rund 34500 Einwohner. Ein Fürstentum und Zwergstaat wie Monaco, nur nicht so schillernd. An Ferien in herrlicher Landschaft denken die wenigsten, wenn sie den Namen Liechtenstein hören. Nicht an grüne Täler, durch die sich ein hier noch türkisblauer Rhein schlängelt, und auch nicht an schneebedeckte Alpengipfel. Stattdessen an das, womit Steueroasen regelmäßig in die Schlagzeilen geraten: Schwarzgeld, dubiose Stiftungen, Briefkastenfirmen.

Andrea und Ulf Perthel aus Köln ging es genauso. Aber nun fühlen sie sich wie in einer Familienoase. Der Arzt und die Grafikerin hatten ein Urlaubsziel gesucht, wo Kinder gern gesehen sind und Eltern auch Zeit für sich haben. So waren sie auf das Familienhotel Gorfion in Malbun gestoßen. Zum Mittagsimbiss machen sie es sich mit ihrer vierjährigen Tochter Thila und dem sechsjährigen Sohn Tilman in einer Sofaecke des Hotels bequem. Ansonsten sehen sie den Nachwuchs wenig. "Die sind ja den ganzen Tag im Skikurs und werden danach direkt von der Kinderbetreuung des Hotels übernommen", schwärmt die Mutter. Die Kleinen sind begeistert. Morgens starten sie tanzend und singend in den Tag, mit Smiley, dem Hotelmaskottchen, in dessen Kostüm eine Kinderanimateurin schwitzt. Und nachmittags haben sie sich kaum aus den Skischuhen gewunden, schon stürmen sie in den Kinderraum: in eine Welt mit Piratenschiffen und Papageien an den Wänden, mit Rutsche, Burg, Holzeisenbahn, Wasserfarben und Schlafmatratzen. Montags steht Marionettentheater auf dem Programm, dienstags Fackelwanderung, donnerstags Zirkus, freitags Pizzabacken. Und am Frühstücksbüfett liegen geschmierte Nutella-Brote, auf Griffhöhe für Vierjährige. Das Familienfreundlichste am Skigebiet Liechtenstein aber hat die Natur geschaffen. Malbun - der Ort liegt 1600 Meter hoch, das Skigebiet auf 2000 Metern - lässt sich von der Lage mit dem Abfluss eines Waschbeckens vergleichen. Egal, wo man sich auf den umliegenden Bergen befindet, auf welcher Piste man abfährt - alles trudelt immer wieder im selben Tal ein. Sich in angrenzende Skigebiete zu verirren: ausgeschlossen. Alpine Herausforderungen darf man allerdings nicht erwarten, bei insgesamt 21 Pistenkilometern. Zum Vergleich: Sölden hat 150, der Arlberg vernetzt 260 Kilometer. Aber mittelprächtige Gelegenheitsläufer und entspannte Könner fühlen sich wohl auf den meist blauen und roten Abfahrten. An den zwei Sesselbahnen und vier Schleppliften flutscht es ohne langes Anstehen, und rücksichtslose Pistensäue sieht man genauso selten wie schickes Gehabe.

Stattdessen kann es passieren, einen Lokalmatador wie Marco Büchel zu treffen. Wenn die Weltcup-Saison gelaufen ist, mischt sich der Weltklasseläufer gern unter seine Landsleute. Am Karfreitag zum Beispiel, da startet von der Hütte am Sareiserjoch aus das traditionelle Mostrennen (gesprochen: Moscht). Ein Hindernislauf mit Schnapspausen und Rechenaufgaben. Am Ziel gilt es, ein Ei ins Nest zu werfen, bevor an der Schneebar der Apfelwein fließt. Büchel müsste schon rückwärts fahren, um nicht als Erster an der Theke zu stehen, und alle freuen sich, als hätte er in Wengen oder Kitzbühel eine Medaille geholt. Die Liechtensteiner, von ihrer Fußballnationalmannschaft nicht gerade verwöhnt, sind furchtbar stolz auf ihr Skiass; wie schon in den 70er und 80er Jahren bei den mehrfachen Olympiasiegern Hanni und Andreas Wenzel. Events wie das Mostrennen sind Saisonhöhepunkte, jedenfalls, was das Feiern betrifft. Ansonsten heißt es bei Après-Ski: Fehlanzeige. Tagsüber spielen sie auf den Sonnenterrassen zwar "Let's have a party tonight!" - bloß wo?, fragt man sich. Oben im Sareiserjochhaus ist donnerstags Raclette-Abend, dann spielt einer Schifferklavier, aber um halb elf ist Schluss, dann geht der Lift. Eine perfekte Kneipe zum Schwofen wäre die "Gitzihöll" mit ihren schummrigen Plüschecken. Aber voll wird es hier nur bei gelegentlichen Mottopartys und beim "Gitzihöll-Klettern": vom Tresen losspurten, sich durch eine nicht mal rettungsringgroße Gipsverstrebung unter der Decke zwängen und mit blauen Flecken wieder zurück. Der Rekord liegt bei sechseinhalb Sekunden. Dafür lässt sich tagsüber einiges entdecken in dem kleinen Land. Wer einmal nicht auf die Piste will, erreicht mit den limettengrünen, umweltschonend mit Gas betriebenen Bussen die meisten Liechtensteiner Ausflugsziele in einer halben Stunde. Das Skimuseum zum Beispiel, wo einem der ehemalige Olympiateilnehmer Noldi Beck klobige Drei-Meter-Bretter zeigt, mit denen der Schweizer Karl Schlumpf 1930 Geschwindigkeitsrekord fuhr - 101 Klamotten pro Stunde, todesmutig ohne Sturzhelm, nur mit Zipfelmütze.

Oder das Kunstmuseum, ein gewaltiger Monolith mit schwarz glänzender Basaltfassade, die Attraktion in der Hauptstadt Vaduz. Klassiker wie Corot, Courbet und Turner finden sich hier, aber vor allem Modernes von Dal' bis Beuys. Gesehen haben muss man natürlich auch das Schloss, das auf einer Felsterrasse über dem Zentrum von Vaduz thront. Hier residiert Fürst Hans-Adam II., Nachfahre des Johann Adam Andreas von Liechtenstein, dem der Kleinstaat seine Existenz verdankt. Mit dem Erwerb des Gebirgsfleckens zu Beginn des 18. Jahrhunderts erkaufte er sich Sitz und Stimme im Deutschen Reichsfürstentag. Ein Leben ohne Fürstenhaus, ohne Hans-Adam und seine Gattin Marie, die von Briefmarken lächeln und die man schon mal in der Apotheke trifft - das kann sich eigentlich kein Liechtensteiner vorstellen. Und doch hat die Liebe etwas gelitten, seit der Fürst vor zweieinhalb Jahren mehr Macht gegenüber dem Parlament forderte, sogar mit Abwanderung drohte - und schließlich per Volksentscheid seinen Willen bekam. Den Verfassungsstreit hat inzwischen ein anderes Thema abgelöst. Nun lassen sich die Kommentatoren von "Vaterland" (eine links! ausgerichtete Tageszeitung) und "Volksblatt" (rechts) über die neue Image-Kampagne der Regierung aus. Die sieht unter anderem vor, Liechtenstein stärker als Ferienland zu präsentieren. Natürlich auch weiterhin als Finanzplatz, aber als sauberen. "Es kann nicht sein, dass Leute Bedenken haben, hier Urlaub zu machen, weil jemand sie sehen und als Steuerflüchtling beim Finanzamt anschwärzen könnte", sagt Michael Gattenhof, Geschäftsführer der Image-Stiftung. Noch wichtiger als eine weiße Weste ist für Malbun die weiße Pracht. Schneekanonen werden kommen, wohl schon in der nächsten Saison. Die vorigen Winter waren zwar üppig, aber der Föhn ist unberechenbar, und plötzlich sind die Hänge zum Weihnachtsfest grün. Langfristig sollen 40 Millionen Franken investiert, Schlepplifte durch bequeme Sesselbahnen ersetzt, der Ortskern autofrei werden. Und die wichtigste Kundschaft darf sich auf einen erweiterten Kinderbereich freuen: mit Karussell, Rutschbahn und Förderbändern. "Wir wollen mit der Zeit gehen, aber weiterhin ein Nischenprodukt bleiben", sagt Patrik Schädler, Präsident von Malbun-Tourismus: "Klein und idyllisch. Ein Platz für Familien."

Uwe Rasche / print

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