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Originelle Hostels in Europa: Gute Nacht, Freunde

Das "s" in der Mitte macht den Unterschied: In den neuen Hostels schläft man für kleines Geld, aber oft auf Hotelniveau. Wir stellen zehn lässige Häuser mit Stil und Nestwärme vor.

Von Petra Meyer-Schefe

Im Kamin lodern die Flammen, und Gäste haben es sich auf der breiten Couch bequem gemacht. Hinter der Bar rasselt ein Cocktail-Shaker, und ab und an zischt diskret eine Espressomaschine. Stoffe und Materialien der Einrichtung sehen gut und teuer aus. Würden hier Kellner umherwieseln, könnte man es für ein Hotel mit vier Sternen halten. Doch die Gäste mixen sich ihre Drinks selbst und helfen einander, ganz selbstverständlich, beim Caffè-Latte-Aufbrühen.

Wir befinden uns in Berlin, in einem von drei "Baxpax"- Häusern, die mit ihren Lounges und Cafébars typisch sind für eine neue Generation unkonventioneller Herbergen: weder teure Hotels noch Billig-Burgen. So individuell, dass man bei vielen "Boutique" davorschreiben könnte. Design darf sein, aber gern mit etwas Ironie. Komfort? Unbedingt, doch ohne den unformierten Luxus, den man aus der Hotellerie kennt. Wir haben Hostels in Deutschland und Europa entdeckt, probegewohnt und in Gemeinschaftskühlschränke geblickt. Oft mussten wir unsere Betten selbst beziehen und beim Abwasch helfen. Wir schliefen unter Hirschgeweihen und unter Honeckers Augen und lernten überdurchschnittlich viele Menschen kennen, die um die Welt reisen. Eine Erkenntnis: Hostels dürfen alles sein, nur nicht langweilig.

Die Zeitschrift "Geo Saison" stellt in ihrem Mai-Heft originelle, gelungene und preisverdächtige Häuser vor - von Berlin bis Oberhausen, von Prag bis Lissabon. Einige stellen wir hier vor, weitere Tipps finden Sie im aktuellen Heft (5/2010), das für 5 Euro Kiosk erhältlich ist.

Baxpax, Berlin

Eine blöde Idee, aber für einen Augenblick trotzdem sehr verlockend: Wir könnten heute Abend Spaghetti kochen und "Tatort" sehen. In der Küche unseres schicken, mit dunklem Parkett ausgelegten Apartments ist alles vorhanden: Geschirrspüler, Mikrowelle, Töpfe, Teller und sogar Rotweingläser. Einen so coolen Flachbildschirm haben wir zu Hause auch nicht. Auf dem Sofa könnten wir uns aneinander kuscheln, Erdnüsse knabbern und ab und an durch die bodenlangen schrägen Fenster den Blick über die Dächer von Berlin schweifen lassen. Oder wir ziehen auf die Dachterrasse um, wo die Leute mit einem Drink um den Pool herum liegen. Eine Sauna haben sie auch. Es ist gar nicht so leicht, in diesem Hostel den Ausgang zur Stadt zu finden, vorbei an der Lounge mit Kamin, den Internetterminals, dem Kicker, dem Innenhof. Wir spazieren dann doch hinaus, zur Museumsinsel und über die Oranienburger mit ihren Läden und Straßencafés. Mit dem festen Vorsatz: Sollte es auch nur ein paar Tropfen regnen, machen wir es uns gleich wieder zu Hause gemütlich.
Ziegelstr. 28, Tel. 030-27 87 48 80, www.baxpax.de; DZ ab 54 €, Bett im Dorm ab 10 €, Apartment ab 60 €, Frühstück 5,50 €.

Five Elements Hostel, Frankfurt

Da möchte man sich stundenlang berieseln lassen: Wie ein sanfter Tropenregen perlt das Wasser in der Dusche vom Typ "Rainshower" herab. Der Name "Five Elements Hostel" steht nicht für Feng Shui, sondern für zentrale Lage, saubere Zimmer, Rezeption und Bar rund um die Uhr, Touren- und Unterhaltungsangebote und nette Mitarbeiter. Die Umgebung, das Rotlichtviertel am Hauptbahnhof, mag für manchen Europa-Neuling aus Übersee erst mal ein Schock sein, aber hier wohnt man im Herzen Frankfurts, und die freundlichen Menschen an der Rezeption wissen den schnellsten Weg zum Main und zum Museumsufer und empfehlen Bars und Restaurants. Auch in der Lobby mit Cocktailbar, langen Tischen und schwarzen Ledersofas ist immer etwas los. Beliebt sind Ausflüge in Jazzclubs und Kneipen oder nach Sachsenhausen, zum Äppelwoi. All das hat sich auch unter Geschäftsleuten herumgesprochen, zu Messezeiten herrscht Hochbetrieb. Aber für Backpacker wird immer ein Bett freigehalten. Sehr sympathisch.
Moselstr. 40, Tel. 069-24 00 58 85, www.5elementshostel.de; DZ ab 65 €, mit Etagendusche ab 50 €, Bett im Dorm ab 18 €.

Labyrinth, Weimar

"Na, nu jeben se mal ihren Teller her! Ick bin ja hier schon am Abwaschen!" Ob der freundliche Berliner Rentner zu Hause auch so freiwillig an der Spüle steht? Seine Frau schmunzelt. Eigentlich wollten sie in eine Frühstückspension. Mangels freier Betten landeten sie in Weimars neuem Hostel - und sind überrascht: "Alles sauber und ordentlich." Dass man morgens seinen Teller selbst abwaschen muss, fördere ja die Kommunikation. Im "Labyrinth", zentral am Goetheplatz gelegen, fühlt man sich ein bisschen wie in einer Wohngemeinschaft auf Zeit. Jeder wird geduzt, bekommt beim Einchecken Bettwäsche und Handtücher in den Arm gedrückt und die Aufforderung: "Dann lebt euch mal gut ein." Hoch-, Stock-, Doppelbett, französische Liege - jedes Zimmer ist anders eingerichtet und dekoriert. Vielleicht nicht immer ganz fachmännisch, aber liebevoll. Die Bäder und Toiletten auf dem Flur sind neu und tipptopp. Das Mobiliar im Frühstücks- und Aufenthaltsraum ist ein Sammelsurium aus Trödelladen und Entrümpelung mit kleiner Bibliothek, Gitarre an der Wand und Laptop zum Ausleihen. Geschäftsführer Andreas Taut steht tagsüber hinter der Rezeption, seine Schwester Uli kümmert sich morgens um knusprige Brötchen, Kaffee und Tee. Bedienen muss man sich selbst, dafür serviert sie jede Menge Kulturtipps rund um Weimar wie auf einem Silbertablett.
Goetheplatz 6, Tel. 03643-81 18 22, www.weimarhostel.com; DZ ab 44 €, Bett im Dorm ab 13 €.

Ostel, Berlin

Na Erich, da guckste. Das Porträt des ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden hängt auf einer großgemusterten Tapete, die auch die Karat-Schrankwand und den Gummibaum umflort. In einem Plattenbau in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs kann sich der Reisende wie in der Filmkulisse von "Good Bye Lenin" fühlen: zeitversetzt in die frühere DDR, eigentlich überhaupt in die Siebzigerjahre. Raumgreifende Wandmuster in Prilblumengrün gab es schließlich auch im Westen. Inzwischen sind sie schwer zu bekommen. Die ehemaligen Artisten Daniel Helbig und Guido Sand stöbern auf Flohmärkten nach Accessoires, kaufen Möbel bei Ebay und greifen bei Haushaltsauflösungen zu. Ostalgie? "Nein, es ist einfach witzig."Amerikaner, Skandinavier und Wessis schlafen gern im "Pionierlager" mit Doppelstockbetten und Gemeinschaftsbad oder in Schlafzimmern wie damals bei den Ostverwandten. Berlin erkunden die Gäste mit original DDR-Fahrrädern oder bei einer Stadtrundfahrt im blauen Trabbi. Abends sitzt man vor der Platte im aufgeschütteten weißen Sand, spielt Beachvolleyball oder schwingt auf der Hollywoodschaukel zufrieden ins Jetzt zurück. Und vielleicht schaut man später noch im legendären Club "Berghain" und im "Badeschiff" vorbei - die liegen "umme Ecke".
Wriezener Karree 5, Tel. 030-25 76 86 60, www.ostel.eu; DZ ab 61 € (mit Etagendusche ab 54 €), Bett im Pionierlager ab 9 €, Ferienwohnung ab 120 €, Frühstück ab 6,50 €.

Superbude, Hamburg

Sie hat sich ihren Namen verdient. Nahe der City und dem Hafen trumpft sie mit ausgefallenen Designideen auf: Aufgerollte Schiffstaue und gepolsterte Bierkästen dienen als Sitzgelegenheiten, die Schreibtische waren früher Teekisten. Das Frühstücksbuffet ist köstlich, und wer etwa nach einer langen Hamburger Nacht Hunger verspürt, schiebt sich selbst eine Pizza in die Mikrowelle. Von "Geo Saison" im Februar 2010 als "bestes Hotel unter 100 Euro" ausgezeichnet.
Spaldingstr. 152, Tel. 040-380 87 80, www.superbude.de; DZ ab 59 €, Bett ab 16 €.

In Hotsel Veritas, Oberhausen

Wer in diesem Jahr das Ruhrgebiet als Europäische Kulturmetropole besucht, der kann hier gleich in einer Zeche übernachten, in fröhlich bunten Zimmern, die "Stille Nacht?", "Mondenschein" oder "Bettgeflüster" heißen. Vor dem süßen Schlaf sollte man sich ein Pilsken im Biergarten gönnen oder die Musicals im nahegelegenen Metronom- Theater besuchen.
Essener Str. 259, Tel. 0208-869 08 84, www.inhostel-veritas.de; DZ 54 €, 4-Bett- Suite 96 €, Bett im Dorm 14 €.

Oops, Paris

Eine preiswerte Unterkunft mit aufregendem Design und das nicht weit vom Quartier Latin? Träume können wahr werden: Der Pariser Innenarchitekt Philippe Maidenberg hat mit viel Farbe, Tapetenmustern und kuriosen Möbeln ein Hostel geschaffen, das Spaß macht. Die Zimmer, alle mit stylischen Bädern, haben Hotelstandard.
Avenue des Gobelins 50, Tel. +33-1-47 07 47 00, www.oops-paris.com DZ ab 70 €, Bett im Dorm ab 30 €.

YHA, London

Kein Joke: London muss nicht teuer sein. In diesem modernen Haus der britischen Youth Hostel Association, nur fünf Minuten von der Oxford Street gelegen, findet man penibel saubere und geräumige 4- bis 8-Bett-Zimmer, alle mit Bad und WC. Schick sind Bar und Lounge sowie das Café im Erdgeschoss mit Flatscreens und bunten Möbeln. Und man will individuell bleiben: Familien sind herzlich willkommen, Schulklassen und größere Gruppen nicht.
Bolsover St. 104, Tel. +44-84 53 71 91 54, www.yha.org.uk; Bett ab ca. 28 €, unter 18 J. ab ca. 21 €.

Miss Sophie's, Prag

Ein Boutiquehostel mit unschlagbar erscheinendem Preis-Leistungs-Verhältnis: modernes Design mit zeitgenössischer Kunst in einem historischen Gebäude in der szenigen Neustadt von Prag, außergewöhnlich schöne Zimmer, Apartments mit luxuriösen Bädern, Kellerbar und eine Terrasse.
Melounova 3, Tel. +420-296 30 35 32, www.miss-sophies.com; Übernachtung ca. 20 €, DZ ca. 75 €, Apartment ca. 90 €.

Lissabon Lounge Hostel, Lissabon

Weiße Wände und Holzfußböden waren die Basis, Künstler brachten Spaß und Farbe ins Spiel: mit Graffiti und Gemälden, bunten Sitzkissen und witzigen Accessoires. Abends wird ein preiswertes, köstliches Essen angeboten. Man fühlt sich gleich heimisch, fast so, als säße man bei Freunden am Tisch.
Rua Sao Nicolau 41, Tel. +351-21-346 20 61, www.lisbonloungehostel.com; Ü/F ab 18 €, DZ/F ab 50 €.

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