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Saint-Tropez: Mit dem Jet-Set baden gehen

Schön, schrill und schwerreich - so sieht die Welt die Szene in Saint-Tropez. Jeden Sommer herrscht High Life an der Côte d'Azur, und trotzdem hat sich der ehemalige Fischerort noch viel von seinem Charme bewahrt

Die Party beginnt gleich nach dem Frühstück. In den Eiskübeln klimpern Dreiliterflaschen, Roséwein vom nahen Chateau des Marres für 250 Euro. Aus den Boxen wummert "The World Is Mine", der Sommerhit von David Guetta. Rund um den Pool liegen dezent bronziert die Schönen unter Pinien auf weißem Skaileder, tragen untenherum bunte und sehr kleine Dreiecke, oben dunkle Pilotenbrillen oder besonders breitkrempige Sonnenhüte von Dior. Es ist gegen 14 Uhr im "Nikki Beach Club" von Saint-Tropez, der "coolsten Strandhütte des Planeten", wie das US-Magazin "Vanity Fair" findet. Draußen, im Schatten meterhoher Schilfstauden, parken Maseratis, Lamborghinis und gewöhnliche Porsches, drinnen kommt ganz in Weiß ein Kellner mit frischem Meeresgetier an die Tische. "Drei Kilo", sagt er und hält einen Riesenhummer mit wild zuckendem Schwanz in die Höhe. Ein graumelierter Herr in den späten Fünfzigern nickt, da ist auch schon seine Freundin aus der Nikki-Boutique zurück, präsentiert sich in einem winzigen Bikini, den sie im Shop gekauft hat, und wieder nickt der Silberschopf. "Vor ein paar Tagen war Bono hier", sagt Eric Omores. Er sitzt an der Bar und ist der Manager vom Nikki, ein altersloser Sunnyboy in weißem T-Shirt und senfgelber Hose, geboren im Senegal, geschult in der Fun-Metropole Miami und heute in Saint-Tropez der große Bringer an der Hedonisten-Front. Das Wichtigste in seinem Club: schöne Frauen. Das Zweitwichtigste: schöne Frauen.

Ohne Leute mit Geld läuft in dem HipHop-Wellness-Tempel nichts. "Viel Geld", lacht Omores und beginnt von Saint-Tropez zu schwärmen, von seinem Mythos und Reichtum, da baut sich vor ihm im rosa Minirock eine imposante Blondine auf, die schnell mal einen Termin zur Maniküre braucht - Ivana Trump. Wichtig sei die Musik, erklärt Omores, als die Ex-Gattin des New Yorker Multimilliardärs auf ihren hochhackigen Bastschuhen davonwackelt, "die ist bei uns schön beachy und happy, damit alle jederzeit ihren Hintern bewegen und ihre Probleme vergessen können". Frivolität und Freizügigkeit - darauf versteht man sich seit je besonders gut im alten Fischerort, der nur rund 6000 Einwohner zählt, aber jedes Jahr fünf Millionen Besucher hat. Der Aufstieg begann vor über 100 Jahren. Zuerst waren es die Maler, die in Saint-Tropez mit wilden Bildern schockierten, dann kamen Schriftsteller wie Colette und Jean Cocteau, danach die Filmstars, und spätestens 1955, als Roger Vadim hier mit Brigitte Bardot "Und Gott erschuf die Frau" drehte, war das wunderbar verträumte Dorf mit den blühenden Oleandern in den Gassen und den superben Bistros an der Hafenpromenade in aller Welt bekannt. Später fielen die Rockstars ein, im Hippie-Kostüm heiratete Mick Jagger in der Kapelle Ste-Anne 1971 das Fotomodell Bianca. Heute sammelt sich um Europas schrillstes Partystädtchen jeden Sommer der globale Geldadel; vorbei die Zeit, als man sich in Saint-Tropez eine Villa kaufen musste, um zum Jet-Set zu gehören. Die Sonnenkönige der Neuzeit kreuzen mit ihren Luxusyachten auf, sie heißen Paul Allen (Microsoft-Mitbegründer) oder Roman Abramowitsch (Öl-Tycoon). Ihre schwimmenden Paläste beherbergen Hubschrauber, Sportplätze, Tauchzentren, Raketenabwehrsysteme. Und wer wirklich Geld hat, kommt nicht im Ferrari zu Nikki, sondern übers Meer im Beiboot einer Yacht - Paris Hilton, die an diesem Nachmittag im Chiffon-Bikini mit Leopardenmuster aufkreuzt. Ein paar Schaulustige umringen die Hotelerbin, doch die meisten Urlauber haben hier, am Strand mit den meisten Promis im gesamten Mittelmeerraum, schon genug Berühmtheiten gesehen. Rund 40 weitere Clubs finden sich neben dem Nikki an der fünf Kilometer langen Bucht von Pampelonne, doch zwischen den exklusiven Etablissements gibt es auch überall frei zugängliche Abschnitte. Das Parken kostet drei Euro pro Tag, die Leute holen ihre Sonnenschirme aus dem Kofferraum und stapfen zu den nur wenige Meter entfernten Stränden. Der Sand ist fein, das Meer klar, eine Cola oder ein Eis kaum teurer als anderswo, und selbst im August findet jeder einen Platz.

Die illustre Pampelonne-Meile gehört eigentlich zum Nachbarort Ramatuelle, einem alten Sarazenendorf inmitten von Weinbergen, Olivenhainen und Eukalyptusbäumen. Viele Familien gehen dort jedes Jahr in die gleichen Hotels oder Gästehäuser. Zehn Autominuten westlich des Rummels, im Ortsteil Escalet, gibt es Felsenbuchten und einen von Ginsterbüschen gesäumten Trampelpfad hinüber zum etwa 300 Meter breiten Traumstrand de la Briande. Da bauen Eltern ihren Kinder kleine Schilfhütten - der Sommer, das bedeutet für die Franzosen hier an der Riviera vor allem eines: "la fête". Also feiern, Spaß haben, gut essen und trinken, viel lachen und draußen in der Natur sein. Unter Schirmpinien hat sich eine muntere Pariser Familie hinter den Pampelonne-Clubs einen alten Bretterverschlag gemietet, über den Eingang "Le Tahitienne" gepinselt und verkauft dort fleißig Aprikosen, Zeitungen und Joghurts an Touristen. "Wir bleiben den ganzen Sommer, schlafen im Freien", sagt die Mutter, "und machen dabei noch ein Geschäft." Fröhlich wie im "Tahitienne" begann in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts der Trubel am türkisfarbenen Meer von Saint-Tropez. Der Pionier hieß Bernard de Colmont, ein weit gereister Ethnologe. Ihm gefiel die damals noch einsame Schilfküste so gut, dass er sich dort ein Holzhäuschen baute, das wenig später Roger Vadim beim Dreh zu "Und Gott erschuf die Frau" als Kantine diente. Noch voller wurde die Hütte nach der Filmerei, es kamen Gunter Sachs, Romy Schneider und Alain Delon, und alsbald hieß die Bretterbude "Club 55" - heute eine hochelegante VIP-Lounge, in der selbst Scheiche und Superstars oft vergebens um Tische betteln. Problemlos dagegen jeder Auftritt bei Nikki. Spätnachmittags hat längst der Wechsel vom Rosé zum Champagner stattgefunden, die Schönsten tänzeln bereits am Beckenrand, und gleich geht's los mit der Duscherei. Ein paar Jungs aus Amsterdam fangen an, verspritzen kurz mal zehn Pullen Heidsieck für schlappe 120 Euro die Flasche, und schon kontert eine Briten-Truppe mit etwas teurerem Dom Pérignon - so lange, bis Haare und Höschen so richtig nass sind und alle selig in den Pool stürzen. "Das nennt man ein Champagner-Duell", sagt Clubchef Omores; die teuerste Flasche bei ihm, eine Jeroboam Cristal Roederer, bringt ein Minus von 5800 Euro auf die Kreditkarte. Die Vorabend-Show ist gelaufen, jetzt heißt es Kräfte sammeln fürs Nightlife. Erst mal einen Aperitif nehmen. In der "Bar du Port" oder bei "Sénéquier" vorn am Kai, wo die dicksten Yachten liegen. Sie heißen "Deep Blue", "Lady Marina" oder "Che Guevara", blank gewienerte Ungetüme, die im Alten Hafen kaum durch die Einfahrt kommen. 1200 Euro kostet der Liegeplatz pro Tag, für 185 000 Euro die Woche soll hier Fußballstar David Beckham die "High Chaparral" gemietet haben.

Gleich ist Sonnenuntergang, Tausende ziehen über die Promenade, blicken staunend auf die Hinterdecks, hinauf ins Glitzerdekor der Reichen und ihrer Dienerschaft. Schüchtern posieren vor der "Red Dragon", einem High-Tech-Segler mit 30 Meter hohem Mast, drei ärmlich gekleidete Schulbuben. Sie kommen aus Kiew, Papa knipst, "FBI" steht bei einem der Kids auf dem T-Shirt. An der Place des Lices, nur ein paar Schritte vom Hafen, sind zwischen mächtigen Platanen bis spät in die Nacht die Boulespieler zugange, eine schöne Kulisse für ein Abendessen in einem der vielen Restaurants ringsum. Gut speist man auch nah beim Fischmarkt. Lokale mit einfachen Holztischen reihen sich dort aneinander, nirgendwo ein McDonald's, überall grau schimmernde Pflasterwege, alte Torbögen, Palmen, Galerien, von Bougainvilleen umrankte Fassaden, Kapellen, stille Ecken. Provence-Gefühl, Leichtigkeit des Seins. Eines muss man den Tropezianern lassen: Trotz des gnadenlosen Andrangs haben sie den Charakter des Orts bewahrt, der bereits im 16. Jahrhundert Sonderrechte hatte, um die Küste zu verteidigen. Nach Mitternacht gibt es in der stolzen Stadt genau drei Möglichkeiten, noch mal richtig viel Geld unter die Leute zu bringen. Im "Papagayo", im "VIP Room" und im "Caves du Roy". Besonders lang sind die Warteschlangen vor dem Caves. Im Sommer feiern hier jede Nacht 800 Leute. Ein Glas Wasser kostet 24 Euro. Der DJ heißt Jack E. und hat an der Wand Fotos, die ihn mit Jack Nicholson und anderen Hollywood-Größen zeigen. Kurz vor drei Uhr fährt er den Sound runter, eine riesige Wunderkerze leuchtet auf, jemand stemmt ein grün schimmerndes Aquarium voller Eiswürfel in die Höhe, und Jack E. dreht wieder auf. Die Super-Magnum wird hereingetragen, eine Methusalem Cristal Roederer für 30 000 Euro."Da sind sechs Liter drin", schmunzelt Caves-Boss Jean de Colmont, Sohn des Erfinders vom Club 55, und schaut hinüber zu den beiden Männern, die geordert haben: im Ölgeschäft tätige Pakistani, die in Monte Carlo leben und hier schon mal an einem Abend 390 000 Euro verpulvert haben. Eines sei klar, betont de Colmont mit ernstem Blick, "Champagner-Duschen gibt's hier nicht".

Tilman Müller / print

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